Bundestrainer Löw

Die (Kommunikations-) Probleme des Joachim Löw

Für viele überraschend gab der Bundestrainer Joachim Löw vor kurzem die Ausbootung der Nationalspieler Hummels, Boateng und Müller bekannt. Löw erklärte auf seiner Pressekonferenz, er habe nach dem WM-Debakel von Russland auf eine „Trotzreaktion“ der Mannschaft gehofft. Diese blieb bekanntlich aus (im Oktober gab es ein 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande und es folgte der Abstieg in der Nations League). Zu diesem Zeitpunkt hatte Löw noch erklärt: „Nur mit jungen Spielern geht es nicht.“ Es brauche beim Wiederaufbau ein Gerüst an erfahrenen Akteuren. Das holt Löw nun ein. Jener Widerspruch lässt ihn unglaubwürdig erscheinen. Und die Zweifel an ihm werden genährt. Und dass nicht erst seit seiner jetzigen Entscheidung. Erinnern wir uns:

Die deutsche Mannschaft hatte bei der WM 2018 restlos enttäuscht. Es fiel den deutschen Gegnern nicht schwer, die deutsche Taktik des permanenten Ballbesitzes zu durchschauen und sich darauf einzustellen. Das sah man schon im ersten Gruppenspiel. Die Mexikaner ließen die Deutschen einfach spielen und warteten in der eigenen Hälfte geduldig auf Abspielfehler. Und dann ging es blitzschnell über die Außen nach vorn. Das geschah während des Spiels ein Dutzend Mal ohne dass Löw seine Taktik geändert hätte. Prompt verlor Deutschland 0:1 und zwar verdient. Gegen Schweden ging es dank eines Tores in der Nachspielzeit gerade noch einmal gut; und gegen Süd-Korea bot sich das gleiche Bild wie gegen Mexiko. Das Spiel ging 0:2 verloren.

Löw hat während der Spiele kaum ein Coaching erkennen lassen. Er hätte erkennen müssen, dass der von ihm bevorzugte Ballbesitzfußball zwar zu einer Scheinüberlegenheit führte, letztlich aber ineffektiv blieb. Die deutsche Mannschaft spielte pomadig,  ohne Tempo und dadurch ausrechenbar. Die schnellen Spitzen Reus und Werner erhielten kaum brauchbare Bälle. Stattdessen wurde der Ball immer wieder quer und hin- und hergespielt. Man war sich seiner Sache zu sicher und Löw ließ die Mannschaft spielen. (Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Löw beim Coaching versagte. Das war auch bei früheren Turnieren schon so; z.B. bei der EM 2012 gegen Italien, als er eine vollkommen falsche Taktik wählte. Er wollte die italienische Mannschaft im Mittelfeld dominieren und merkte viel zu spät, dass die Italiener das Mittelfeld einfach preisgaben, indem sie es mit weiten Bällen auf die Stürmer überbrückten. Zweimal wurde die deutsche Mannschaft auf die gleiche Weise düpiert ohne dass Löw eingegriffen hätte).

Während Trainer wie Klopp oder Guardiola während des Spiels ständig Anweisungen von der Seitenlinie aus geben und  durchaus auch spontane Taktikänderungen vornehmen, sieht man Löw selten an der Linie. Er ist einfach zu sehr vom deutschen Spiel überzeugt. Ich erinnere mich, dass er nach der Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich bei der EM 2016 auf der anschließenden Pressekonferenz selbstbewusst erklärte, die deutsche Mannschaft sei trotz allem die bessere gewesen.

Auch blieb mir bei der WM 2018 unverständlich, warum Spieler wie Müller oder Khedira (man könnte auch noch andere Namen nennen), die sichtlich außer Form waren, spielen durften, während hochmotivierte Spieler wie z.B. Brandt immer erst kurz vor Schluss eingewechselt wurden. Wenn Löw doch so überzeugt von seiner Confed-Mannschaft war, die 2017 den Confed-Cup gewonnen hatte, warum hat er diesen Spielern nicht mehr Spielzeit gegönnt? Brandt hatte in den wenigen Minuten nach seiner Einwechslung mehr Torszenen als Müller im gesamten Turnier.

Ob Löw der richtige Mann für einen Neuaufbau ist – da habe ich, bei allen Verdiensten die Löw um den deutschen Fußball hat – meine Zweifel. Es dauerte Monate, bis er und Bierhoff ihre „Analyse“ der WM vorlegten. Außer einigen Belanglosigkeiten („wir waren fast ein wenig überheblich“) kam nicht viel dabei heraus. Das war keine Analyse, sondern bestenfalls eine „Anneliese“. So war es nicht verwunderlich, dass nach der WM zunächst einfach alles so weiterging. Spätestens da hätte es eines Schnittes bedurft und vielleicht hätte Löw gut daran getan, sich selbst einmal in Frage zu stellen. Z.B. war seine Berufungspraxis gelinde gesagt eher konservativ und mir teilweise unverständlich. Die Nichtberufung von Sané ist so ein Beispiel. Er, der zum besten Jungprofi der an jungen Talenten nicht gerade armen englischen Premier League gewählt wurde, wäre vielleicht der ideale Einwechselspieler gewesen. Stattdessen nominierte er Spieler wie Gomez (der seinen Zenit schon lange überschritten hat) oder Rudy, der über ein Statistendasein bei Bayern München nie hinausgekommen ist, was sich jetzt bei Schalke 04 fortzusetzen scheint.

Ich würde mir Horst Hrubesch als Interimstrainer wünschen. Er kann mit jungen Leuten arbeiten; das hat er 2008 bewiesen, als er mit der U 19 Europameister wurde. 2009 betreute er die U 21, die ebenfalls Europameister wurde; aus dieser Mannschaft gingen sechs Spieler hervor, mit denen Löw 2014 Weltmeister wurde. (Ich habe ihn zweimal live erlebt: beide Male schoss er 3 Tore: 1975 in Bremen, als er noch bei RW Essen spielte. Und Anfang der 80er Jahre in Köln, als er für den HSV spielte, mit dem er anschließend Europapokalsieger der Landesmeister wurde).

Dass er ein guter Trainer ist, hat er erst jüngst erneut bewiesen: als Trainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft.

Bildquelle: Wikipedia,  Steindy (talk), CC BY-SA 3.0

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


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