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Die Moral eines Philosophen – Gastbeitrag von Peter Bauer

Ich krieg die Krise: Wegen der Arthrose in der Hüfte kann ich nicht mehr spazierengehen, wegen des miesen Wetters kann ich derzeit nicht radfahren – und wegen eines der „wichtigsten deutschsprachigen Denker der Gegenwart“ steigt mein Blutdruck ins Unermessliche.
Also nicht wirklich, solch einen Einfluss hat Markus Gabriel nun doch nicht auf mich. Aber immerhin habe ich mich gewundert, wie der Professor für „Erkenntnistheorie“ in seiner Urteilsfindung, also am Schlusspunkt eines Nachdenkensprozesses, voll daneben haut. Wie war das doch im Interview der Funke-Gruppe, als es um den Sturm tausender Schneesüchtiger auf Winterberg ging: „Ich halte es für absurd, die Menschen pauschal daran zu hindern, in den Schnee zu fahren. Es ist nicht riskant, mit Kindern über eine einsame Schneewiese zu wandern.“

Der letzte Satz stimmt auf den Punkt – allerdings zogen die Menschen ganz pauschal auch nicht auf einsame Schneewiesen, sondern alle nach Winterberg an die Hänge und Pisten. Und dort wie auf dem Anmarsch (so kann man den uralten Sprachwitz weiterführen) pissten sie nicht nur, sondern schissen auch, wo es sie gerade anrührte, nicht nur hinter Hecken, sondern locker auch in Vorgärten. Wie allüberall in der Republik waren Gaststätten schließlich ebenso geschlossen wie die örtliche Ski- und Rodelinfrastruktur. Das hätte man natürlich wissen können. Aber wer will das schon, wenn der Lemming erst einmal losgezogen ist?

Mögen sich der Bürgermeister von Winterberg oder Gesundheitspolitiker mitten in der Corona-Krise auch noch so über das Verhalten dieser „Mitbürger“ aufregen, so kann der Philosoph aus Bonn im Herdentrieb der Schneefans auf Droge nichts Verantwortungsloses finden. „Spaß ist doch Teil des Verantwortungsgefühls,“ argumentiert er auf Messers Schneide. „Denn moralisch handeln, heißt ja nicht nur, zu Gunsten anderer zu handeln, sondern auch sich selbst Gutes zu tun und sich zu helfen“.
Ich gebe zu, es juckt mich in den Händen, diesen „Spaß-Apologeten“ mal durchzurütteln. Selbst Ohrfeigen könnten sich ja nach seiner eigenen Definition damit begründen lassen, mir (und mit Sicherheit nicht ihm) etwas Gutes zu tun.

Niemand verlangt, dass die Menschen in diesen bedrückenden Zeiten in ihren vier Wänden verharren und dieselben anstarren. Aber warum sind die Spielplätze leer, warum gehen Eltern nicht mit ihren Kindern im Park oder im Wald spazieren, wo Platz genug ist, um Abstand zu halten? Genau den Abstand, den sie beim Marsch auf Winterberg und an die Hänge nicht einhalten konnten? Reicht dafür nicht nur die Phantasie der „genervten“ Bürger nicht, sondern auch nicht der „Weitblick“ des berufsmäßigen Nachdenkers, sprich Philosophen? Hat der Mann sein eigenes Buch mit dem offensichtlich missverständlichen Titel „Sinn des Denkens“ gar nicht gelesen?

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann, Pixabay License

Zum Autor: Peter Bauer ist Journalist und war lange Jahre Ressortleiter Wirtschaft der Westfälischen Rundschau, Dortmund

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