Gründungsurkunde NRW

Die vergessenen Jahre – Nord-Rhein und Westfalen 1945/46

Im Sommer 2021 wird das Land Nordrhein-Westfalen 75 Jahre alt. Am 21. Juni 1946 fiel in London die Entscheidung, den nördlichen Teil der vormaligen preußischen Rheinprovinz und die Provinz Westfalen zu einem neuen Bundesland zusammenzufassen. Unter dem Codenamen „Operation Marriage“ vollzog die britische Besatzungsmacht einen mit deutschen Politikern in den Monaten vorher sondierten, aber bis zuletzt im Ergebnis offenen, weiteren Schritt zum staatlichen Wiederaufbau in ihrer Besatzungszone. Der feine britische Humor, der sich in diesem Codenamen verbirgt, ist von vielen Zeitgenossen, aber auch von nachfolgenden Historikergenerationen nicht wirklich verstanden worden. Viele haben die „Hochzeit“ oder die „Zwangsheirat“ als Anfang einer Geschichte begriffen, ja sogar von einer „Geburtsstunde“ oder auch einer „Geburtsurkunde“ gesprochen, womit sie die britische Verordnung Nr. 46 über die „Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen und die Neubildung der Länder“ vom 23. August 1946 meinten. Aber darüber nachgedacht, dass Hochzeit und Geburt in der Regel nicht das Gleiche sein können, hat kaum jemand, und vor allem nicht darüber, dass gerade eine Hochzeit immer eine mehr oder weniger lange Vorgeschichte hat. Selbst bei einer Geburt ist das nicht anders.

Eigentlich hätte der Begriff „Marriage“ doch neugierig machen müssen. Wer war an der Anbahnung beteiligt, was sagten die deutschen Eheleute selbst zu der Sache, welche (Trau-) Zeugen gab es? Diejenigen Historiker, die gerne von der „Stunde Null“ sprachen und es manchmal bis heute noch tun, haben nicht verstanden, dass es im Übergang vom Drittem Reich zur Nachkriegszeit – wann genau übrigens? – eine „Stunde Null“ nicht gegeben hat. Wenn überhaupt, dann gab es so etwas allenfalls beim Urknall, aber sonst in der Geschichte der Menschheit nicht mehr. Deshalb ist es auch schön, dass 2021 zwar ein 75. Geburtstag gefeiert wird, aber viel interessanter als dieses Ereignis ist, wie es dazu kommen konnte. Wer glaubt, dass die Geschichte Nordrhein-Westfalens im Sommer oder Herbst 1946 begann, vernachlässigt die spannende Vorgeschichte. Die wird bis auf wenige Ausnahmen in den bisherigen Darstellungen zur Landesgeschichte ausgeblendet, ja sie ist so gut wie vergessen.

Dabei vollzogen sich zwischen Mai 1945 und August 1946 in den eigenständigen Provinzen Nord-Rhein und Westfalen entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft der Region zwischen Rhein und Weser. Dazu reicht schon ein Blick auf die Politiker, die hier seit dem Spätsommer 1945 von der britischen Besatzungsmacht am politischen Wiederaufbau, wenn auch nur beratend, beteiligt wurden. Namen wie Karl Arnold (CDU) und Fritz Steinhoff (SPD), beides spätere Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Konrad Adenauer (CDU), späterer Bundeskanzler, Hans Böckler, späterer DGB-Vorsitzender, Gustav Heinemann (damals noch CDU) und Heinrich Lübke (CDU), beides spätere Bundespräsidenten, aber auch Hermann Pünder (CDU) oder Fritz Henßler (SPD), damals Oberbürgermeister von Köln bzw. Dortmund, tauchen in den Mitgliederlisten der von den Briten eingesetzten beratenden Provinzialräte auf, den Vorläufern des späteren Ernannten Landtags. Insgesamt stellten diese Männer der angeblich „ersten Stunde“ – Frauen konnte man noch mit der Lupe suchen – in der Folgezeit das politische Führungspersonal des Landes bzw. der Bundesrepublik. Diese Aufzählung belegt im Übrigen die These von Alexis de Tocqueville in seinem Werk „Über die Demokratie in Amerika“ aus dem Jahr 1835, dass in der Zeit der größten Not „die überragenden Männer auf das Volk zu[eilten]“.

Schon lange spekulieren die Historiker darüber, welche Rolle die genannten Politiker und so mancher Verwaltungsfachmann im Hintergrund bei der Entscheidung zur Fusion der beiden ehemaligen preußischen Provinzen gespielt haben könnten. Bekannt waren und sind Pläne und Vorschläge aus der Zeit nach der Einsetzung der Provinzialregierungen in Düsseldorf und Münster, wo man eine Zeitlang davon ausging, dass aus beiden Provinzen eigenständige Länder werden würden. Vor allem in Westfalen baute man sehr stark darauf und sperrte sich gegen eine Zusammenlegung mit Hannover in einem Land Niedersachsen, aber auch mit dem Rheinland. Dort gehörte der südliche Teil der vormaligen Rheinprovinz mit seinen eher ländlichen Regionen um Trier und Koblenz zur französischen Besatzungszone und war deshalb bei allen Neugliederungsplänen innerhalb der britischen Zone ohnehin außen vor. Ein Zusammenschluss mit Westfalen konnte deshalb durchaus eine gute Kompensation sein. Einig war man sich im Rheinland und in Westfalen darin, eine separate Lösung für das Ruhrgebiet um keinen Preis zu wollen.

Die maßgeblichen Politiker in beiden Provinzen waren bei der Entscheidungsfindung in London nicht direkt beteiligt, aber natürlich wussten die Briten um ihre Argumente. Und natürlich wussten sie um die Aktivitäten der deutschen Politiker schon in der Weimarer Republik. Dort hatten diese ihr Handwerkszeug gelernt, was bei den Analysen über das Wiedererstehen staatlicher Strukturen in der unmittelbaren Nachkriegszeit in der Nord-Rheinprovinz und in Westfalen bisher nicht gründlich genug erforscht worden ist. Denn natürlich hatte es auch in der Weimarer Republik Debatten um die föderale Struktur des Reiches gegeben. Deren Grundzüge mussten den wichtigsten deutschen Politikern bekannt sein. Auf jeden Fall war den Beteiligten bewusst, dass den Briten hinter den Kulissen Ideen und Argumente geliefert wurden, was z. B. im Provinzialrat der Nord-Rheinprovinz auch offen thematisiert wurde. So warf die KPD, die jeglichen Föderalismus und deshalb die Bildung von Ländern ablehnte, Oberpräsident Robert Lehr (CDU) in einer Sitzung des Hauptausschusses des Provinzialrats am 23. Juli 1946, also eine Woche nach der Bekanntgabe der „Operation Marriage“ vor, „einer der Treibenden“ für die Zusammenlegung der beiden Provinzen gewesen zu sein. Zwar machte Lehr daraufhin deutlich, dass man auf deutscher Seite an dem Entschluss selbst nicht mitgewirkt habe, aber er gestand ein: „In den Fragen zur Aufgliederung der britischen Zone haben wir sehr stark das Unsrige dazu beigetragen.“ Noch deutlicher konnte es Lehr kaum sagen, und er fügte von sich aus hinzu: „Hier ist nie behauptet worden, daß wir nicht Pläne zur Neugliederung der britischen Zone bearbeiten, sondern im Gegenteil, sie sind mit Sorgfalt erwogen worden.“ Dieser Satz ist von den Historikern bisher nicht hinterfragt bzw. weiterverfolgt worden. Im Gegenteil wurde die Phase zwischen dem Ende des Krieges und der offiziellen Landesgründung und damit dieser Aspekt der Landesgeschichte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weitgehend ausgeblendet. Es ist deshalb – 75 Jahre nach den Ereignissen und früh genug vor den Feierlichkeiten im Jahr 2021 – an der Zeit, die vergessenen Jahre 1945 und 1946 wieder genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Mythos von der „Zwangsheirat“ der Nord-Rheinprovinz mit Westfalen könnte damit entzaubert werden. Dann erschiene auch der „Geburtstag“ des Landes in einem anderen Licht. Und die Frage, ob es Hochzeit oder Geburt war, könnte am 23. August 2021 besser beantwortet werden. Geburt: na ja! Hochzeit: schon eher, aber die Anbahnung ist das eigentlich Interessante!

 


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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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