Nachhaltigkeit

Ehrgeizig und bitter nötig: Es geht um die Zukunft der Menschheit

Er hat nicht weniger als die Zukunft der Welt im Blick. Der „World Future Council“ verfolgt nach eigener Darstellung das Ziel, „unseren Kindern und Enkeln einen gesunden Planeten mit gerechten Gesellschaften zu übergeben“. Die Corona-Pandemie führt zwar drastisch vor Augen, wie wichtig globales Handeln wäre; doch haben es weltumspannende Ansätze noch schwerer als zuvor, durchzudringen und in reale Politik zu münden.

Der Rat des World Future Council, dem 50 internationale Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Kultur angehören, versucht es dennoch mit einem Appell. Er wendet sich an Regierungen, multilaterale Organisationen und politische Entscheidungsträger in aller Welt mit der Forderung von zehn Sofortmaßnahmen und weiteren acht mittel- und langfristigen Maßnahmen, die der Überwindung der „gegenwärtigen Katastrophe“ dienen und die Zukunft gerecht und nachhaltig gestalten.

Vorab stellt der Rat fest, die Covid-19-Pandemie habe „eine noch nie dagewesene Notsituation geschaffen“. „Wir brauchen dringend ein stärkeres und effizienteres multilaterales System, eine globale Führung, kollektives Handeln und eine gemeinsame Verantwortung, um heutigen und künftigen Generationen gerecht zu werden.“ Die Unterzeichner, unter ihnen Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Daniel Dahm, Michael Otto, Alexandra Wandel, Rolf Kreibich (Deutschland), Charlotte Aubin (Frankreich), Helmy Abouleish (Ägypten), Dipal Barua (Bangladesh), Hafsat Abiola (Nigeria), Anthony Colman (Großbritannien), Marie-Claire Cordonier Segger (Schweiz), Thais Corral (Brasilien), Jan McAlpine (USA), Auma Obama (Kenia) und Vandana Shiva (Indien), betrachten die Pandemie als „Weckruf für die Menschheit“. Aus tiefem Respekt vor dem Leben auf der Erde seien daher folgende gezielte Sofortmaßnahmen erforderlich:

1. Gewährleistung des Rechts auf Gesundheit für alle 
Die Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht. Es bedarf internationaler Solidarität, damit alle Menschen in allen Ländern Zugang zu qualitativ hochwertigen Gesundheitsdiensten haben und niemand ausgeschlossen wird. Es muss der uneingeschränkte Zugang zu Prävention, Diagnose, Behandlung und Medikamenten sichergestellt werden. Die internationale Gemeinschaft und die Regierungen sind verpflichtet, auf nationaler Ebene eine universelle Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Die Regierungen müssen darüberhinaus das Recht auf saubere Luft, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen sowie das Recht auf gesunde und gehaltvolle Nahrung sicherstellen. Kinder, Flüchtlinge, Binnenvertriebene, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen gehören zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, daher verdienen sie besonderen Schutz. Wir fordern einen integrativen Gesundheitsansatz, welcher die Resilienz der Menschen und des Planeten unterstützt.

2. Bereitstellung von Finanz- und Investitionsentlastungen 
Wir fordern die Regierungen der OECD-Staaten nachdrücklich auf, den bereits aufgestellten Globalen Plan für humanitäre Hilfe und den Reaktions- und Wiederaufbaufonds für arme Länder und Länder mit mittlerem Einkommen zu unterstützen. Wir unterstreichen die Notwendigkeit, dass die Regierungen ihre Sparpolitik aufgeben, Vertreibungen stoppen und die öffentlichen Gelder für die Gesundheit der Menschen und unseres Planeten aufstocken. Die Länder müssen Investitionen zur Gewährleistung und Erhaltung der Grundrechte auf Gesundheit, Wasser, Nahrung, Wohnraum und Bildung priorisieren. Im Rahmen eines besseren Wiederaufbaus muss die signifikante Reduzierung der Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer durch einen besseren Zugang zu nachhaltigen Investitionen für diese ergänzt werden.

3. Schaffung menschenwürdiger und nachhaltiger Arbeitsplätze 
Nationale Regierungen sowie internationale Konjunktur- und Rettungspakete sollten Millionen von menschenwürdigen und nachhaltigen Arbeitsplätzen schaffen und sichern, insbesondere die von jungen Frauen und Männern, welche besonders von der aktuellen Krise betroffen sind. Des Weiteren sollten diese Programme neue umweltfreundliche Geschäftsmodelle fördern. Maßnahmen im Rahmen von Covid-19 sollten eine nachhaltige und faire Wirtschaft fördern und grüne Technologien, wie Erneuerbare Energien oder Agrarökologie unterstützen und verbreiten. Dies erfordert einen besseren Wiederaufbau mit einer neuen Wirtschaft, die Ungleichheiten angeht sowie resilienter, umweltfreundlicher, gesünder und sicherer für alle ist. Konjunkturpakete müssen das Erreichen des Pariser Klimaziels unterstützen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

4. Einstellung bewaffneter Konflikte 
Bewaffnete Konflikte töten nicht nur unschuldige Menschen, sondern verschlimmern auch die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer Pandemie. Sie zerstören die natürliche Umwelt und vereiteln Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und der Gesundheitsversorgung. Wir unterstützen nachdrücklich die Initiative der Vereinten Nationen für einen weltweiten Waffenstillstand und rufen alle Kriegsparteien dazu auf, in bewaffneten Konflikten die Waffen niederzulegen und mit den Sonderberatern der Vereinten Nationen an nachhaltigen und friedlichen Lösungen ihrer Konflikte zu arbeiten. Wir fordern außerdem die Regierungen auf, ihren Verpflichtungen aus der UN-Charta nachzukommen, internationale Konflikte durch Diplomatie, Vermittlung, Schlichtung und Gerichtsverfahren zu lösen und ihre Militärhaushalte zu kürzen, um Mittel für öffentliche Gesundheitssysteme und nachhaltige Entwicklung zu mobilisieren.

5. Sicherung der Kinderrechte 
Millionen von Mädchen und Jungen erleben einen tiefen Einschnitt in der Ausübung ihrer Rechte, wie das Recht auf Bildung, Gesundheit, Nahrung, Spiel und Schutz. Wir fordern die Regierungen auf, Maßnahmen zu entwickeln, um die Gesundheit von Kindern zu bewahren, sie mit Wasser, sanitären Einrichtungen und gesunder Nahrung zu versorgen, die Fortsetzung ihrer Ausbildung zu ermöglichen und sie und ihre Mütter vor Gewalt zu schützen.

6. Stärkung und Schutz von Frauen und Mädchen 
Frauen und Mädchen sind durch den aktuellen Lock-Down durch die Zunahme von häuslicher Gewalt und ihrer Arbeitsbelastung besonders betroffen. Sie stellen die Mehrheit des Gesundheitspersonals und ihre Betreuungsarbeit muss mit angemessener Bezahlung und Unterstützung bei der Kinderbetreuung gewürdigt werden. Auch reproduktive Gesundheitsvorsorge muss bereitgestellt werden.

7. Wertschätzung von systemrelevanten Beschäftigten 
Allen Mitarbeitern*innen des Gesundheitswesens, allen Betreuer*innen, Ernährungs- und Grundversorger*innen muss Anerkennung dafür gezollt werden, dass sie an vorderster Front dieser Pandemie stehen und ihr eigenes Leben riskieren, um uns allen zu dienen und uns zu schützen. Deshalb haben sie ein Recht auf angemessene Bezahlung und Leistungen. 

8. Die Natur und ihre Lebenszyklen respektieren 
Um zukünftige Pandemien zu verhindern müssen wir die Zusammenhänge zwischen menschlicher Gesundheit, Infektionskrankheiten, der Zerstörung von Ökosystemen und der Gesundheit des Planeten erkennen. Jedes Land muss seinen Teil dazu beitragen, eine umfassende Gesetzgebung zu entwickeln und umzusetzen, um Erneuerbare Energie und Agrarökologie zu fördern, den Tierschutz voranzutreiben, Wildtiere zu schützen, den Verkauf von Wildtieren zu verbieten und den grenzüberschreitenden Handel zu unterbinden. Diese Wildtiermärkte müssen untersucht werden, um die Krankheitsursachen zu bekämpfen. Die politischen Entscheidungsträger müssen Korruption bekämpfen, die diese Aktivitäten ermöglichen, obwohl diese bereits verboten oder illegal sind. Außerdem müssen sie Ökosysteme erhalten und wiederherstellen, die Biodiversität schützen und auf eine Zunahme der Schutzgebiete zu Land sowie zu Wasser hinarbeiten. Darüber hinaus muss eine Zunahme der Waldbedeckung unter anderem durch Aufforstung und Wiederaufforstung angestrebt werden. Dies ist notwendig, um sicherzustellen, dass die lebenden Organismen genug verfügbaren Lebensraum ohne menschliche Einwirkung haben. Die hier angesprochenen Maßnahmen sollten in die UN-Tagungen 2020/2021, den UN-Gipfel zur Biologischen Vielfalt und den Welternährungssystem-Gipfel aufgenommen werden.

9. Verstärkte Maßnahmen gegen den Klimawandel 
Die Bewältigung der Covid-19 Krise darf nicht auf Kosten der Bekämpfung der Klimakrise gehen: Die Regierungen müssen weiterhin an schnellen und weitreichenden Dekabonisierungsstrategien für unsere Energie- und Lebensmittelsysteme arbeiten, indem sie Erneuerbare Energien fördern und Energiesparmaßnahmen im Verbrauch umsetzten. Regierungen müssen sich Ziele für 100 Prozent Erneuerbare Energien setzen, um fossile Brennstoffe zu reduzieren und Investitionen in allen Sektoren, einschließlich Stromerzeugung, Mobilität, Heizung, Kühlung und Kochen, freizusetzten. Wir müssen den Klimawandel durch Agrarökologie und nachhaltige Wälder eindämmen. Investitionen sollten von subventionierten fossilen Brennstoffen auf die Erfüllung des Pariser Kilmaabkommens umgelenkt werden. Die hier genannten Maßnahmen sollten auf dem nächsten UN-Klimagipfel noch intensiviert werden.

10. Verbesserung der effektiven globalen Zusammenarbeit 
Um in Zukunft besser mit Pandemien oder anderen Gesundheits- und Umweltproblemen umgehen zu können, sollten die Vereinten Nationen ihre internen Koordinationsmechanismen verbessern und eine wirksame Zusammenarbeit zwischen den UN-Organisationen sowie eine systematische Umsetzung auf nationaler Ebene sicherstellen. Ein „Weiter so” ist keine Option. Wir müssen die Weichen für eine friedliche Welt der Solidarität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit jetzt stellen, indem wir wirksame politische Lösungen für eine gerechte Zukunft fördern.

An weitergehenden Maßnahmen, um den aktuellen globalen Bedrohungen und den miteinander verbundenen globalen Krisen zu begegnen, fordert der World Future Council die Verbesserung der Lebensgrundlage durch Beendung des Hungers, Nutzung der Agrarökologie und Schutz der Ozeane; die Etablierung einer regenerativen Wirtschaft innerhalb der Geschäfts- und Investitionskultur; die Wertschätzung und Berücksichtigung des ökologischen und sozialen Reichtums; die Überarbeitung von Handels- und Investitionsabkommen; die Entwicklung von Technologie im Dienste der Menschen und des Planeten; die Förderung von Frieden und Sicherheit; Bildung für nachhaltige Entwicklung und den Schutz und die Förderung der Rechte zukünftiger Generationen. Ausführlicher unter www.worldfuturecouncil.org.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Bela Geletneky, Pixabay License

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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