Screenshot Video "Die Zerstörung der CDU"

Ein „YOUTUBER“ weckt Lust auf Politik

Mir fehlt jegliche Expertise über die Welt der „Youtuber“ und „Influencer*innen“. Nur aus zweiter oder dritter Hand informiert, denke ich, es geht dort fast nur um Spaß, Mode und Kosmetik.

Deswegen ließ mich schon aufhorchen, als sich jüngst eine junge „Influencerin“ statt für Lidstriche und Modefarben für die Europawahl stark machte.

Seit Samstag wird auf allen Kanälen das Video von Spaßvogel Rezo verstärkt und so werden immer mehr Leute animiert, sich das Original anzuschauen. Während ich hier schreibe, ist es schon 5,5 Millionen Mal gemacht worden.  Das ist auch gut so!

Nach zunächst äußerst arroganter Reaktion des durch nichts zu solcher Hochnäsigkeit berechtigten CDU-Generalsekretärs Ziemiak hat sich die schon durch den Titel des Videos „Die Zerstörung der CDU“ besonders angegriffene CDU heute mit etwas mehr Hirn damit auseinandrgesetzt.

Auch die SZ weist darauf hin, dass Rezo einige Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten produziert habe;  die Causa Ramstein finde ich nicht so einfach wie die – übrigens völlig berechtigte –  Empörung über das, was von dort aus geschieht.

Aber der Reihe nach:

Zunächst  geht es in dem Video darum, dass – insbesondere aber nicht nur – die CDU laufend selbst gesteckte Ziele nicht erreicht und also unglaubwürdig ist. Ich erinnere mich genau, dass sowohl das Nichterreichen der von Parteien selbst gesteckten politischen Ziele als auch das Vorbeiregieren an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Motoren der Politisierung in den 60er und 70er Jahren gehörten. Darum geht es dem Video von heute auch. Der Redner – der junge Mann verlässt sich tatsächlich hauptsächlich auf die Rede –  mutet den angeblich kaum noch zur Konzentration auf eine Sache fähigen Jugendlichen zu, fast 50 Minuten gesprochenem Wort zu lauschen! Das ganze Video dauert 10 Minuten länger als eine ganze Unterrichtsstunde! Und es ist eine gute Rede! Sie handelt von:

Ungleichheit

Rezo zeigt auf, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer geworden ist (der Unterschied „stieg“) und dass es einen Widerspruch dieses Ergebnisses gibt zu dem Ziel, Politik „für alle Schichten“ (CDU-Programm) machen zu wollen. Die CDU argumentiert nun, dass diese Kluft seit 2005 nicht mehr gestiegen sei und dass die Zuwanderung wichtiger Grund dafür sei, dass es mehr Arme gebe. Auch der Umstand, dass man heute für Konsumgüter erheblich weniger Arbeitsstunden aufwenden müsse als 1960(!) ist zwar erfreulich, aber  kein Widerspruch zur materiellen Ungleichheit.

Auch dem unbestreitbaren Fakt, dass statistisch gesehen bei uns Bildungserfolg direkt mit dem guten Einkommen der Eltern korreliert und die im internationalen Vergleich unterdurchschnittlichen Bildungsausgaben keine Aussicht auf mehr Chancengleichheit erwarten lassen, erklärt die CDU-Reaktion trotz lauter zutreffender  Fakten nicht.

Klimawandel

Da wird ein Widerspruch gesehen zwischen der Regierungsentscheidung, Förderungen für erneuerbare Energie zurückzuführen und sich für den Ausstieg aus der Braunkohle nicht nur sehr viel Zeit zu lassen, sondern auch sehr viel Geld springen zu lassen. Nun kann man es drehen und wenden, wie man will: nach ganz überwältigender Mehrheit aller mit dem Klimawandel befasster Wissenschaftler, haben wir so viel Zeit gar nicht mehr. Und für Menschen unter 30 ist das sicher eine viel drängendere Frage, als etwa die nach einer Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung.

Die CDU argumentiert mit gesellschaftlichem Konsens und damit, was klimapolitisch bereits unternommen worden ist. Und: in England habe nicht die CO 2-Steuer sondern der gestiegene Anteil von Atomstrom zur Senkung des Ausstoßes geführt.  Es geht aber nicht um die Korektheit solcher  Details, es geht um eine Veränderung der politischen Prioritäten. Ich kann daran nichts Falsches finden, wenn vor allem junge Leute in den Chor der Wissenschaft einstimmen, dass nicht genug getan wurde und auch nicht mehr genug Zeit ist, die ursprünglich verabredeten Klimaziele einzuhalten.

Ramstein, Krieg und Frieden

Das Video empört sich über die US-amerikanische Kriegführung via Ramstein und wie wenig manche Politiker darüber wissen und dass wir so gut wie nichts dagegen tun. Die Empörung ist völlig berechtigt. Das Video kritisiert die Modernisierung amerikanischer Atomraketen, die hier stationiert sind. Diese Empörung ist ehrenwert. Das Interessanteste an der Reaktion der CDU zu diesem Thema ist, dass sie immer noch die Ablehnung der deutschen Beteiligung am Irakkrieg durch Bundeskanzler Schröder für falsch hält. Wer hätte das gedacht?

Aber in diesem Kapitel des Videos wird auch klar, dass es keinen direkten Weg von der Empörung zur Beseitigung ihres Gegenstands gibt.  Es ist einfach auch richtig, dass nicht Deutschland das Kriegsvölkerrecht bricht, wenn die USA Waffen, die nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheiden können via Ramstein lenken. Um das Treiben der USA hier zu beenden, müsste die Bundesrepublik in letzter Konsequenz aus der NATO austreten. Diese ganze Problematik umschifft das Video und macht es sich so viel zu einfach.

Demokratie

Von einigen Beispielen teilweise unglaublicher Ahnungslosigkeit von CDU- Politikern (aber auch dem zum Zeitpunkt des dokumentierten Interviewausschnitts amtierende Außenminister Gabriel, der nichts über Ramstein wusste) leitet Rezo über zu den von CDU-Politikern verbreiteten Verschwörungstheorien gegen die vielen Menschen, die gegen Uploadfilter in der jüngsten Urheberrechtsdebatte demonstrierten. Er ordnet die Diffamierung dieser Demonstranten als „gekauft“ als eine Gefährdung der demokratischen Auseinandrsetzung ein. Wenn wirklich gewollt sei, dass die jungen Leute mehr Politik machen, müsse man auch respektieren, wenn sie die Politik kritisieren. Ihren Protest zu entwerten sei für den demokratischen Prozess „kritisch“.  Stimmt.

Das Video ist so eindeutig demokratisch; es macht so eindeutig klar, wieso an den Überlegungen und Empfindungen der Jüngeren vorbei regiert wird, dass es unbedingt Ernst genommen werden muss!

Um hier mal den Wettbewerb der demokratischen Parteien etwas anzustacheln: wer jetzt in der Art von Willy Brandt in den späten 60er Jahren durch Worte und Taten erkennen lässt, dass er diese jungen Leute, die Freitags die Schule bestreiken und so ähnlich denken, wie Rezo spricht, für voll nimmt und berücksichtigen wird, der muss sich um seine Zukunft als demokratische Partei keine Sorgen machen.

Aber sehen Sie selbst auf Youtube „Die Zerstörung der CDU“ und auf CDU.de „Offene Antwort an Rezo. So sehen wir die Sache.“

Bildquelle: Screenshot Youtube „Die Zerstörung der CDU

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


'Ein „YOUTUBER“ weckt Lust auf Politik' hat einen Kommentar

  1. 31. Mai 2019 @ 13:00 Sven Tasch

    Ich habe hier mal meine Meinung zu diesem Video und insbesondere zum Klimaschutz verfasst. Viel Spaß beim Lesen!

    https://sventasch.de/mach-das-licht-aus

    Antworten


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