Buchtitel "Hans Magnus Enzensberger: Literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert."

Enzensberger: 99 Überlebenskünstler 

Mitte der 60ger Jahre des vergangenen Jahrhunderts erscheint ein schmales rotes Buch mit dem Titel DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND UNTER ANDEREM – ÄUßERUNGEN ZUR POLITIK. Es beginnt mit einem zunächst in Großbritannien erschienenen Text „Über die Schwierigkeit, ein Inländer zu sein“. Zwanzig Jahre ist das Ende der Verwüstung Europas durch die Nationalsozialisten her. Viele von ihnen sind tot, manche haben sich umgezogen und in den beiden deutschen Staaten eingerichtet. Hans Magnus Enzensberger ist Mitte 20 und schreibt unter anderem diese Sätze: „Ich habe nicht den Eindruck, daß in der Bundesrepublik irgendjemand versucht, diese Vergangenheit zu `bewältigen`. Dazu wäre das übliche Ritual auch kaum geeignet. Denn diese Vergangenheit hat direkte historische Folgen: statt seelischer Andachtsübungen legt sie politische Taten für die Zukunft nahe.“ Und ein paar Sätze weiter dann: „Der Faschismus ist nicht entsetzlich, weil ihn die Deutschen praktiziert haben, sondern weil er überall möglich ist.“

Die Edition Suhrkamp hat damals dieses kluge und wichtige Buch veröffentlicht. Nun, ein Jahr vor Enzensbergers 90. Geburtstag und über 50 Jahre später hat, der Autor „99 ÜBERLEBENSKÜNSTLER – LITERARISCHE VIGNETTEN AUS DEM 20. JAHRHUNDERT“, auch bei Suhrkamp, herausgebracht. Vorgelegt in einer Zeit, in der Faschismus an vielen Orten möglich zu sein scheint. „Das 20. Jahrhundert war eine Blütezeit von Schriftstellern, die Staatsterror und Säuberungen überlebt haben, mit all den moralischen und politischen Ambivalenzen, die das mit sich brachte. Wie ist es dabei zugegangen? Waren sie zu standfest, um vor der Macht zu kapitulieren? Hatten sie ihr Überleben ihrer Hellsicht oder ihrer Intelligenz zu verdanken, ihren Beziehungen oder ihrem taktischen Geschick? Waren es Glücksfälle, die an ein Wunder grenzten, durch die sie dem Gefängnis, dem Lager und dem Tod entronnen sind, oder waren es Strategien, die von der Anbiederung bis zur Tarnung reichten?“ Mit diesen Fragen beginnt das Buch.
Kurze Autorenporträts hat Enzensberger geschrieben. Neunundneunzig insgesamt. Knut Hamsun, Andre Gide und Iwan Bunin. Gertrude Stein, Fernando Pessoa und Anna Achmatowa. Boris Pasternak, Michail Bulgakow und Julian Tuwim. Nadeschda Mandelstam und Hans Sahl. Elias Canetti und Eric Ambler. Stephan Hermlin, Peter Weiss, Gabriel Garcia Marquez, Ryszard Kapuscinski, und, und, und. Walter Mehring nicht. Schade, sehr schade.
Es ist ein politisches Lesebuch und Enzensberger zeigt, daß er nach wie vor ein herausragender Autor ist. Dessen Stärke sich in diesen literarischen Vignetten zeigt: Er beschreibt die Techniken des Überlebens, das Glück, davon gekommen zu sein. Es sind keine bitteren, traurigen, deprimierenden Texte über den politischen Terror während des zurückliegenden Jahrhunderts, über die gebrochenen, die Opfer. Es ist ein Buch über das Leben, geschrieben von einem Beobachter desselben. Und er ist ein ziemlich genauer, einfühlsamer Beobachter, natürlich auch im Fall des großen mexikanischen Schriftstellers Octavio Paz: „Einmal wurde Octavio gefragt, ob er dem 20. Jahrhundert etwas Gutes abgewinnen könnte. Er antwortete, ìch habe es überlebt. Das genügt mir…Die Geschichte ist das eine, sie war schlimm genug. Aber das Leben der gewöhnlichen Leute geht in den großen historischen Fragen nicht auf. Sie arbeiten, verlieben sich, werden krank, erfahren Augenblicke der Freundschaft, der Traurigkeit oder der Erleuchtung. Und das ist das Wichtigste.“
Hans Magnus Enzensberger: Literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-42788-0. 24 Euro.

 

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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