Stella Goldschlag, Buchtitel

Es ist geschehen und kann wieder geschehen – Peter Wyden: Stella Goldschlag

Was für ein Buch und was für eine Geschichte! Es gehört in jeden Haushalt, in jede Schule, Hochschule, in jede Bibliothek.
Es gäbe soviel zu schreiben über Peter Wydens beeindruckendes, den Leser fassungslos machendes Buch über „Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte“. Doch, wo anfangen? Wo aufhören?
Christoph Heubner, der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitzkomitees, hat in seinem Vorwort auf Primo Levi, der Auschwitz überlebte, und sein 1986 erschienenes Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“ hingewiesen: „Mit diesem Titel setzte er auch jenen namenlosen Menschen ein Denkmal, dessen elendiges Sterben in der Latrinengrube seine Mithäftlinge regungslos beobachtet hatten.“
Der Autor, Peter Wyden, selbst ein Geretteter, wird 1923 als Peter Weidenreich, Sohn jüdischer Eltern, in Berlin geboren. Vier Jahre nach Hitlers Machtergreifung flieht die Familie in die USA, der Sohn studiert, geht zur US-Army, wird Seargent in der Psychological Warfare Division, kehrt Ende des Weltkrieges nach Deutschland zurück, wird Redaktionsleiter 1945 der „Allgemeinen Zeitung“ in Berlin; zu seinen Reportern gehören Peter Boenisch und Egon Bahr. Mitte März 1946 entdeckt er in einer Berliner Zeitung einen mit „Hunderte von Juden dem Henker ausgeliefert“ überschriebenen Artikel. Der, und das liest er mit zunehmendem Entsetzen, handelt von der 24 Jahre alten jüdischen Gestapoagentin Stella Kübler, ehemals Stella Goldschlag. Mit diesem Artikel beginnt diese nahezu unglaubliche Geschichte.
Peter Wyden, alias Peter Weydenreich, ist mit Stella Kübler, alias Stella Goldschlag, zur Schule gegangen. Wyden macht sich auf die Suche. Begibt sich auf die Fährte des tödlichen Verrats und trotz seines Zorns, seiner Verstörung, seiner Verachtung, versucht er zu verstehen. Ihn treibt, schreibt Christoph Heubner, „nichts als die brennende Frage eines Beteiligten, der davongekommen und dennoch gezeichnet ist: Warum?“ Die Suche nach Antworten wird Jahre brauchen, führt in die 30er und 40er Jahre, in die Nachkriegszeit und ist ungemein spannend geschrieben. Jedoch: Nichts ist erfunden. Alles ist recherchiert. Es hat sich so zugetragen. Der Verrat der schönen Stella. Er ist längst bewiesen, vor Gericht verhandelt worden, als er schließlich auf seine ehemalige Schulkameradin Stella trifft, sie sprechen, erklären, lügen läßt, ohne zu verurteilen. Als Leser hört man Stella beinahe, wird regelrecht atemlos bei der Lektüre.
Das Buch hat eine überzeugende Dramaturgie. Einen vorzüglichen Erzählstil und 25 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen in Deutschland will ich auf einige Dinge hinweisen: Es wird schon sehr bald nicht einen Zeitzeugen mehr geben.
Die jüdischen Überlebenden der Naziverbrechen, die ich getroffen, gesprochen habe, sagten mir immer, nicht nur auf dieses einmalige Verbrechen zu gucken und auf die Verbrechen, die im Verbrechen passiert sind. Der kritische, unbequeme Blick muß sich ebenso auf die Gegenwart richten. Das hat Wyden gemacht. Er hat die Zerstörung der Demokratie in Deutschland beschrieben. Er hat die Deformation des menschlichen Charakters beschrieben. Die Entstehung des Hasses, des Horrors, der Verfolgung der Juden, der Andersdenkenden. Christoph Heubner schreibt in seinem Vorwort: „Er hat beschrieben, was sein kann“ Primo Levi schrieb nicht lange vor seinem Freitod: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen, darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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