Holocaustdenkmal Berlin

Es ist unerträglich: Antisemitismus in Deutschland – Steinmeiers Zorn und sein Appell

Unerträglich findet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wie unverhohlen sich in Deutschland Antisemitismus zeige, auf der Straße, auf Schulhöfen, im Netz. Jüdinnen und Juden werden auch nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle(2019) „verhöhnt, herabgewürdigt, manche gewaltsam angegriffen“, sagte Steinmeier anläßlich der Verleihung des Walther-Rathenau-Preises an die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer vor wenigen Tagen. Man kann über Antisemitismus nur den Kopf schütteln, ja auch zornig werden, weil sich nichts gebessert hat, weil es immer wieder passiert im Land der Täter. Wie wohltuend ist da Margot Friedländer, 101 Jahre alt, die trotz der Schrecken, die sie und ihre Familie erlebten, ohne Rachegefühle ist, sondern der deutschen Jugend ihr Leben erzählt mit der Bitte: „Seid Menschen! Lasst so etwas nie wieder passieren.“ 

Wer Auschwitz gesehen hat, in Majdanek war, Bergen-Belsen, Mauthausen, Dachau kennt, wer all die grausamen Geschichten gelesen hat über die Jahre, als eine Kulturnation wie die deutsche in die Barbarei zurückfiel, der muss doch die Hoffnung hegen, es müssten alle, wirklich alle Deutschen genug haben von dieser menschenverachtenden Haltung. Wohin hat der Antisemitismus in den Hitler-Jahren geführt? Zum Weltkrieg, zu Aber-Millionen Toten, darunter allein 6 Millionen Juden. Der Nazi-Antisemitismus, ein Grundpfeiler dieser verbrecherischen Partei, führte in die Hölle, wie es Überlebende empfanden. So muss die Hölle sein, hat mal ein Holocaust-Überlebender seine Leiden beschrieben. Als ich Auschwitz das erste Mal besuchte 1989, konnte ich nachher kein Wort rausbringen. Es war mir, als steckte ein Kloß im Hals. Dass nach all den Jahren der braunen Schreckensherrschaft über weite Teile Europas überhaupt noch jemand aus der zivilisierten Gesellschaft mit uns Deutschen gesprochen hat. Ein Wunder aus meiner Sicht.

Bewunderswerte Margot Friedländer

Und dennoch sind die Antisemiten nicht ausgestorben. Sie sind Judenhasser, auch wenn die meisten von ihnen noch nie eine Jüdin oder einen Juden gesehen haben. Wie zum Beispiel die ehrwürdige und bewundernswerte Margot Friedländer. Ob die Antisemiten ihre Geschichte kennen? Wahrscheinlich nicht, auch ihr Leben, aufgeschrieben im Buch „Versuche, dein Leben zu machen“, werden sie nicht kennen, das Buch nicht gelesen haben. Sie musste sich in Berlin verstecken, ihre Mutter und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet, sie wurde von sogenannten Gestapo-Greifern aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte, wanderte in die USA aus und kehrte im hohen Alter zurück nach Berlin. Sie geht in Schulen und spricht mit Jugendlichen über ihr Leben. Ohne Zorn, sondern freundlich, versöhnlich. Was für eine Frau!

Walther Rathenau-Preis. Über den Mord am ehemaligen Außenminister in der Weimarer Republik vor 100 Jahren haben wir im Blog-der-Republik berichtet, eine Tat der extremen Rechten, von den Nazis gefeiert. Ein Mord aus Hass auf Juden. Unerträglich nennt der Bundespräsident das Auftreten von Antisemiten während Corona-Demonstrationen, unerträglich, weil einige von ihnen sich als Verfolgte mit gelbem Stern inszenierten. Und dann wird der Corona-Impfstoff noch mit Zyklon-B verglichen. Ja, das ist wie Hohn, eine Verhöhnung der Opfer der Shoa, eine Verharmlosung des Antisemitismus, so Steinmeier. Und er würdigt Margot Friedländer. „Unsere Demokratie braucht Menschen wie Sie“, hat er gesagt. Alle Menschen seien gefordert, aufzustehen gegen Antisemitismus und Juden-Hass. Und Margot Friedländers Reaktion ist wie immer, sie geht auf die Jugendlichen zu, reicht ihnen die Hand, weil sie ja nichts dafür könnten, was damals geschehen sei. Aber sie müssten dafür sorgen, dass es nicht mehr passierte.

Ihr müssen wir danken, wie es der Bundespräsident getan hat, danken für die Art der Versöhnung, die eine Frau wie Margot Friedländer uns Deutschen anbietet. Man kann kein Mensch sein, ohne andere Menschen zu respektieren. Hat sie gesagt. Ihre Worte tun so gut. Alle Menschen, sagt sie, haben das gleiche Blut in den Adern. Es gibt kein jüdisches, kein christliches, kein muslimisches Blut. Wie versöhnlich dieser Ton doch ist.

Juden sind hier willkommen

Wir dürfen den Holocaust nie vergessen. Auch und gerade wenn nach einem Anschlag auf eine Synagoge wie in Halle müssen wir den Rechten, den Nazis entgegentreten. Es ist beschämend, wenn man hört und liest, dass Deutsche jüdischen Glaubens, die seit Jahrzehnten hier im Lande leben, in solchen Momenten sich sorgen, ob sie hier noch willkommen sind. Wir müssen ihnen sagen: Sie sind uns willkommen, die Antisemiten sind es nicht. Einige jüdische Mitbürger sitzen auf gepackten Koffern, um gerüstet zu sein für den Fall des Falles. Wie beschämend für uns alle. Vor wenigen Tagen las ich einen Bericht von Heribert Prantl in der SZ am Wochenende. Er beschäftigte sich mit dem Urteil gegen einen NS-Mittäter, einen Greis von 101 Jahren, der ein Rädchen war im Mord-Getriebe der Nazis, aber ohne all die Rädchen hätte die Mord-Maschinerie der Hitlers und Himmlers nicht funktioniert. Auch 80 Jahre danach ist das nicht erledigt. Prantl lässt die Holocaust-Überlebende Hedy Bohm, Nebenklägerin im Verfahren gegen Oskar Gröning,den Buchhalter von Auschwitz, die Worte sagen: Ihre Aussage dort sei für sie so gewesen, als habe sie Blumen auf das nicht existierende Grab ihrer Eltern gelegt. Sie waren in Auschwitz ermordet worden. Und wem das nicht reicht, dem liefert Prantl noch ein paar Informationen darüber, dass es keine abstrakte Gewaltherrschaft war, an der die Täter als Rädchen mitgewirkt hatten. Es waren Täter und ihre Gehilfen, die zugeschaut hatten, wenn Kinder mit Kot gefüttert, Menschen totgeprügelt, erschossen und vergast, wenn Babies in Elektrozäune geworfen wurden. Es waren Menschen, die andere mit ihren schweren Stiefeln einfach totgetrampelt haben. Es waren SS-Männer, die sich aufführten wie die Teufel, es war nicht eine anonyme Tötungsindustrie, die Gaskammern betrieben und Genickschussanlagen geölt hatten. Menschen, schreibt Prantl, haben das organisiert und bewacht. Sie sind mitschuldig.

Das glauben Sie nicht? Fahren Sie nach Auschwitz und schauen sie sich das an. Machen Sie eine Führung dort. Oder fahren Sie nach Dachau. Lesen sie in den Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden oder lesen Sie die Berichte über den Eichmann-Prozess, der Mann, der einer der Chef-Organisatoren des Holocaust war, der zusammen mit Reinhard Heydrich und anderen die Wannsee-Konferenz 1942 leitete, wo man aufschrieb und Buch führte über die Juden in Europa, die Endlösung. Man kam zusammen auf 11 Millionen. Bei einem Cognac saßen sie und entschieden über das Schicksal der Juden. Jahre später, im Prozeß in Jerusalem, wollte Eichmann auch nur ein Rädchen gewesen sein. Er wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Antisemiten gehören an den Pranger

In Deutschland sind  rund 107000 Menschen Mitglieder jüdischer Gemeinden. Und sie sehen sich immer öfter Attacken und Beleidigungen ausgesetzt. Im Jahre 2021 wurden in Deutschland 2738 antisemitische Vorfälle erfasst, so die Statistik. Es handelt sich um Beschimpfungen, Bedrohungen und auch um extreme Gewalt. Ob Erinnerungstafeln, Gedenkorte, Stolpersteine oder KZ-Gedenkstätten, immer wieder werden Mahnmale geschändet und von Rechtsextremen für Auftritte missbraucht. Antisemitismus ist bei jungen Leuten weit verbreitet. Auf Schulhöfen wird das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt.  Das sind nur einige Beispiele. Er ist einfach widerlich- dieser Antisemitismus, er ist menschenverachtend. Die Würde des Menschen gilt für alle in Deutschland lebenden Zeitgenossen, selbstverständlich auch für unsere jüdischen Mitbürger, festgeschrieben im Grundgesetz. Ihnen, den Jüdinnen und Juden, müssen wir unsere Aufmerkamkeit und unsere Achtung widmen. Zur deutschen Staatsräson zählt das Existenzrecht Israels. Antisemiten gehören an den Pranger gestellt.

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arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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