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Es war einmal… – Schalke- Meister der Herzen auf dem Abstiegsplatz

Nein, ich bin kein Mitglied des FC Schalke 04, sondern eher ein Fan, der aber schon seit Jahren nicht mehr in die Veltins-Arena gefahren ist. Der Weg von Bonn Richtung Gelsenkirchen ist mir zu weit und -ehrlich- das Fußballspiel der Königsblauen zu schlecht. Vor einem Jahr abgestiegen in die 2. Bundesliga und wie es sich für Schalke 04 gehört, nicht einfach so, sondern schon mit einem negativen Rekord. Ich glaube, die Schalker haben dabei sogar Tasmania Berlin überholt. Mehr Niederlagen- das geht nicht. So könnte man das Motto überschreiben. Und dann sind sie direkt wieder aufgestiegen mit Hurra und Gesang: Blau und Weiß wie lieb ich dich. Jetzt, nach wenigen Monaten im Oberhaus kicken sie wieder gegen den Ábstieg. Letzter Platz nach der Niederlage bei Hertha BSC. Beobachter sprechen den Schalkern die spielerische Eignung für die Liga ab. Und nicht vergessen: der Verein hat Schulden wie mancher Bauer Heu.

Dabei war Schalke mal wer, vor allem vor dem Krieg deutscher Meister in Serie, sie erfanden den Schalker Kreisel, spielten den Gegner schwindelig. Die deutsche Nationalmannschaft war bestückt mit Schalker Spielern, wie Kuzorra, Szepan, um nur die beiden zu nennen. 80 Jahre ist das her und der Witz ist: Am Schalker Markt träumen sie immer noch davon. Wir holen den Uefa-Cup und werden deutscher Meister. Das mit dem Uefa-Cup haben sie geschafft, die Meisterschale haben sie seit 1958 nur aus der Entfernung gesehen, sie aber nie in Händen gehalten.

Rivale aus Dortmund

Trotzdem: Schalke ist ein großer Verein mit rund 165000 Mitgliedern und Millionen Anhängern mindestens in ganz Deutschland, in echten Fan-Kreisen reicht diese Begeisterung aber weit darüber hinaus ins europäische. Der Rivale aus Dortmund, nach dem Krieg der erfolgreichere Klub, zählt ein paar Tausend Mitglieder weniger, hat daber dafür mehr Geld in der Kasse und seine Mannschaft ist etabliert in der Spitzengruppe der Liga. Wenn überhaupt eine Elf den Bayern Paroli bieten könnte, dann ist es seit Jahr und Tag der BVB. Das war nicht immer so, die etwas älteren Zeitgenossen wissen das und haben auch noch in schlechter Erinnerung, als die schwarzgelbe Borussia vor Jahren mal der Pleite nahe war. Und die Schalker schon die Hände Richtung Meisterschale streckten, es aber nicht schafften. Sie haderten mit ihrem Schicksal, wie so häufig. Selbstmitleid.

Der  FC Bayern München überragt beide Revier-Vereine sowohl in der Mitgliederzahl-über 290000- als auch bei Erfolgen in Deutschland wie Europa. Der Rekordmeister von der Säbenerstraße scheint die deutsche Meisterschaft inzwischen gepachtet zu haben, zehnmal hintereinander, insgesamt 32, dazu selbstverständlich Rekord-Pokalsieger(20 mal) und natürlich auch mehrfach bester Klub in Europa. Man gewann sechsmal die Champions-League und wurde zweimal Europacup-Gewinner der Landesmeister. Und wenn man jetzt noch den Marktwert der drei erwähnten Vereine gegenüberstellt, fällt der Unterschied noch größer aus. An der Spitze die Bayern, irgendwo las ich von einem Wert knapp unter einer Milliarde Euro, aber bitte kein Dementi, wenn es darüber liegt. Die schwimmen im Geld. Die Sponsorenliste ist im Grunde eine Liste der besten deutschen Unternehmen. Die Schalker träumen davon..

Jubel und zu Tode betrübt

Schalke, das war immer zwischen himmelhoch jauchzend  und zu Tode betrübt, um mich bei Goethes Egmont zu bedienen. Manches hatte etwas Tragisches an sich, so als sie die Meisterschaft in der letzten Minute verloren. Da haben sie geweint die Fans, weil sie schon Raketen in die Luft gefeuert hatten, als das Spiel der Bayern beim HSV noch lief. Der andere Fall: Schalke 04, die Schieber vom Revier, riefen und sangen die Gegner, als die Blauen in die größte Affäre des deutschen Fußballs verwickelt waren. Sie hatten das Spiel gegen Arminia Bielefeld für ein paar Tausend Mark verscherbelt, Bielefeld gewann. Wer erinnert sich noch an Horst Gregorio Canellas von Kickers Offenbach, den Gemüsehändler, der anläßlich seines Geburtstags den Skandal öffentlich machte.

Schalkes Nachwuchs, oft gerühmt, Jugendmeister und danach gingen die Kicker ihre Wege, wurden Nationalspieler, der Verein schaffte nie eine Konstanz wie München. Trotz eines Neuer, eines Özil, Höwedes, Sane, Draxler oder früher eines Libuda, Fichtel, Rüssmann, Nigbur und wie sie alle heißen. Oft war irgendwas, und wenn sie nur einige ihrer Spieler bei Beginn der Bundesliga zu teuer bezahlten und bestraft wurden. Seriös, solide, das wurde oft vermisst. Der Fisch stinkt vom Kopf, sagt der Volksmund. Ohne einen Namen zu nennen, darf man fragen, warum sie es nie schafften, sich eine Führung zu geben, wie sie die Bayern hatten. Uli Hoeneß, bei aller Kritik, die er sich durch sein Verhalten redlich verdient hat, war nicht nur ein hervorragender Spieler, sondern ein überragender Manager. Dass der FC Bayern heute zu den Top-Klubs in Europa zählt, ist sein Verdienst.Oder das Beispiel Rauball in Dortmund.

Witze und Mitleid

Über Schalke macht man heute Witze. Wie diese: durch die Niederlagen-Serie erspart sich Schalke die Zahlung von Sieg-Prämien an seine Kicker. Ha, ha. Wenn selbst Ur-Dortmunder wie Kevin Großkreutz mitfühlend äußern, weil der Erzfeind abhanden gekommen ist und das Derby kein wirkliches Derby mehr- schlimmer kann es kaum kommen. Mitleid ist die größte Strafe. Schalke ist gemessen an der Zahl der Mitglieder einer der Top-Clubs in Europa, unter den Top  Fünf. Kein Scherz. Um auf dieser Linie zu bleiben, hat der Verein einen Spitzenplatz inne, was Trainer-Entlassungen betrifft. Gerade wurde Kramer gefeuert, andere sagen, er wurde erlöst von seiner schwierigen Aufgabe. Selbst der Manager hatte Mitleid mit dem erfolglosen Trainer: Der sei ein armer Hund.

Kürzlich spielten die Schalker binnen weniger Tage zweimal gegen die TSG Hoffenheim. Deren Trainer ist der Andre Breitenreiter, der vor Jahren mal Trainer in Schalke war. Er musste damals gehen, weil die Königsblauen nur Fünfter wurden, sie sahen sich wieder mal eher unter den Spitzenvereinen in Europa. Übrigens verloren die Schalker beide Spiele gegen Hoffenheim klar, erst 0:3 dann 1:5. Breitenreiter hat sich zu Schalke nicht geäußert, das war sportlich gut. Er wird sich seine Gedanken gemacht haben. Heute gilt Schalke, so schrieb es in der SZ Philipp Selldorf, ein Kenner des Fußballs, ein Schalke-Experte dazu, als Hochrisikogebiet, als Karrierefalle und als mittellos. Im Grunde sei das ein Job für „Masochisten, bloß dass sie Gefahr laufen, nach einem zufällig gewonnenen Spiel mit dem zügellosen Glücksrausch der Schalker konfrontiert zu werden.“ Wir holen den Uefa-Cup und werden deutscher Meister..Und dennoch bleibe die Arbeit für die vielen Trainer, die auf Schalke scheiterten,  „stets unvergesslich, schaurig und schön zugleich.“

Blau und Weiß, wie lieb ich dich, singen sie vor Beginn eines jeden Spiels, nachdem sie zuvor das Steiger-Lied geschmettert haben. Schaurig-schön, das geht manchem Besucher auf die Seele. Oder das Tausend Freunde, die zusammenstehn. Klingt gut, macht das Spiel aber weder besser noch erfolgreicher. Ohne Geld, ohne eine qualifizierte Mannschaft, und doch will man oben bleiben, gewinnen, auch wenn das immer schwerer fällt. Man kennt das im Revier, den Notstand und das mit dem Glücksgefühl. Eben Schalke. So ist der Klub aufgestiegen und abgestiegen. Spannend ist es allzumal auf Schalke, Bayern-Fan zu sein ist dagegen langweilig. Immer gewinnen, wer will das. Die anderen wollen doch auch mal. Schlechter Scherz. 

Glückauf, sagen sie im Revier. Sie werden es wieder mal brauchen. Nächsten Sonntag spielen sie gegen Freiburg, die stehen da, wo die Schalker stehen wollen, mindestens: Auf Platz 3. Deren Trainer ist seit zehn Jahren im Amt: Christian Streich. Nur ein Beispiel für Seriosität, Kontinuität. Der ist sogar mit Freiburg abgestiegen und blieb Trainer.  Freiburg ist nicht Schalke. Eigentlich schade.

Schade um Rouven Schröder

Wie zum Beweis der Schalker Misere, um das mit dem Hochrisikogebiet zu betonen und das mit der Karrierefalle, warf Schalkes Sportdirektor Rouven Schröder gerade die Brocken hin- aus persönlichen Gründen, wie es offiziell heißt. Ich will dem geschätzten Rouven Schröder wirklich nichts unterstellen, eher herausstreichen, dass er nach dem blamablen Abstieg den Riesen-Job bei Schalke übernahm, die alten, teuren Spieler verkaufte oder verlieh, um dann mit bescheidenen finanziellen Mitteln eine neue Mannschaft zusammenzubauen, die den direkten Aufstieg in die 1. Bundesliga schaffte. Toll, fast ein Meisterstück. Und diesem Sportdirektor hätte ich es auch zugetraut, Schalke wieder auf Vordermann zu bringen. Es wirkte, was er tat, zumindest von außen betrachtet, alles seriös, solide, gekonnt, bodenständig. Und jetzt hat er um seine sofortige Entlassung gebeten. Ich wiederhole mich hier: Schade. Der ist ein Typ, der hätte, aber lassen wir das. In Schalke ist halt nichts normal, zumindest nicht für längere Zeit.

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arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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