Duesseldorfer Stahlhof

Genius Loci: Ein Beitrag zur nord-rheinischen und westfälischen Parlamentsgeschichte

In der Villa Horion am Johannes-Rau-Platz in Düsseldorf befindet sich heute das Haus der Parlamentsgeschichte des Landtags von Nordrhein-Westfalen. Die neoklassizistische Villa wurde von 1909 bis 1911 für den Landeshauptmann des Provinzialverbands der damaligen preußischen Rheinprovinz, Johannes Horion, erbaut. Nach dem Untergang Preußens und des Dritten Reiches diente sie von 1945 bis zum Ende der Besatzungszeit als britisches Offizierskasino und war von 1961 bis 1999 Sitz des Ministerpräsidenten des Landes. Seit 2016 beherbergt sie die Ausstellung zur Parlamentsgeschichte des im August 1946 durch Beschluss der britischen Besatzungsmacht entstanden neuen Landes. In vier Ausstellungsräumen lernt der Besucher die vier Stationen kennen, die der Landtag in seiner Arbeit seitdem erlebt hat.

Vom Düsseldorfer Opernhaus am Hofgarten, wo am 2. Oktober 1946 die feierliche Eröffnung des Ernannten Landtags stattfand, über die Henkel-Werke in Düsseldorf-Holthausen, wo der von den Briten ernannte und danach der gewählte Landtag bis Anfang 1949 tagten, und über das Ständehaus am Düsseldorfer Schwanenspiegel, das ehemalige Parlamentsgebäude des Provinziallandtags der Rheinprovinz, bis hin zum neuen Landtag am Rhein, der im Oktober 1988 bezogen wurde, werden in der Ausstellung vier Orte vorgestellt, an denen sich die Landespolitik von 1946 bis heute mit ihren Rahmenbedingungen und Akteuren nachvollziehen lässt. Das Haus der Parlamentsgeschichte ist ein erster Schritt hin zu einem Haus der Landesgeschichte, das passend zum Jubiläumsjahr 2021, also fünfundsiebzig Jahre nach der Landesgründung, im benachbarten Behrensbau am Mannesmannufer starten soll. Auch dieses Verwaltungsgebäude, 1911 bis 1912 gebaut und nach seinem Architekten benannt, hat direkte Bezüge zur Landesgeschichte: Errichtet als Firmenzentrale der Mannesmann AG, war es von 1946 bis 1953 Sitz des Ministerpräsidenten und der Staatskanzlei. Es macht also viel Sinn, an diesem Ort ein historisches Landesmuseum entstehen zu lassen.

Es gibt aber noch zwei weitere Orte, die eng mit der Parlamentsgeschichte des Landes zusammenhängen, und nicht nur mit dieser, nämlich der Stahlhof in Düsseldorf und die ehemalige Stadthalle in Münster. An diesen Orten konstituierten sich nämlich die beiden Vorläufer des Ernannten Landtags, also der Beratende Provinzialrat der Nord-Rheinprovinz und der Beratende Provinzialrat der Provinz Westfalen. Beide Gremien waren von der britischen Besatzungsmacht ernannt worden, um die provisorischen Regierungen der beiden Provinzen und ihre jeweiligen Oberpräsidenten zu beraten und einen demokratischen Neubeginn auf der regionalen Ebene zu ermöglichen. Ähnlich wie auf der kommunalen Ebene sollten diese Räte eine Beteiligung der Bevölkerung bzw. der neu zugelassenen Parteien an der staatlichen Verwaltung und Politik gewährleisten, bevor es zu Wahlen und demokratisch legitimierten Institutionen kommen konnte. Eine überregionale Ebene entstand ja erst, nachdem der Parlamentarische Rat 1948/1949 mit dem Grundgesetz die Basis für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland geschaffen hatte.

Der Stahlhof an der Bastionstrasse, zwischen Breite Straße und Kasernenstraße, beherbergt heute das Verwaltungsgericht Düsseldorf. Errichtet 1906 bis 1908 als Geschäftssitz des Verbandes der deutschen und luxemburgischen Eisen- und Stahlproduzenten und zwischen 1923 und 1925 schon einmal im Zuge der Ruhrbesetzung von französischen Truppen beschlagnahmt, hatte das repräsentative Verwaltungsgebäude den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet überstanden und diente deshalb zunächst den amerikanischen und dann den britischen Besatzungskräften als Hauptquartier, erst des Militär- und dann des Zivilgouverneurs. Es war in diesem imposanten Gebäude, in dem am 14. Dezember 1945 die konstituierende Sitzung des Beratenden Provinzialrats der Nord-Rheinprovinz stattfand. In einem Sitzungssaal des alten Flügels – einen Erweiterungsbau, den Neuen Stahlhof, gab es seit 1924 – eröffnete Militärgouverneur Barraclough um 11:07 Uhr die Sitzung, wie es im Protokoll festgehalten ist. Er begrüßte neben Oberpräsident Lehr und seinem Vizepräsidenten Wandersleb die anwesenden 21 Mitglieder des Rates, die von Lehr eine Ernennungsurkunde erhielten. Die Sitzung befasste sich laut Protokoll mit organisatorischen Fragen der weiteren Arbeit, etwa der Bildung von Ausschüssen, und endete um 12:50 Uhr, gefolgt von einem Imbiss im Archivsaal des Stahlhofs.

Die Personen, die auf deutscher Seite anwesend waren, verdienen besonderes Augenmerk, denn einige von ihnen sollten später hohe politische Ämter in der Bundesrepublik bekleiden. So saß an der Seite Lehrs z. B. Oberregierungsrat Gerhard Schröder, der von 1953 bis 1961 unter Bundeskanzler Adenauer Innenminister werden sollte, bevor er Außenminister (1961-1966) und im Kabinett Kiesinger Verteidigungsminister (1966-1969) wurde. Sein Vorgänger als Innenminister war von 1950 bis 1953 Robert Lehr selbst, der in dieses Amt gekommen war, weil Gustav Heinemann im Streit über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik als Innenminister zurückgetreten war. Heinemann wurde später im Kabinett Kiesinger Justizminister, bevor er zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt wurde – und er gehörte zu den ersten 23 Mitgliedern des Provinzialrats der Nord-Rheinprovinz, fehlte allerdings bei dessen Konstituierung am 14. Dezember 1945. Weitere Mitglieder waren neben den Rektoren der Universitäten in Bonn, Köln und Aachen und den Oberbürgermeistern von Duisburg, Köln und Düsseldorf etwa auch der spätere NRW-Ministerpräsident Karl Arnold und der spätere DGB-Vorsitzende Hans Böckler, aber auch der Kölner Bankier Robert Pferdmenges und der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff. Wer übrigens zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht dabei war, sondern erst im Januar 1946 von Seiten der CDU für eine geplante Vergrößerung des Provinzialrats vorgeschlagen wurde, war Konrad Adenauer.

Die den fünfziger Jahren abgerissene Stadthalle in Münster im Jahr 1945

In Westfalen war der Ort der Konstituierung des dortigen Provinzialrats die 1920 erbaute Stadthalle von Münster in der Neubrückenstraße, Spielstätte des Städtischen Orchesters und 1944 durch alliierte Bomben schwer beschädigt. Allerdings war das Foyer noch nutzbar, beispielsweise fand dort Mitte Oktober 1945 der erste Parteitag der Münsteraner Christlich-Demokratischen Partei statt, der späteren CDU, ebenso wie die feierliche Wiedereröffnung der Universität am 3. November 1945. Da die Bildung des Provinzialrats in Westfalen einen viel längeren Anlauf genommen hatte und es erst im April 1946 zwischen Oberpräsident Amelunxen und Militärgouverneur Chadwick zu einer Verständigung über dessen Größe und parteipolitische Zusammensetzung gekommen war, fand die Konstituierung am Vormittag des 30. April 1946 statt, und zwar in der Stadthalle, weil es sich mittlerweile um 100 benannte Mitglieder handelte. Im Gegensatz zu Düsseldorf war es hier ein sehr feierlicher Akt, zu dem auch eine Reihe von Gästen geladen war, bis hin zum Lippischen Landespräsidenten Heinrich Drake, der aber aus Protest über die Benennung lippischer Provinzialratsmitglieder nicht teilnahm. Das Städtische Orchester spielte zu Beginn Beethovens Eleonoren-Ouvertüre Nr. 3, daran anschließend wurde aus Friedrich Schillers Geschichtsvorlesung über die

„Gesetzgebung des Lykurgus und Solon“ rezitiert, bevor Chadwick und Amelunxen ihre Ansprachen hielten. Den Festakt begleitete eine britische Ehrengarde, zum Schluss spielte das Städtische Orchester das Westfalenlied.

Erst in einer Nachmittagssitzung wurden dann ähnlich wie in Düsseldorf organisatorische Dinge besprochen, aber auch gemeinsame Resolutionen zum Selbstverständnis des Provinzialrats sowie zur umstrittenen Rhein-Ruhrfrage und damit der zukünftigen Länderbildung verabschiedet. Bei der Einsetzung von Ausschüssen entsandte die CDU ihr Mitglied Heinrich Lübke in den Ausschuss für Wiederaufbau. Lübke machte später bundesweit politisch Karriere, nämlich von 1953 bis 1959 als Landwirtschaftsminister und danach, von 1959 bis 1969, als zweiter Bundespräsident. Mit dem SPD-Mann Fritz Steinhoff war immerhin auch ein späterer Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens unter den Mitgliedern. Und nach der Landesgründung wurde Oberpräsident Amelunxen bekanntlich zum ersten Ministerpräsidenten ernannt, seine Abteilungsleiter bzw. Generalreferenten Menzel, Nölting, Stricker, Halbfell und Weber wurden Innen-, Wirtschafts-, Verkehrs-, Arbeits und Sozialminister des neuen Landes Nordrhein-Westfalen. Der Generalreferent für Finanzen Höpker-Aschoff wurde zwar nicht Finanzminister, weil die Briten dies untersagten, aber später Mitglied des Parlamentarischen Rates und dann ab 1951 erster Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Die Vorgeschichte Nordrhein-Westfalens bietet sowohl hinsichtlich seiner Politiker und ihrer Vorgeschichten und deren späteren Karrieren wie auch hinsichtlich seiner Anfänge in Düsseldorf und Münster viel Stoff für weitere Forschungen. Die Verknüpfung mit konkreten Orten und Gebäuden illustriert, wo und wie alles begann. Nach den Jahren von Diktatur und Krieg ging es um einen Neuanfang, der getragen war von Politikern mit Erfahrungen aus der Weimarer Republik. In der Regel handelte es sich um Männer – Frauen musste man mit der Lupe suchen -, von denen viele später im Land und im Bund wichtige Rollen spielen sollten. Dass sie sich schon im Winter 1945 bzw. im Frühjahr 1946 für den politischen Wiederaufbau engagierten, erklärt noch nicht ihre nachfolgenden Karrieren, aber sie waren sehr schnell zur Stelle, als sie gerufen wurden. Wenn schon nicht im Haus der Parlamentsgeschichte, so könnte doch vielleicht im geplanten historischen Landesmuseum Nordrhein-Westfalens hieran erinnert werden.

Bildquelle Titelbild: Wikipedia, public domain

Bildquelle Stadthalle Münster: Heinz Koschinski, Stadtarchiv Münster

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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