Peter Handke
Peter Handke an seinem Arbeitsplatz in seinem Haus in Chaville bei Paris, © Donata Wenders/Suhrkamp Verlag

Gerechtigkeit für Peter Handke oder die Edlen sind noch nicht geboren. Reflexionen mit dem Schriftsteller

In der anhaltenden Diskussion um das Werk und die Person des designierten Nobelpreisträgers Peter Handke spiegelt sich die Kritik an ihm von vor 23 Jahren wieder, als er sich zum Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien äußerte. Losgelöst von Fakten und Schemenhaft von Ereignissen. Wer, wie der Autor dieses Textes über 40 Jahre im Maschinenraum der deutschen Politik arbeitete und Peter Handke seit vielen Jahren kennt, muss die Empörung der Edelfedern nur als einen schrillen Wirbel bewerten. Aufgeschnapptes steht neben den aus dem Kontext gerissenen Zitaten, Fälschungen neben dem unverstandenen Methapern. Die Betroffenheitszuschreibungen der bosnischstämmigen Autoren sind vermutlich wahr und verzerrt zugleich. Sie können aber auch im Rufmord enden und die Institution des Nobelpreises beschädigen. Ich habe, wie der Autor Tijan Sila in der taz vom 19. Oktober 2019 vermutet „keinesfalls unter einem Stein“ verbracht, sondern als damaliges Mitglied des Deutschen Bundestages habe ich meine Erkenntnisse über den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien mit fürchterlichen Details aus den Geheimakten des Bundestages. Danach gab es in allen ethnischen Volksgruppen des Landes Verbrecher und andere Schuldige. Die skandalöse Berichterstattung dagegen fast alle westlichen Medien war eine Niederlage des freien Journalismus. Die Medien waren in ihrer Mehrheit antiserbische Kriegsparteien. Aber im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Nun wird die Seele Peter Handkes zum wiederholten Male ausgeleuchtet, der es wagte in Wort und Schrift seine Zweifel an der Alleinschuld der Serben im grausamen Bürgerkrieg zu äußern und dem Bombenkrieg der NATO zu kritisieren. Jemand, der nicht das böse Tätervolk von dem guten Opfervölkern unterscheidbar markierte. Wer, wie Jagoda Marinić, jenen Schriftsteller, der in der taz vom 14. Oktober 2019, Handke eine „unzivilisierte Wahl“ nennt, aus dem spricht Hass, der vernichten will. Hat der Buchpreisträger Saša Stanišić Recht, wenn er Peter Handke vorwirft, das Grauen auf dem Balkan relativiert zu haben? Dem Buchpreisträger mit dem Siegerlächeln, nehme ich seinen Zorn ab. Den Müttern vom Srebrenica ihren Schmerz. Aber Dramatiker Friedrich Hebbel glaubt: „Der Schmerz ist der geheime Gruß, durch den die Seelen sich verstehen“. Jene, die auf das ewige Feindbild verzichten können, für die intellektuelle Redlichkeit ein Wert ist, sich Moral und Wahrheit nähern wollen, sei empfohlen wie Handke die jüngere Geschichte und die bereits vorhandene wissenschaftliche Literatur zu lesen. Alle, die sich die Zeit nehmen und das Risiko eingehen ihn zu verstehen, werden feststellen, dass die Edlen noch nicht geboren sind und der jetzige Shitstorm in unterschiedliche Richtungen gehen muss. Denn das Unrecht und das Verbrechen haben immer Namen und Adresse. In unserem Land im früheren Jugoslawien, in den USA und Europa.

Meine erste Reise zu Peter Handke nach Chaville

Paris ist an diesem Herbstsonntag frühmorgens noch eine leere Stadt. Wenige Touristen sitzen schon in den Cafés am DER Bahnhof St. Michel. Auch im Vorortzug sehe ich nur wenige dösende Gesichter. Um die Bücher von Peter Handke habe ich bisher einen Bogen gemacht. Zu seinen Texten „Wunschloses Unglück“ konnte ich Zugang finden. Im Zug lese ich sein Frühwerk: „Das Gewicht der Welt“. Er beschreibt dort eine obskure Realität, schreibt von “speckschwarten Menschen“ und sprachentkernten Figuren. Um ihn herum überfällt ihn häufig „Mordlust“. Linke Kritiker werfen ihm vorschnell „Faschismus“ vor. Aber Handke reduziert zu dieser Zeit Literatur auf bloße Realität. Die Umsetzung seiner Gefühle, Gedanken in der Sprache. Eine perfekt ehrliche Literatur? Diese manchmal naive Ehrlichkeit ist es, die 1996 einen ersten Medientsunami auslöste und sich über ihn ergoss, nachdem er seine Texte über Jugoslawien veröffentlichte. Ohne Prüfung dieser Texte auf Realitätskern des Bürgerkriegs wurde der Schriftsteller als „naiv, verblasen und historisch dumm“ bezeichnet.

Weil er ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des Balkans ist und sich mit den Menschen dieses Fleckchens Erde verbunden fühlt, will ich mit ihm reden. Mich interessierte seine Wahrheit und seine Haltung. Wir wollen auch über seine aktuellen Erfahrungen im Bürgerkriegsland und meine Motive bei der Abstimmung über den Kriegseintritt Deutschland als Mitglied des Deutschen Bundestages diskutieren. Ich hatte mich voller Zweifel am 16. Oktober 1998 der Stimme enthalten. Erst später war ich mir ganz sicher, dass ich mit Nein hätte stimmen müssen. Peter Handke kennt mein früheres Misstrauen gegenüber der Politik des verstorbenen Ex-Präsidenten Slobodan Milošević , an dessen Grab er seine Rede hielt. Aber er weiß auch meine tiefe Verachtung aus unserem Schriftwechsel gegenüber den Kriegslügnern meiner Partei, die ich seit Jahren zu kennen glaubte: Gerhard Schröder, Rudolf Scharping und dem Grünen Josef Fischer. Gemeinsam haben sie den völkerrechtswidrigen und nach unserer Verfassung verbotenen, strafbewehrten Angriffskrieg gegen die souveräne Bundesrepublik Jugoslawien zielstrebig forciert. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, mein früherer, direkter Vorgesetzter schrieb mir: “Ihren Standpunkt finde ich durchaus anerkennenswert. Ich selbst bin sowohl aus rechtlichen wie auch aus politischen Gründen gegen die Intervention in Bosnien und im Kosovo gewesen. Rechtliche Gründe sehe ich darin, dass sowohl gegen die UN-Charta als auch gegen den Zwei-plus-vier-Vertrag verstoßen wurde“.

Spätestens bei der Offenlegung der Akten des Auswärtigen Amtes 2029 wird das noch klarer als es schon ist: Der Krieg war vermeidbar. Wenn er trotzdem geführt wurde, dann ging es weniger um Menschenrechte, sondern um die Sicherung geostrategischer Einflusssphären und Nebeninteressen der amerikanischen und deutschen Regierungen. Bei meiner Recherche zur geplanten Theaterdokumentation „Die Brücke von Vavarin“ und über den Weg in den Bombenkrieg der NATO habe ich nichts Entlastendes gefunden, das für die deutsche Regierung sprach. Einige werden sich öffentlich entschuldigen müssen. Der Zug taucht am Stadtrand von Paris aus der unterirdischen Betonröhre an die taghelle Oberfläche. Ein Bündel Sonnenstrahlen, das durch ein Wolkenloch auf die glatte Wasseroberfläche trifft, blendet für Sekunden. Wir passieren die letzte Brücke von Paris – das Bild erinnert an die wiederaufgebaute Brücke über den Fluss Morawa in Varvarin südlich von Belgrad. Es ist jener Fluss, den Peter Handke in „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ nach Wanderungen beschrieben hat. Drei Jahre später am 30. Mai 1999, beginnen in der Stadt Varvarin an der Morawa mit ihren 4000 Einwohnern die Vorbereitungen für den Marktsonntag und das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. An diesem Sonntag, so will es die Glaubenslehre der orthodoxen Kirche, werden Himmel und Erde einschließlich der Menschen mit dem weißen göttlichen Licht erfüllt sein. Gegen Mittag herrscht Hochbetrieb um die Behelfsbrücke, die von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationsleistung aufgebaut wurde. Auch die 15-jährige Schülerin Sanja Milenković, Tochter des Bürgermeisters, geht mit ihren Freundinnen Marijana Stojanović und Marina Jovanović über die Brücke. Die drei Mädchen waren in der Kirche, sind dann noch über den belebten Markt gebummelt und wollen jetzt zum Mittagessen nach Hause. In diesem Augenblick stoßen NATO-Kampfflugzeuge dröhnend aus dem Himmel auf die innerörtliche, militärisch wertlose Brücke zu. Plötzlich explodiert die friedliche Welt des Ortes. Begleitet von grellroten Blitzen und dunklem Rauch sprengen die von den Flugzeugen abgeschossenen Laserbomben die Brückenpfeiler in die Luft. Die Brücke kracht in den Fluss. Metallsplitter und Gesteinsbrocken wühlen das Wasser auf, verzweifelt klammern sich die Mädchen an die glühend heißen Eisenträger. Sie schreien um Hilfe. Männer vom Markt und aus der nahen Kirche laufen zu ihnen um zu helfen aber wie Sanja und ihre Freundinnen rennen sie ins Verderben, denn die Nato-Flugzeuge greifen die völlig zerstörte Brücke ein zweites Mal an. Neun Einwohner, darunter der Priester, mussten ihre Hilfsbereitschaft mit dem Leben bezahlen. Die Fotos ihrer zerfetzten Leiber konnte ich später kaum ansehen. Die Gefühle dabei gingen unter die Haut. Das Grauen kann man nicht mit dem Kopf erfassen. Auch die von Splittern durchsiebte Sanja stirbt zwei Stunden später in den Armen ihrer Mutter. In seinem Schmerz verflucht ihr Vater den US-Präsidenten Clinton und Slobodan Milošević .

Die schwerverletzten Freundinnen von Sanja bleiben nicht nur für den Rest ihres Lebens körperlich behindert, sondern auch seelisch traumatisiert. Wie in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs wurden auch im Hinterland von Serbien von NATO Flugzeugen viele Zivilisten getötet. Es gab über 1000 zivile Opfer. Für sie gab es nie Gerechtigkeit.

Vesna Milenkovic, Mutter der von zwei F16 der NATO getöteten Schülerin Sanja in deren Zimmer. Neun weitere Menschen, die helfen wollten, wurden bei dem Angriff zerfetzt. Peter Handke und der Autor des Textes und des waren vor Ort und haben sich bei der Angehörigen der Opfer in Vavarin (180 Km südlich von Belgrad) informiert. Das Theaterstück des Autors „Die Brücke von Vavarin“ kam im „Neuen Theater“ Senfenberg zur Uraufführung. Das Theaterstück wurde 2005 zum besten Theater des Landes gekürt.

Tödlicher Nationalismus

Für die aktuelle Debatte vor der Verleihung des Nobelpreises für Literatur ist die geschichtliche Erinnerung notwendig, sonst ist kein annähendes, objektives Urteil möglich. So war der Staatschef der Bundesrepublik Jugoslawien Slobodan Milošević war ein Ergebnis des kosovo-albanischen Nationalismus. Am 11. März 1981 skandierten nationalistische Demonstranten in Pristina: “ Wir sind Albaner, keine Jugoslawen“. In der Folge wurden die Kosovo-Serben drangsaliert, zu Tausenden vertrieben und zahlreiche Polizeibeamten erschossen. Auch loyale Kosovo-Albaner. Erst 1986 solidarisierten sich dann 212 serbische Intellektuelle aus ganz Jugoslawien in einer Petition an das Parlament des Bundes und der Teilrepublik Serbien mit den nationalistisch gesinnten Kosovo-Serben und forderten den „an Serben begangenen Völkermord“ ein Ende zu setzen. Das war übertrieben aber sie trafen damit das kollektive Herz der Serben. Die politische Reaktion: Milošević riss den serbischen Nationalismus mit seinem berühmt gewordenen Satz: „Niemand hat das Recht, das (serbische) Volk zu schlagen“. Er wird schnell als Vertreter eines chauvinistischen, serbischen, nicht völkischen Nationalismus populär. Zum gravierenden Unterschied schreibt Matthias Küntzel in „Der Weg in den Krieg“: War der serbische chauvinistische Nationalsozialismus entgegen der Propaganda der NATO“ von „ethnischen Ausschaltungsfantasien weitgehend frei“. Realistische Berichte des deutschen Botschafters in Jugoslawien, die das bestätigten, wurden von den Politikern in Berlin ignoriert. Minderheiten in Belgrad, wie zum Beispiel die Kosovo-Albaner hatten zuvor nur schlechte Jobs, wurden aber nicht verfolgt. Ohne den von Serben verübten Verbrechen in Bosnien Herzegowina gegenüber nachsichtig zu sein: Die von Deutschland unterstützte UCK, die von den USA noch kurz vorher als Terrorbande eingestuft wurde, verübte in Kosovo laufende Angriffe auf Serben, Roma und Juden. Diese Vertreibungspolitik waren konstituierender Bestandteil mit dem Ziel eines rassenreinen, albanischen Staates zu organisieren. In einer wissenschaftlichen Studie über die Jugoslawien Kriegsberichterstattung der „Londoner Times“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ stellte Alexander S. Neu fest: Die Serben werden nahezu uneingeschränkt zu den „bad guys“ und die Slowenen, die Kroaten, die Kosovo-Albaner sowie bosnische Muslime zu den „good guys“ gemacht. Den westlichen Leitmedien war immer der ethnozentrische Sprachduktus gemeinsam, ein Sprachmuster, auf das sich Peter Handke einlassen musste. Dabei wurde ausgeblendet, dass der Schriftsteller feststellte: „Man soll sich nicht täuschen lassen, es waren alles Schurken“. Dem in Den Haag verurteilten und jetzt einsitzenden Serbenführer aus Bosnien und Herzegowina Radovan Karadzic wünschte er sogar den Tod an den Hals. Er wehrte sich dagegen, manchmal verzweifelt, die Welt in Gut und Böse aufteilen zu lassen. Aber in der kontaminierten Medienwelt des Westens, deren sprachliche Eskalation gegen Peter Handke kaum Grenzen kannte, hatte er wenig Chancen.

Delikate Pilzsuppe

Nur vor diesem Hintergrund kann man Peter Handke verstehen. Er verabscheut den Krieg, wie die meisten Menschen. Diese urwüchsige Region ist ihm zur zweiten Heimat geworden und deshalb seine Forderung nach „Gerechtigkeit für Serbien“. In der westlichen Presse nimmt man kaum Notiz von den serbischen Opfern der NATO. Sein Mitgefühl mit ihnen heißt aber doch noch lange nicht, die Untaten, die im Namen Serbiens begangen wurden, zu unterschlagen.

Peter Handke sprach jene Wahrheit aus, die er kannte. Er begrüßt mich vor der Tür seines Hauses aus den 30er Jahren. Seit 15 Jahren lebt er in diesem kleinbürgerlichen Ort. Sein geliebter Wald und das hektische Paris ist auch nicht weit. Er, immer noch langhaarig, aber jetzt grau-meliert mit Zweiwochenbart, hat eine nussartig schmeckende Pilzsuppe gekocht. „Selbst gesammelt“ versichert er mit leicht stolzem Augenaufschlag dem vorsichtig kostenden Gast. Aber die Suppe, mit etwas Ingwer veredelt und die anderen kleinen Gerichte aus der dalmatinischen Küche sind lecker. Den Retsina kann ich mir verkneifen. Während ich mich bemühe aus einer alten Kanne mit einer abgeschlagenen Tülle den Tee nicht neben meine Tasse zu schütten, will er wissen, warum ich als Mitglied des Deutschen Bundestages am 16. Oktober 1996 bei der Abstimmung über den Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovo nicht gegen den Militäreinsatz gestimmt, sondern mich nur der Stimme enthalten hätte? Obwohl ich auf diese Frage vorbereitet war, ging ein Teil des Tees daneben. Ich gestand: „Ich kannte mehr Fakten und Ereignisse als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, die nicht im Sicherheitsbereich tätig waren. Aber auch die Geheimakten sind subjektiv, weil sie interessengeleitet abgefasst werden. Das Ergebnis für mich war Ratlosigkeit“. Die meisten nickten den Krieg ab. Der Tee geht wieder daneben, und ich nehme mir vor, beim nächsten Besuch eine neue alte Kanne mitzubringen. Ich frage ihn, ob er denn nicht täglich die schrecklichen Bilder im Fernsehen von den vertriebenen Kosovo-Albanern und den abgemagerten muslimischen Gefangenen hinter dem Stacheldraht gesehen habe. Bilder, die dem Außenminister Fischer ermöglichten die serbische Brutalität mit Auschwitz zu vergleichen. Jeder Zweifler wurde zum Lügner gestempelt. Meldungen über die Gräueltaten der serbisch-bosnischen Paramilitärs unterfütterten das grausame Geschehen. Einige von ihnen erwiesen sich als Fakes. Aber die Bilder waren bereits in Millionen Köpfen.

Die innere Wahrheit

Der von mir geschätzte CDU-Kollege Willy Wimmer, der mit „Nein“ stimmte, sagte später: „Noch nie haben so wenige so viele so gründlich belogen, wie im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg.Mit dem Wissen von heute hätte ich ebenfalls dagegen gestimmt und viele andere sicherlich auch.Die deutsche Position war Heuchelei pur. Peter Handke, der sich als konservativer Mensch bezeichnet, berichtet jetzt über die Tragödie im ehemaligen Jugoslawien, auch über die Verbrechen, die an Serben verübt wurden.

Er tut es nicht, um aufzurechnen, sondern um mich darüber zu informieren, dass es im ganzen Land Täter und meist zivile Opfer gab. Man darf die Schuld nicht aufrechnen. Sie ist individuell. Er stellt klar: „Ich nehme nicht eindeutig Partei für die Serben. Ich relativiere nur“.Was Schurken im Namen Serbiens angerichtet haben, ist eine ewige Schande, aber für die, die es angerichtet haben, nicht für das Volk. Es wird Zeit, dass sich die Eliten von einst auch im Westen erklären. Alle stehen in der Verantwortung, das Freund-Feind-Denken abzubauen. Nur wer macht den Anfang? Die Intellektuellen sind dazu aufgefordert. Die Versöhnung steht bis heute aus. Die Opfer von Vavarin können es nicht mehr. Der Schriftsteller und ich waren beide unabhängig voneinander in dieser Stadt. Er, weil er das ländliche Serbien liebt und ich, der daran arbeitete, die Folgen des Angriffs auf die Brücke in einer Theaterdokumentation, unterstützt durch den „Spiegel“, zusammenzufassen. Wir haben dort die immer noch auf den Menschen lastende Depression erlebt, die Trauer im Elternhaus der getöteten Sanja gespürt. Ich habe in ihrem Zimmer ein Poster mit Leonardo DiCaprio und das immer noch in einer Schutzfolie gehüllte Ballkleid von ihr gesehen, über ihren verwaisten Teddybären gestreichelt. Über die Erfahrungen im Teenagerzimmer beginne ich immer mehr zu verstehen, dass tiefe Eindrücke ob schöne oder schmerzhafte nur über alle Sinne zu erfahren sind. Das ist es, was Peter Handke seine innere Wahrheit nennt. Seit diesem ersten Gespräch treffen wir uns über viele Jahre in unregelmäßigen Abständen. Während eines nächtlichen, kalten Spaziergangs in Chaville frage ich ihn, wie er es erträgt als „serbischer Nationalist“, „Apologet von Kriegsverbrechern“ und „Genozidsleugner“ etikettiert zu werden.

Unter dem fahlen Licht eines Straßenlaterne bleibt er stehen und sieht mich an und stößt zornig hervor: „Die westliche Welt hat die Menschen in Serbien kollektiv geächtet, seelisch, körperlich und politisch misshandelt. Sollte ich mich da etwa wie die drei Affen verhalten: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen? Ich wäre ein Arschloch gewesen, wenn ich geschwiegen hätte: Mein Einwand: dass Kritik die Menschen verschließt. Sei gnädig, Du gehst doch in die Kirche, „Ich bin aber kein Priester, sondern Schriftsteller“, bellt er zurück. Ich stochere weiter: „Was war Slobodan Milosevic für ein Mensch? „Jedenfalls kein Wahnsinniger oder Schlächter, wie Hitler“. Ich wäre auch beinahe Jurist geworden. Von der Anklage bis zur Verurteilung ist jedes Verfahren in der Schwebe. Er war eine tragische Figur. Ich berichte von meinen Erfahrungen als Politiker mit den Funktionseliten. Ihr Erfahrungshorizont wird immer beschränkter. Die modernen Spitzenpolitiker begeben sich freiwillig in die Isolationshaft. Schnell sind sie taub und blind. Christopher Lasch beschrieb sie in seinem letzten Buch 1984 als „blinde politische Elite“, die nicht mehr dem Zwang unterliegt sich ernsthaft mit der normalen Umwelt auseinanderzusetzen. Ihre Wahrnehmung ist verengt und eingeschränkt auf Machterhalt und Machterwerb. War Milošević auch blind? Peter Handke: „Ich weiß es nicht“. Auch wenn ich weiß in Sekunden in der Bahn welchen Menschen man von den Zusteigenden lieber nicht neben sich sitzen haben möchte“. In seiner Rede bei der Beerdigungszeremonie von Slobodan Milošević sagte Peter Handke: “Die Welt, die vermeintliche Welt weiß alles über Slobodan Milošević. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage“. Dies sind Worte voller Zweifel. Keine Parteinahme. Eher eine Geste der Treue zum Land mit seinen Menschen. Ein Protest gegen die Heuchelei und Gleichgültigkeit. Peter Handke ist von einer antifaschistischen und antinationalistischen Grundhaltung. Mit seinen Mitteln setzte er sich immer für den Frieden ein. Wer sich zu dem Grundwert Gerechtigkeit bekennt sollte ihn ehren. Die Trennung von Literatur und Politik ist freundlicher Unfug. Das Gegenteil ist richtig. Er war der einzige prominente Schriftsteller, der Feuer rief als die Wahrheit verbrannte. Er hat zur Repolitisierung der Literatur beigetragen. In allem, was Peter Handke schrieb, bleibt er sich, seiner Kunst und dem Geist des aufklärerischen Humanismus und der Suche nach der Wahrheit treu.

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Hans Wallow
Über  

bekennender Westfale, Autor und Dozent, 3 Legislaturperioden Mitglied des Bundestages. Wohnhaft im damaligen Bonner Parlamentsviertel. Vorsitzender des Global Club e.V.


'Gerechtigkeit für Peter Handke oder die Edlen sind noch nicht geboren. Reflexionen mit dem Schriftsteller' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    17. November 2019 @ 14:42 Joke Frerichs

    Danke für den Beitrag. Er dürfte in seiner Aufrichtigkeit ziemlich singulär in der deutschen Medienlandschaft sein.

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