Armut
Alltag in der Kölner Innenstadt: Die Ärmsten leben auf der Strasse.

Heilsversprechen: Die Armut mildern

Wer lange gearbeitet hat, soll nicht mehr den Gang zum Sozialamt antreten müssen. Bundesminister Hubertus Heil schlägt deshalb eine „Respekt-Rente“ für GeringverdienerInnen vor. Um bis zu 447,- € monatlich könnte ihr Verdienst erhöht werden, wenn er damit in der Großen Koalition durchkommt. Seine Chancen dafür stehen eher schlecht, denn die CDU / CSU, einschließlich FDP und die Arbeitgeberverbände, protestieren bereits lauthals.

Kann er damit das Heer der Armen verkleinern?

„Diese aggressive Bettelei habe ich satt“, schimpft eine blondierte Mittfünfzigerin in einem eleganten Parfümeriegeschäft in der Kölner Hohe Straße.

„Ich gebe jede Woche etwas“, sagt die Verkäuferin etwas schnippisch mit gekräuselter Stirn und fügt hinzu: „Man kann das Elend ja nicht mehr mit ansehen“. Wortlos rauscht die pelzbemäntelte Kundin aus dem Laden.

Einer von denen, um den sich dieser seltene authentische Dialog dreht, ist der Lackierer Klaus Bauer (Name geändert) aus Meckenheim. Die Geschichte des 41jährigen, obdachlosen Ex-Lackierers ist schnell erzählt: Die Berufsunfähigkeit durch Vergiftung wurde nicht anerkannt. Danach Alkoholkonsum und schließlich die Scheidung. Durch die Schulden verlor er seine Wohnung und damit auch das Bankkonto. Heute sammelt er Pfandflaschen, verkauft Obdachlosenzeitungen und bettelt. Nachts schläft er in einer Obdachlosenunterkunft. Am Tag bleibt ihm auch bei strenger Kälte nur die Straße. „Manche Menschen würden uns am liebsten mit dem Hochdruckreiniger wegspritzen“, sagt er verbittert. „Die Kölner sind nicht mehr so freundlich, wenn du keinen Job mehr hast.“

Jörg Sator

Jörg Sartor erklärt Global Club Mitglied Fakte Doost was “klare Kante“ bedeutet.

Ortswechsel: Draußen vor der Tür der Essener Tafel stehen die „Kunden“ diszipliniert in einer langen Reihe. Es sind hauptsächlich alte Menschen, Familien mit erkennbar ausländischem Hintergrund. Viele früh gealterte, zahnlose Gesichter. Drinnen sortiert der 61jährige Ex-Steiger Jörg Sartor eigenhändig die angelieferten Lebensmittel. Der Leiter der Essener Tafel war im Frühjahr 2018 in die Kritik geraten, weil er zeitweise drängelnde, junge Ausländer zu Gunsten von Älteren, Schwerbehinderten und Familien mit Kindern aussperrte. Man warf ihm aus der Ferne Rassismus vor. Auch Angela Merkel schoss aus der Hüfte und versprach später kleinlaut, sich vor Ort in Essen ein eigenes Bild von der Lage zu machen.  Der Chor der Empörten entwickelte sich zu einer Medien-Hype.

Der seit 14 Jahren ehrenamtlich aktive Frührentner Sartor war zwar genervt, blieb aber auf seinem Posten und bei seiner Einstellung. Für ihn ist die Gerechtigkeit vor Ort nur durch Ordnung zu erreichen.

In einer Arbeitspause erklärt er den Gästen: In Essen leben 108.000 Menschen von Sozialleistungen. Von diesen Familien haben 1.800 einen jährlich geltenden Berechtigungsschein, davon sind 40%  Ausländer. Seit 2015 war der Ausländeranteil an Bedürftigen aber auf 70% gestiegen, dadurch entstanden Verteilungsprobleme. Die konnte ich nur durch gerechte Regeln korrigieren, sagte der Ex-Steiger und guckte dabei lächelnd durch seine Brille. Er fügte hinzu: „Man muss hier klare Kante zeigen, wer da dreimal unentschuldigt fehlt, fliegt raus. Für flegelhaftes, ungebührliches Verhalten gibt es auch lebenslange Sperre. Die Leute wissen dass wir Regeln haben, aber manche versuchen, nach wie vor zu mogeln“. Der Menschenkenner seufzt und geht wieder ungeduldig an die Arbeit. Die Essener Tafel ist nur eine von 930 Tafeln, die bundesweit von ca. 1 bis 1,5 Mio. Bedürftigen besucht werden. Davon sind ca. 250.000 Geflüchtete. Ohne das ehrenamtliche Engagement tausender Helfer, wäre die Versorgung der Flüchtlinge nach 2015 kaum zu bewerkstelligen gewesen. Die Helfer erleben täglich den Gegensatz von Überfluss und Mangel. Deshalb gehört zu den dringlichsten politischen Forderungen der „Deutschen Tafel“ eine gerechte Verteilung von Vermögen, von Nahrung, von Chancen und Teilhabe. Trotz der tausendfachen Mitmenschlichkeit der ehrenamtlichen Helfer, müssen immer noch Millionen Menschen in einem reichen Land mit leerem Magen schlafen gehen. Der Kölner Professor Dr. Butterwegge, der nicht müde wird, die skandalöse, armutproduzierende Vermögensverteilung im Land anprangert, sieht hinter dem Neo-Liberalismus das „Menschenbild einer Sklavenhaltergesellschaft“.

Der ehrenwerte Versuch des Arbeitsministers Heil wirkt nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Warteschlangen vor den Tafeln im gesamten Bundesgebiet werden dadurch nicht spürbar kürzer. Das Heer der Bettler kaum kleiner. Reparaturen am Sozialsystem bringen die Gesellschaft nicht viel weiter. Kurzfristig bedarf es eines Mindestlohns von 12,- € pro Stunde. Langfristig ist eine Veränderung der skandalösen Vermögensverteilung nur durch eine spürbare Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktiv-Vermögen möglich. Schließlich haben sie es in ihrem Leben selbst erarbeitet.

Bildrechte: Hans Wallow

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Hans Wallow
Über  

bekennender Westfale, Autor und Dozent, 3 Legislaturperioden Mitglied des Bundestages. Wohnhaft im damaligen Bonner Parlamentsviertel. Vorsitzender des Global Club e.V.


'Heilsversprechen: Die Armut mildern' hat einen Kommentar

  1. 9. Februar 2019 @ 18:43 Peter Pan

    Solange wir Bürger es weiterhin zulassen, dass Politiker unsere Steuergelder verschwenden und Kriege finanzieren, solange werden wir um unser Geld betteln müssen.

    Antworten


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