Buchtitel Josef sucht die Freiheit

Hermann Kesten- Ein Genie der Freundschaft

Der Schriftsteller Hermann Kesten ist in Vergessenheit geraten. Man nannte den 1996 in Basel verstorbenen deutschen PEN-Präsidenten der Jahre 1972 bis 1976 ein „Genie der Freundschaft“. Zweig sagte über ihn Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, er sei der „Schutzvater und geradezu Schutzheiliger aller über die Welt Versprengten“ gewesen. Marcel Reich- Ranicki  hat ihn freundlich gewürdigt, aber seinen Romanen wenig abgewinnen können. Während Ernst Jüngers Roman „Auf den Marmorklippen“ immer noch eine Leserschaft hat, wurde auch Kestens Roman „Josef sucht die Freiheit“ vergessen, obgleich der den Kontrapunkt zu Jüngers Marmorklippen setzt. 

1928 hat Kesten seine erste Anthologie herausgebracht: „24 neue deutsche Erzähler“, hieß sie. Im Vorwort schrieb er: „Ich bekenne mich zum Glauben an die Wirkung des Wortes… Ich glaube, dass das gesprochene Wort die Welt des Menschen verändern kann.“ (zitiert aus Reich-Ranicki: Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur, dtv 2000)

Kestens Glaube an das Wort. Das Wort verändert die Welt und zwar in alle möglichen Richtungen. Für Kesten war das Wort Fortschritts- und Wahrheitsvehikel. Er sah das Wort an den Vorsatz gebunden, Wahrheit finden zu wollen. Wir können Kestens Auffassung durch zwei Ereignisse prüfen, die in der vergangenen Woche stattfanden.

Das ist erstens das Gedenken der bislang 8372 registrierten ermordeten Menschen in und um Srebrenica. Und zweitens der Hintergrund des medialen Theaters um angebliche Stammbaumsucherei.  

Die Journalistin Melina Borčak hat am Wochenende in der TAZ einen erregenden Text über den Massenmord in und um Srebrenica veröffentlicht. Es fehle in deutschen Medien, schrieb sie, an Präzision, an Zusammenhang und Verstehen und außerdem werde verharmlost. Borčak  verweist auf die Süddeutsche Zeitung, Arte, den Deutschlandfunk und dpa.

In manchen Erinnerungstexten wird über 7000 ermordete Menschen geschrieben, in anderen von 8000, wieder andere berichten von Zahlen zwischen 7000 und 8000 Opfern. Die auf  Identifikation von Opfern beruhende Zahl 8372 Opfer wird nur ab und an genannt. Auch der Hinweis darauf, dass die Suche nach Opfern nicht beendet sei, fehlt oft.

Ist das wichtig? Ja, das ist wichtig, weil er Verzicht auf Präzision einen Teil der Opfer ins Vergessen schickt. Genauigkeit bezogen auf die Zahlen Ermordeter ist Respekt und Sache der Verantwortung. Der Verzicht auf Genauigkeit ist der erste Schritt hin zur Verharmlosung. Danach beginnt das alte Spiel, wonach es gar nicht so gewesen sein kann, wie behauptet werde.  

So ist in der Neuen Rheinischen Zeitung zu lesen: „Denn weder gab es im Gebiet zwischen Srebrenica und Tuzla (in Srebrenica schon mal gar nicht!) einen Genozid (der Verweis auf das anders entscheidende Haager Tribunal und sein Krstic-Urteil wäre Zynismus), noch erreicht die wirkliche Zahl der in den Tagen und Wochen nach dem 10. Juli 1995 zwischen Srebrenica und Tuzla nach ihrer Gefangennahme massakrierten muslimischen Bewaffneten auch nur annähernd eine Dimension von 7000 oder gar 8000.“

In dieser online Zeitung war bereits 2014 aus der Feder des als Stasi- IM verurteilten George Pumphrey zu lesen:  „Ein Verbrechen muss normalerweise stattgefunden haben, bevor die Verwicklung eines Verdächtigen in dieses Verbrechen geprüft wird.“

Srebrenica ein Phantom? Borčak kritisiert übrigens zu Recht, dass stets von muslimischen Männern geschrieben werde, die ermordet wurden. Anna Feininger hat schon vor Jahren für die ARD berichtet, das jüngster Opfer der Mörder sei ein Mädchen im Säuglingsalter gewesen. Und wenn man schon die Opfer durch ihre Religionszugehörigkeit definiere, muss man das auf der Seite der Mörder ebenso tun: orthodoxe Christen, Kommunisten und wer sonst noch?  Frauen kommen in der Berichterstattung über die Opfer nicht   vor. Dabei hatte der Gerichtshof in Den Hag festgestellt: „During a few days in early July, more than 8,000 Bosnian Muslim men and boys were executed by Serb forces in an act of genocide. The rest of the town’s women and children were driven out.“

Auslöser des Theaters wegen der angeblichen Stammbaumsucherei  ist der 28-jährige Grünen-Politiker Marcel Roth. Das Wort ist während der Aufarbeitungssitzung von Stadtrat und Polizei sowie Ordnungsamt der Stadt Stuttgart überhaupt nicht gefallen, auf der es nach Roths Angaben gefallen sein soll. Seine Angabe reichte aus, um Tageszeitungen  in Aufregung zu versetzen und Bundespolitikerinnen zu voreiligen Bewertungen.

Was die ganze Geschichte zu einer absolut verderbten Angelegenheit macht, das ist das, was Roth auf Anfrage der Wochenzeitung Kontext nachschob: „Ich habe mir erlaubt, den Ausführungen von Lutz (Polizeipräsident Stuttgarts-Anm. des Verfassers) einen Namen zu geben und dass zugegebenermaßen etwas zugespitzt. Aber es geht um die Sache und nicht um den Begriff.“ (Kontext vom 18.Juli 2020 Seite 2) Die Zeitung schrieb begütigend, Roth habe sich schon als Schüler  „gegen Rassismus stark gemacht“ – was wohl auf einer Eigenangabe Roths in seiner Vita beruht.

Man kann, um zu Hermann Kesten zurückzukehren, das Wort verdrehen; man kann durch Worte Täter anonymisieren;  deren Taten verharmlosen, Dinge auf den Kopf stellen und etwas als geschehen darstellen, was nicht geschehen ist. Man kann schließlich das Wort als Wort verschwinden lassen, weil es nach Meinung eines jungen Schnösels keines Begriffs, also keines Wortes mehr bedarf – letztlich ein totalitäres Verständnis von Kommunikation, weil es das Transportmittel des menschlichen Geistes bei Seite schiebt.

Bildquelle: Buchtitel, Steidl Verlag

 


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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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