Bundestrainer Löw

Jogi Löw hätte früher gehen müssen

Nun also geht er doch vorzeitig, Jogi Löw, der Fußball-Bundestrainer, nach der Europameisterschaft hört er auf, ein Jahr vor Auslaufen seines Vertrages. Leider zu spät, viel zu spät. Hätte der 61jährige Löw 2014, nach dem Gewinn der WM in Brasilien,  seinen Hut genommen, man hätte ihm ein Denkmal gebaut, ihm nachgetrauert. Schade, dass Du gehtst, hätten die Fußballer unisono bedauert, dass der Jogi, dieser erfolgreiche Trainer, Abschied nimmt. Jetzt wird es zwar als Nachrichten-Bombe, so die Sprache der Kicker, bezeichnet, aber im Grunde ist es nur noch eine mittlere Überraschung, dass die Deutschen einen neuen Übungsleiter brauchen, das Neue ist der Termin.

Die Ära Löw war längst beendet, leider, muss ich das so formulieren, weil er ein vorzüglicher Sportsmann war, einer, der das gepflegte Fußballspielen wieder propagierte, forderte und förderte, das Kurzpass-Spiel zum Beispiel. Plötzlich lernten die jungen Deutschen wieder die Technik, den Umgang mit dem Ball, der wieder ihr Freund wurde. Einer der herausragenden Fußballer seiner Zeit war der Dortmunder Spieler Mario Götze, ein Klasse-Mann, der dem Gegner den Ball buchstäblich durch die Nase spielen konnte. Eine Augenweide war es, diesen Götze im eigenen Dortmunder Stadion zu sehen, wie leichtfüßig der mit dem Ball umging, diesen streichelte, dem selten ein Fehlpass unterlief,  und der leider den Fehler gemacht hat, den Borsig-Platz mit der Säbener Straße zu tauschen. Aber das ist Musik von gestern, passend zu den Abschiedsklängen zu Löws Abgang.

2006 wurde Löw, damals noch an der Seite von Jürgen Klinsmann, dem Einpeitscher, Dritter bei der WM in Deutschland, als der Werbespruch hieß: Zu Gast bei Freunden. So war die WM, tolle Stimmung, fröhlich, freundlich, leider verloren wir gegen Italien im Halbfinale in Dortmund.  2010 wurden die Deutschen dann mit ihrem Chefcoach Löw Dritter bei der WM in Südafrika mit dem jungen Torwart Manuel Neuer, der damals gerade von Schalke zu den Bayern gegangen war. Vier Jahr später dann der Gewinn des Titels, der vierte Sieg bei einer Weltmeisterschaft nach 1954, 1974 und 1990. Einige Spieler wie der Kapitän Philipp Lahm hörten auf, ich dachte, Löw wird es auch tun. Was will er denn noch erreichen? Das kann, das muss schiefgehen und die Pleite folgte vier Jahre danach in Moskau, als die Deutschen blamabel in der Vorrunde ausschieden- gegen so gewaltige Fußballzwerge wie Mexiko und Südkorea. Wieder dachte ich, jetzt ist es genug und Zeit zu gehen. Löw blieb. Vor Jahr und Tag dann die Super-Peinlichkeit gegen Spanien: 0:6, eine Klatsche, wie sie eine deutsche Elf selten-oder noch nie?- erhalten hatte. Eine Lektion war das. Und natürlich kamen danach die Rücktrittsforderungen, die auch vor Sportdirektor Oliver Bierhoff nicht halt machten, weil auch der den Zenit überschritten hatte.

Die Diskussion über die Zukunft von Löw und Bierhoff zielte teils auf die Rückkehr älterer Fußball-Helden, der Weltmeister von Brasilien Boateng, Hummels und Müller, die Löw aussortiert hatte, um Platz für neue Spieler zu machen. Er musste den Neuanfang wagen- und der ging schief, weil die Nachfolger eben nicht die Lücke schließen konnten, die diese drei Edel-Kicker hinterlassen hatten. Das Hin und Her zeigte, dass es kein Konzept im DFB-Hauptquartier gab, wo zwar behauptet wurde, Löw brenne auf den Neuaufbau und die kommende EM. Aber das einzig Neue waren dann die alten Spekulationen: Kehrt Thomas Müller in die Mannschaft zurück, oder gibt Löw auch Mats Hummels und Jerome Boateng eine Chance, noch einmal für Deutschland zu spielen. Es wurde gerätselt und gerätselt, auch weil Löw sich nicht klar ausdrückte.

Matthäus, Klopp, Flick

Dass jetzt das Rätselraten über den Nachfolger beginnt, die Liste derer aufgezählt wird, die man immer bei solchen Gelegenheiten parat hat, ist normal. Lothar Matthäus, der Rekordnationalspieler, Weltmeister von 1990 in Italien, hat schon abgewunken. Ich glaube kaum, dass man ihn  ernsthaft gefragt hätte. Als Fußballer war Matthäus eine Klasse für sich, als Trainer hat er nicht viel erreicht. Peter Neuruhrer, so habe ich einem guten Freund zugerufen, kommt nicht in Frage, der hält sich stets bereit für Schalke, das aber mit Dimitrios Grammozis jemand gefunden hat, der die Blauweißen bereit ist, in die 2.Liga zu führen, um dort den Wiederaufstieg in Angriff zu nehmen. Es war ein Joke eines Freundes, Neuruhrer möge mir verzeihen.  Wer wird noch genannt? Ja doch, Kloppo, Jürgen Klopp, der einstige Mainzer Trainer, der den BVB zweimal zur Meisterschaft geführt hat, aber das Finale um die Champions-League gegen die Bayern  in London verlor. Jürgen Klopp wird immer wieder genannt, wenn irgendwo eine wichtige Stelle frei wird. Klopp hatte Erfolg im Revier, aber nach ein paar Jahren schien der Zauber um Klopp und seine Art, eine Mannschaft zu führen, vorbei. In Dortmund ließen sie ihn gehen, weinten ihm zwar manche Träne nach, auch weil die Fans ihn in ihre Herzen geschlossen hatten, den Mann, der sich vor die gelbe Wand des Stadions gestellt hatte, um mit Tausenden von Zuschauern zu feiern und sich feiern zu lassen. Ein toller Typ. Aber er ging, weil der Erfolg in Dortmund gestern war. Wer will, schaue sich seine Niederlagen-Serie am Ende an. So ist das, wenn die Spieler sich nicht mehr motiviert fühlen, wenn der Trainer nicht mehr ankommt, jeder seine Tricks kennt.

Klopps Weg führte ins Mutterland des Fußballs, nach Liverpool, wo sie Jahre auf Erfolge gewartet hatten. Und jetzt hatten sie einen wie Jürgen Klopp, der alles aus der Mannschaft herausholte und sie zu Siegen peitschte. Unter dem Jubel der englischen Zuschauer wurde Klopp zum neuen Helden von Liverpool, das mit Klopp erstmals wieder seit 30 Jahren englischer Meister wurde. Mehr geht eigentlich nicht. Und immer wieder wurde Klopp genannt, wenn es um die Frage ging, wer folgt auf Löw. Aber Vorsicht, der Faden scheint -vorerst?-gerissen,Liverpool liegt nur noch im vorderen Mittelfeld, hat einige Spiele hintereinander verloren, es könnte noch die Champions-League gewinnen.

Einen sollten wir nicht vergessen: Hansi Flick, den aktuellen Trainer des FC Bayern München, der die Bayern zurück in die Erfolgsspur geführt hat, die sie unter Kovac beinahe aus den Augen verloren hatten. Und den sie eigentlich und endlich Hans nennen sollten. Flick kennt den DFB, er war Sportdirektor zu Löws Zeiten, vorher Löws Co-Trainer. Warum sollte er sich den Job antun? In München ist er jetzt schon der Größte, beliebt, erfolgreich, sicher ordentlich bezahlt, beim DFB müsste er mit Aufräumarbeiten beginnen, er müsste Aufbauarbeit leisten, wahrscheinlich schon im Nachwuchsbereich anfangen, Talente zu sichten, damit am Ende einer längeren Reise wieder ein internationaler Erfolg möglich wäre.

Schaut man auf die Erfolgsliste des deutschen Fußballs, erkennt man nach jedem Gewinn einer WM eine gewisse Durststrecke. Damit musste ein Sepp Herberger leben, der Erfolge und Niederlagen kassierte, ehe sie ihn gegen Helmut Schön tauschten. Schön schaffte 1966 den Einzug ins WM-Finale in London, aber er verlor- wenn auch unglücklich und mit einem -nennen wir es- umstrittenen Tor. 1970 in Mexiko schied Schöns Mannschaft -mit Gerd Müller- im Halfinale gegen Italien aus. 1974 war dann Deutschland wieder Weltmeister mit der halben Bayern-Elf besiegte man die Niederlande in München. Vier Jahre später die Enttäuschung in Argentinien, als Deutschland gegen Öesterreich in Cordoba mit 2:3 verlor. Dann verloren die Deutschen bei der WM 1982 in Spanien gegen Italien und vier Jahre später bei der WM in Mexiko gegen Argentinien. Dem Gewinn des Titels 1990 in Rom folgte das enttäuschende Abschneiden der Deutschen 1994 in den USA. 1998 schlugen die Franzosen die Brasilianer im Endspiel von Paris, die Deutschen hatten zuvor gegen Kroatien mit 0:3 verloren. 2002 erreichte Deutschland das Finale in Südkorea, verlor aber gegen Brasilien.Oliver Kahn wird sich an einen seiner schwärzesten Tage erinnern. Die anderen Trainer sollten wir auf der langen Strecke nicht vergessen, sie hießen Beckenbauer, Vogts, Derwall, Ribbeck, Völler.

Der Rest ist bekannt. Und wenn die Statistik so weiterliefe, müsste Deutschland noch ein paar Jahre warten, ehe es wieder einen Titel gewinnen würde. Aber klar, das weiß jeder Fußballfan von Herberger, Beckenbauer oder Rehhagel:  Der Ball ist rund, jedes Spiel beginnt bei 0:0 und der nächste Gegner ist immer der schwerste. Und ja, Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Vor allem wenn wir gewinnen. Das „wir“ beziehe ich auf alle Fans der Welt.

Bildquelle: Wikipedia, Steindy (talk), CC BY-SA 3.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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