Kölner Dom

Katholische Grabenkämpfe: Beten für die Aufrichtigen

Er ist dann mal weg, der Erzbischof. In der letzten Woche hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die vom Papst verordnete Auszeit angetreten. Nicht einfach so. Über seinen Haussender „Domradio“ hat er den Gläubigen der Diözese empfohlen, es ihm gleich zu tun, in den nächsten fünf Monaten ebenfalls eine Auszeit zu nehmen und zu überlegen, wie man in dem zerstörten Verhältnis zwischen dem Oberhirten und den Schafen wieder aufeinander zugehen kann.

Abgesehen davon, dass viele Gläubige verwundert und verärgert sind, dass sich der Kardinal der Auszeit bei vollen Bezügen von 13800 Euro monatlich hingeben kann , ärgert sie noch viel mehr, dass Woelki sie für das zerbrochene Verhältnis zwischen ihm und dem Kirchenvolk in Haftung nimmt. Dieses Ärgernis bringt der Kölner Stadtdechant, Robert Kleine, höchster katholischer Repräsentant der Domstadt, mit den Fragen auf den Punkt: „Was haben die Gläubigen falsch gemacht? Wer hat den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche zu verantworten?“ Indirekt fordert er in einem Facebook-Eintrag den Kardinal auf, statt die Gläubigen mit verantwortlich zu machen für die desolate Situation in der Diözese, „vor der eigenen Tür zu kehren“.

Denn so zerstört ist die Beziehung zwischen dem Kardinal und der Kirchenbasis, dass viele keine temporäre, sondern eine dauernde Auszeit Woelkis gewünscht hätten. Seit er vor einem Jahr die Veröffentlichung eines Gutachtens zu sexueller Gewalt von Priestern an Kindern stoppte, ist das Vertrauen in seine Amtsführung mehr als erschüttert. Papst Franziskus  hatte im Sommer zwei Emissäre nach Köln geschickt, um die prekäre Lage zwischen Gläubigen und Bistumsleitung zu untersuchen. Er kam nach deren Bericht zu dem Schluss, Woelki habe zwar keine Missbrauchsverbrechen vertuschen wollen, aber dennoch „große Fehler“ gemacht.

Woelki räumt zwar verbal ein, bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle kommunikativ das eine oder andere falsch gemacht zu haben. Wie er aber tatsächlich darüber denkt, das erfuhr eine junge Theologin bei der Tagung zum  „Synodalen Weg“ der deutschen Katholiken vor kurzem in Frankfurt. Die Augsburger Pfadfinder-Leiterin Anna Kohlberger hatte Woelki und andere Bischöfe für ihren mangelnden Aufklärungswillen kritisiert. Sie wurde wenig später auf dem Weg zur Toilette von dem Kölner Erzbischof abgefangen und nach Empfinden Kohlbergers in die Mangel genommen. Der Kardinal soll dabei laut Kohlberger mit einer an Realitätsverlust grenzenden Dialektik argumentiert haben: Nicht wegen ihm und seiner Fehler, sondern wegen Kritikerinnen wie Kohlberger träten Menschen aus der Kirche aus (In Köln sind die Gerichtstermine für diesen Akt auf Monate ausgebucht).

Aus Fehlern gelernt? Nicht die Spur.

Während Woelki für viele Gläubige als Bischof der größten Diözese Deutschlands nur noch als Zumutung empfunden wird, ist er in der immer erbitterter ausgetragenen Suche nach einer Erneuerung der katholischen Kirche – mit mehr Einfluss der Laien, größeren Rechten für Frauen – zur Gallionsfigur der Konservativen geworden. An vorderster Front:  der Regensburger Bischof Rudolf Vorderholzer. Der hatte in einer Predigt Ende September davor gewarnt, dass die Fokussierung auf den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche nur instrumentalisiert  werde, um den Umbau hin zu evangelischen Kirchenordnungen zu betreiben. Der Weg der Erneuerung, den die Mehrheit von Klerus und Laien auf dem synodalen Weg gehen will, ist für ihn schlicht „Häresie“. Im Klartext: Ketzerei. Wie man der begegnen will, läßt sich einer Email aus dem Bischöflichen Sekretariat in Regensburg an alle „Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf dem katholischen Weg“ entnehmen. In der Botschaft, über die der „Kölner Stadtanzeiger“ online berichtete, heißt es, vielen der Kämpfer für Erneuerung durch den synodalen Weg gehe es um nichts anderes, als die „Skandalisierung gegen Woelki zu befeuern“. Um sich dagegen zu wehren, baten die Absender um Hilfe bei Gott durch ein  „Gebet für die aufrichtigen Bischöfe“. Dass zu diesen Aufrichtigen der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Anwalt der Erneuerung, der Limburger Bischof Georg Bätzing, nicht gehört, versteht sich im Verständnis der Konservativen von selbst.

Bildquelle: Bild von Michael Gaida, Pixabay License

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


'Katholische Grabenkämpfe: Beten für die Aufrichtigen' hat einen Kommentar

  1. Avatar

    10. November 2021 @ 00:23 Dr. Marianne Bäumler

    Guten Abend Norbert Bicher,
    danke für Ihre klaren Worte zu Woelki. Es ist schon obszön, dessen und einiger anderer Oberhirten Realitätsverlust !
    Und dann das viele verplemperte Geld. Ich nehme an, dass die fatale Möglichkeit der Katholiken, per Beichte jedesmal zumindest irdisch folgenlos aus dem Schlamassel rauszukommen, so verführerisch ist, der reinste Ablass-Handel . Insofern easy kaum ein Unrechtsbewusstsein bei den Herren. Vielleicht sollten wir ihn öffentlich auffordern, das Geld großzügig zu spenden, z.B. an Frauenhäuser.

    So long, Marianne Bäumler

    Hier noch 2 links zu Artikeln von mir im blog zu verwandten Problemen:

    https://www.blog-der-republik.de/der-arme-isaak-und-abraham-bezwang-sein-erbarmen/
    https://www.blog-der-republik.de/wenn-du-mich-fragst-das-brevier-des-zweifels-3/

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