Gesicht zeigen gegen Nazis

Klare Kante gegen Rechts

Nun steht noch Thüringen aus und dann wissen wir, ob es dabei bleibt, dass fast jeder vierte Wähler in den sogenannten neuen Ländern bevorzugt die AfD wählt. Ziemlich einheitlich wird in den Nachwahlbetrachtungen der Kommentatoren gemutmaßt, dass der Ossi  vor allem damit Protest ausdrückt, weil er sich als Bürger zweiter Klasse fühlt, oder länger arbeitet und weniger verdient als der Wessi, und dass ihm die Wahl der AfD über derlei Zurücksetzungen hinaus noch leichter fällt, wenn er in ländlicher Region im Osten zu Hause ist.

Dort aber fühlt er sich zunehmend allein gelassen, weil es die Jungen es nach Westen, zu den besseren Jobs gezogen  habe, und die überalterte menschliche Umwelt daher  keinen großen Spaß macht. Völlig klar, dass die Reaktion des so misshandelten Ossibürgers ab 65 Lebensjahren keinen anderen Ausweg kennt, als den angebräunten, gern aus Wessilanden stammendem AfD-Kameraden, dringend um politische Hilfe zu bitten.

Dass er sich dabei oft durch Zorngebrüll braunen Gedankensguts bewegen muss, scheint ihn nicht zu stören. Ebenso wenig, dass ihm auf Wahlplakaten auch noch nahe gebracht wird, dass er 1989 im Vorgriff auf die AfD und Nachsicht mit NPD, Republikaner, Identitäre oder obskure rechte Kameradschaften die Wende von SED-Diktatur, also von links nach rechts vorweg genommen  habe und nun die rechte Wende von 1989 endlich mit dem Kreuz bei der AfD 2.0 vollenden könne.

Gleichzeit zerbrechen sich viele Kommentatoren derzeit den Kopf, ob es der AfD eventuell nutzen kann, von den demokratischen Parteien isoliert und allein gelassen zu sein, um sich erneut  in die Opferrolle zu flüchten. Rassismus und Antisemitismus enthält wohl auch  der Vorwurf des rechtsextremen Vordenkers Höcke, der sich schämt für den Erinnerungsort am Brandenburger Tor, für ihn eine Art Erinnerungsdiktat an die Ermordung  von sechs Millionen europäischer Juden. Der AfD-Vorsitzende Gauland nannte das einen  „Vogelschiss“  in  der großartigen Geschichte Deutschlands, und dass es daher eine Wende von 180 Grad brauche gegen die Erinnerungsdiktatur an die Nazizeit.

60 Millionen Tote allein im von den Nazis vom Zaun gebrochenen II. Weltkrieg, der mit dem Überfall auf Polen 1939 begann. Mir scheint, dass es Zeit ist, mit klarer Kante der AfD entgegenzutreten, und ihre vielfältigen Versuche nicht durchgehen zu lassen, sich als konservative „demokratische“ Alternative darzustellen. Sie wollen die demokratischen Freiheiten missbrauchen, um das „System“ wie sie es nennen, abzuschaffen.

Die soziale Balance zwischen Ost und West ist gewiss noch verbesserungswürdig. Aber kein Grund eine Partei zu wählen, die das Ziel der gewaltlosen Revolution von 1989 geschichtlich umlügt und den Terror der Nazizeit dabei verniedlicht.

Bildquelle: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (über Wikimedia Commons)

 

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


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