Lütten Klein - Titelbild

Leben in Ostdeutschland – vor und nach der Wende. Eine soziologische Bestandsaufnahme

Ich habe mich immer für einen einigermaßen gut informierten Zeitgenossen gehalten. Nachdem ich das Buch Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft von Steffen Mau über das Leben in Ostdeutschland gelesen habe, fühle ich mich eines Besseren belehrt. Ich war erstaunt darüber, wie wenig ich über das Leben in Ostdeutschland wusste.

Der Autor wuchs in Lütten Klein, einer Plattenbausiedlung in einem Rostocker Stadtteil, auf; machte eine Lehre als Elektronikfacharbeiter; diente zum Zeitpunkt des Mauerfalls bei der NVA; studierte danach an der FU Berlin Politik und Soziologie; forschte in Florenz, Paris und Harvard  und ist heute Professor für politische Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin. Für seine Forschungen zu Themen der sozialen Ungleichheit und gesellschaftlichen Polarisierung erhielt er den renommierten Leibnizpreis 2021, der mit Forschungsfördergeldern in Höhe von 2,5 Mio. Euro verbunden ist.

Die Stärke des Buches besteht darin, dass Mau gesamtgesellschaftliche Strukturanalysen mit dichten Beschreibungen des individuellen sozialen Lebens vor und nach der Wende verbinden kann. Vieles, über das er schreibt, kennt er aus eigenem Erleben. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer zieht er eine persönliche und sozialwissenschaftliche Bilanz. Er nimmt die gesellschaftlichen Brüche in den Blick, an denen sich Verbitterung und Unmut der Ostdeutschen entzünden. Er hat mit Weggenossen und Daheimgebliebenen gesprochen und schaut zurück auf das Leben in der DDR. Und er fragt sich, wie es möglich ist, dass in der Siedlung, in der er gemeinsam mit Kindern aller Schichten seine Jugend verbrachte, ein Ort sozialer Spaltung wurde? Was also sind die Ursachen für die Unzufriedenheit und politische Entfremdung in den neuen Bundesländern?

Seine Intentionen beschreibt Mau wie folgt: Worum es mir geht, ist zunächst einmal eine nüchterne Bestandsaufnahme, die uns helfen soll zu verstehen, dass wir es nicht mit Übergangsphänomenen oder damit zu tun haben, dass der Osten einfach nur anders ‚tickt’. Vermeiden möchte ich auch jedwede nostalgische Verklärung einer ach so gemeinschaftlichen DDR mit echter solidarischer Verbundenheit, weil soziale Kontrolle und Repression nicht nur zur DDR dazugehörten, sondern diese gleichsam konstituierten. Ebenso wenig möchte ich mich aber an dem Schulterklopfen beteiligen, dem sich alle Jubeljahre die Führungskräfte dieses Landes hingeben und dabei übersehen, dass viele der Probleme in Ostdeutschland nicht nur Erblasten des Staatssozialismus sind, sondern im Zuge von Vereinigung und Transformation reproduziert, verstärkt oder gar hergestellt wurden.

Mau zeichnet ein Doppelbild dessen, was er den ostdeutschen Transformationsprozess nennt: Einerseits gibt es Freiheitsgewinne – z.B. beim Reisen oder dem Recht, seine Meinung zu äußern. Vielen Menschen geht es materiell besser als zu DDR-Zeiten. Das reale Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt; die Löhne steigen und die Arbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung. Wie aus einer anderen Welt klingen da Berichte über die Problemzone Ostdeutschland. Diese stellen die anhaltend hohen Produktivitätsrückstände, die fortbestehende Ost-West-Kluft bei den politischen Einstellungen, den lautstarken Widerstand gegen Geflüchtete und ‚die da oben’ sowie abgehängte Sozialräume in den Vordergrund. Gravierende Ost-West-Unterschiede gibt es beim Vertrauen in die politischen Institutionen oder der Unterstützung für Marktwirtschaft und Demokratie. Laut einer Allensbach-Umfrage sehen nur 42 Prozent der Ostdeutschen die Demokratie als die beste Staatsform an: im Westen sind es 77 Prozent.

Mehr als ein Drittel der Ostdeutschen sehen sich als Bürger zweiter Klasse. Die Hälfte hält den Umstand, ob man aus dem Westen oder Osten stammt, für die wichtigste gesellschaftliche Trennlinie. Der Satz ‚Niemand kümmert sich um uns’ steht für das Gefühl, gesellschaftlich zurückgesetzt, ökonomisch und politisch marginalisiert zu sein. Es gibt ein Nebeneinander von Erfolg und Scheitern, Hoffnung und Enttäuschung, Eingewöhnung und Entfremdung. Mau schlussfolgert: Die Bilanz der Einheit ist nicht nur durchwachsen, sie ist auch durch und durch widersprüchlich. Selbst Individuen wirken oft innerlich gespalten, wenn man sie auffordert, ihre persönliche Situation zu schildern.

Zur Erklärung dieser Diskrepanzen arbeitet Mau mit dem Begriff der gesellschaftlichen Fraktur. Damit meint er Brüche des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die – anders als bei Knochenbrüchen – so schnell oder gar nicht heilen. Durch Frakturen können die Belastbarkeit, die Beweglichkeit und die Anpassungsfähigkeit eines gesellschaftlichen Gebildes noch über lange Zeiträume eingeschränkt bleiben. Das erklärt auch die erhebliche Unzufriedenheit, während es gleichzeitig viele positiv zu bewertende Entwicklungen gibt.

Mau geht davon aus, dass sich trotz aller Transformationserfolge, trotz Angleichung und trotz kultureller, normativer und mentaler Eingewöhnung die Unterschiede zwischen den beiden deutschen Teilgesellschaften nicht einfach ausschleichen werden. Sowohl in sozialstruktureller wie auch in mentaler Hinsicht hat sich in Ostdeutschland eine Form der Sozialität herausgebildet, in der neben langsam steigender Zufriedenheit auch Gefühle der Benachteiligung und der politischen Entfremdung wachsen, die mehr sind als ein nicht enden wollendes Murren einiger Ewiggestriger.

Durch die Wiedervereinigung versprach man sich schnelle Freiheits-, Wohlstands- und Konsumgewinne; gleichzeitig wurde sie als ökonomischer und sozialer Schock erlebt, der die Bewältigungskapazitäten der Menschen bis aufs Äußerste strapazierte. Über Nacht fand sich die DDR-Bevölkerung auf den unteren Rängen der gesamtdeutschen Hierarchie wieder. Deklassierungs- und Entmündigungserfahrungen waren an der Tagesordnung, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem man erstmals die Erfahrung kollektiver Handlungsfähigkeit gemacht hatte. Die wichtigsten Schaltstellen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Justiz, Universitäten und Militär wurden mit importierten, westdeutschen Akteuren besetzt. Überschichtung nennt Mau diesen Prozess des massiven Elitetransports von West nach Ost.

Im ersten Teil seines Buches beschreibt Mau den Alltag und die Sozialstruktur der DDR, wobei er auch auf Selbsterlebtes zurückgreift. Wie haben wir gelebt? Wie hat die Arbeitsgesellschaft die Menschen integriert? Welche Rolle spielen Konformismus und Kontrolle? Wie stand es mit der vielbeschworenen Völkerfreundschaft der DDR? Mein Befund ist der einer stark nivellierten, um die Arbeit herum strukturierten, geschlossenen und ethnisch homogenen Gesellschaft, die sich vom westdeutschen Pendant – mittelschichtdominiert, migrantisch geprägt, zunehmend individualisiert – grundlegend unterschied. Mit verstopften Aufstiegskanälen, politischen Erstarrungstendenzen und wachsender Unzufriedenheit war die DDR zum Ende hin zudem ein erschöpftes und ausgelaugtes Land, unfähig dazu, eine neue Entwicklungsdynamik auszulösen.

Im zweiten Teil des Buches diagnostiziert der Autor den Sachverhalt, dass mit der Wiedervereinigung viele der strukturellen Eigenheiten der ehemaligen DDR-Gesellschaft nicht aufgelöst, sondern weitergetragen und mitunter sogar vertieft wurden. Die politische Mobilisierung im Jahre 1989 wurde bald von einer Duldungsstarre abgelöst, die Menschen wurden aufgefordert, sich ohne Wenn und Aber in die neuen Verhältnisse einzupassen. Die althergebrachten Mentalitäten sollten zurückgelassen werden, um für die Gesellschaft des Westens fit zu werden. Die Erfahrung der soziokulturellen Entwertung führte zu einer Verfestigung alter Prägungen – einschließlich einer Distanz zu den politischen Institutionen und ihrer Repräsentanten. Der Geburteneinbruch und die massenhafte Abwanderung der Mobilen und der Qualifizierten hinterließen tiefe, nicht ausgeheilte demographische Narben. Aufgrund der Vielzahl struktureller Faktoren gibt es eine starke Empfänglichkeit der ostdeutschen Gesellschaft für Ressentiments und Radikalisierung. Dabei ist es die Summe und Verklammerung der aus der DDR hergebrachten und der im Transformationsprozess erzeugten oder in Kauf genommenen Defekte, die die ostdeutsche Teilgesellschaft heute wie ein Hypothek belasten.

Seine Befunde untermauert Steffen Mau faktenreich, wobei er immer wieder auch auf Schilderungen der Beteiligten zurückgreift. Das macht seine Darstellung lebendig, und zuweilen liest sich das Ganze spannend wie ein Krimi. Darüber hinaus bedient er sich eines analytischen Instrumentariums von erstaunlicher Aussagekraft. Dieses wird nicht umständlich hergeleitet, sondern in konkreter Anwendung gezeigt. Das ist für eine sozialwissenschaftliche Abhandlung durchaus ungewöhnlich und trägt dazu bei, dass das Buch weit über den fachwissenschaftlichen Diskurs hinaus öffentliche Aufmerksamkeit gefunden hat. Mit dazu beigetragen haben dürfte, dass der Autor seine Forschungsergebnisse immer auch mit den Menschen vor Ort diskutiert hat.

Interessant sind viele der Einzelbefunde, die der Autor präsentiert und von denen einige im Folgenden skizziert werden. Z.B. wurde der Wohnungspolitik in der DDR größte Bedeutung beigemessen, wobei die Wohnungsbaukonzepte in enger Kooperation zwischen Soziologen und Architekten entwickelt wurden.

Während auf den Plattenbau aus heutiger Sicht eher verächtlich herab geblickt wird und viele Bewohner nach der Wende aus den Vierteln wegzogen, war er zur Zeit der Entstehung durchaus fortschrittlich – sowohl was die architektonische Seite angeht, vor allem aber hinsichtlich der Vergemeinschaftung der DDR-Bevölkerung.

Die ‚Platte’ versammelte alle Schichten, alle Berufsgruppen und stellte durch die standardisierten Lebenslagen und die geringe Varianz der Lebensformen Kohäsion zwischen unterschiedlichen sozialen Fraktionen her. Sie beseitigte Trennungslinien zwischen akademisch Qualifizierten, Facharbeitern, Angestellten sowie Un- und Angelernten und schuf ein schichtenübergreifendes ‚respektables Sozialmilieu’. Unsere Nachbarn im Hochhaus waren Diplomingenieurinnen, Bäcker, Stahlschiffbauer, Lehrerinnen, Straßenbahnschaffner, Opersänger, Sprachwissenschaftlerinnen, Seemänner, Sparkassenangestellte, Bauzeichnerinnen, NVA-Offiziere. Selbst Universitätsprofessoren, das Leitungspersonal sozialistischer Betriebe und höhere Politfunktionäre wohnten bei uns im Viertel. So konnte man – ohne dass dies in irgendeiner Weise als falsche Fraternisierung mit dem Volk der Werktätigen angesehen worden wäre – den Direktor einer Rostocker Werft aus einem Plattenbau herauskommen und in einen dunkelblauen Wolga mit Chauffeur einsteigen sehen.

Der Wohnungsbau in der DDR unterlag politischen Maßgaben und keiner ökonomischen Regulierung über den Mietpreis oder Markt. Die Quadratmeterpreise betrugen 80 Pfennig bis 1,20 Mark; die Energiepreise lagen deutlich unter den Erzeugungskosten. Das bedeutete natürlich, dass sie stark subventioniert wurden, mit der Folge, dass die staatlichen Zuschüsse für das Wohnen kontinuierlich anstiegen.

Die Wohnungspolitik folgte einem Leitbild, das auf Vereinheitlichung setzte, statt auf Differenzierung und Individualisierung.  Als Gegengewicht zu den Vereinzelungsrisiken und zur Anonymität wurden vielfältige politisch gesteuerte Vereins- und Kollektivierungsformen initiiert. Die größeren Betriebe waren in den Wohnvierteln präsent, planten Veranstaltungen, übernahmen den Transfer zu den Arbeitsplätzen, organisierten die regelmäßigen unbezahlten Arbeitseinsätze im Wohngebiet, nutzten mit ihren Betriebssportgruppen die Sportanlagen oder wurden Stadtteilpaten. Auch andere staatlich mandatierte Kollektive – vom Elternkollektiv in der Schule bis hin zur Hausgemeinschaft – waren fester Bestandteil des Alltagslebens.

Das Fazit des Autors lautet: Die Vergesellschaftung über das Wohnen führte zwar nicht zu einer ‚glücklichen Menschengemeinschaft’, dafür war der Grad der ‚Verplanung’ und Kontrolle von allem und jedem viel zu weitreichend, aber doch zu einem – in den Augen der Bewohner – zufriedenstellenden Leben mit allumfassender öffentlicher Versorgung, organisierten sozialen Verkehrsformen und gelebter Nachbarschaft. Das gesellschaftspolitische Modell der Plattenbausiedlung zielte auf die soziokulturelle Integration der Werktätigen, der soziale Ertrag bestand in der Schaffung respektabler und selbstbewusster Milieus, in denen soziale und auch kulturelle Unterschiede weitgehend abgemildert waren.

Es verwundert daher kaum, dass ehemalige DDR-Bürger heute den sozialen Errungenschaften von damals nachtrauern. Viele betonen ein geringeres Maß an sozialer Ungleichheit. Die Älteren meiner Gesprächspartner berichten, dass ‚niemand sich über andere erhob’ und dass ‚man im Grunde gleichgestellt’ war. Mit Blick auf eigene biographische Erfahrungen heben sie hervor, die Menschen seien nicht so materialistisch eingestellt gewesen und hätten weniger aufs Geld geschaut, es habe ein größeres Gemeinschaftsgefühl geherrscht und niemand habe befürchten müssen, sozial abzustürzen. Natürlich schwingt in jeder Erinnerung an das, was einmal war und unwiederbringlich verloren gegangen ist, etwas Wehmut mit, und vieles wird im Rückspiegel idealisiert, so dass das damalige Erleben und das heute Erinnern nicht deckungsgleich sein dürften.

Gleichwohl habe in der DDR die normative Selbstbindung an gesellschaftliche Gleichheitsziele eine große Rolle gespielt und galt gewissermaßen als Fortschrittsmaß der sozialistischen Gesellschaft. Die DDR hat zwar nicht die klassenlose Gesellschaft eingeführt, sich aber doch daran gemacht, gravierende materielle Ungleichheiten zu beseitigen.

Ein Ansatz dazu war die Familienpolitik. Die Ostdeutschen waren ausgemachte Familienmenschen, mit starken Freundschafts- und Familienbanden. Die Familie, die Wohnung, der Freundeskreis waren Rückzugszonen gegen die Verregelung des sozialen Alltags und die Zudringlichkeit staatlicher Stellen. Man könnte von einer Form gelebter Alltagssolidarität sprechen. Wo die BRD sowohl sozial als auch in familien- und sozialrechtlicher Hinsicht an das bürgerliche Modell anknüpfte, bezog sich die DDR stärker auf Lebensformen aus dem proletarischen Milieu und dem Kleinbürgertum. Das offizielle Rollenmodell der ‚sozialistischen Ehe’ war das einer von ökonomischen Zwängen befreiten Lebensgemeinschaft. Heiraten war keine große Sache; man tat es ohne versorgungsrechtliche Beipackzettel. Ein Großteil der staatlichen Förderung war eher kind- als ehebezogen, was zum Aufweichen rigider Familiennormen führte. Die familienpolitischen Maßnahmen zielten auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Um Ehen mit Kindern zu fördern, gab es Ehedarlehen. Familien wurden bei der Wohnungsvergabe bevorzugt. Die Ganztagsbetreuung von Kindern wurde ausgebaut. Und es gab Mutterschaftsurlaub, Erziehungszeiten, Kindergeld und steuerliche Entlastungen.

Die DDR war sicher kein Mekka unkonventioneller Lebensformen. Es gab offiziell kaum alternative Lebens- und Wohnformen oder gleichgeschlechtliche Beziehungen. Andrerseits war man hinsichtlich der Partnerwahl relativ frei. Sie beschränkte sich weder auf die eigene Einkommensgruppe noch auf die eigene Herkunft oder den sozialen Status. Das hatte vor allem damit zu tun, dass die ökonomische Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern in der DDR viel weniger ausgeprägt war. Das (bürgerliche) westdeutsche Modell des männlichen Alleinverdieners spielte in Ostdeutschland im Grunde keine Rolle. Dass Frauen durch Scheidungen in die Armut abrutschten, war die Ausnahme, das gemeinsame und oft gleichberechtigte Einzahlen in die Haushaltskasse die Regel.

Bei der Gleichstellung von Mann und Frau ging es vor allem um arbeitsmarktpolitische Interessen, nicht um eine feministisch motivierte Gleichstellungspolitik. Es wurden Arbeitskräfte benötigt. Im Westen löste man dieses Problem durch die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Im Osten wurde die Erwerbstätigkeit von Frauen massiv gefördert. Man könnte von einer Emanzipation von oben sprechen, auch wenn von einer wirklichen Gleichstellung von Einkommen und Status keine Rede sein konnte. Zwar wurden viele Berufsfelder für Frauen geöffnet, aber in die Spitzenpositionen gelangten nur wenige. Die Machtelite der DDR war nicht nur vergreist, sie war auch männlich dominiert. Aber immerhin waren beispielsweise am Ende der DDR ein Drittel der Volkskammerabgeordneten Frauen (Bundestag 15 Prozent). In der Richterschaft lag ihr Anteil bei 50 Prozent (im Westen 18 Prozent).

Um das Problem der Doppelbelastung von Frauen anzugehen, das auch in der DDR virulent war, setzte man schon früh auf den Ausbau staatlicher Betreuungseinrichtungen für Kinder. Es gab monatlich einen bezahlten arbeitsfreien Tag für Frauen. Gleichwohl: Vieles von dem, was in der DDR unter Gleichberechtigung für Frauen firmierte, lässt sich nicht als Emanzipationsbestrebung im engeren Sinne verstehen, es hatte aber doch zur Folge, dass die DDR-Frauen Männern recht selbstbewusst und ökonomisch unabhängig gegenübertreten konnten, da sich ihre Verhandlungsmacht in Beziehungen verbesserte. Immerhin drei Viertel aller Scheidungen in der DDR wurden von ehemüden Frauen eingereicht, die den Aufbruch zu neuen Ufern wagten.

Der Autor gibt noch zahlreiche Beispiele vom Alltagsleben in der DDR, die zeigen, dass die ehemalige DDR sich nicht auf die fünf Buchstaben Stasi reduzieren lässt. Er resümiert: Die Vorstellung, die DDR sei eine vor allem (oder gar ausschließlich) repressive Kommandogesellschaft gewesen, in der es außer Kontrolle, Konformismus und Unterordnung nichts weiter gab und in welcher die staatlichen Agenturen unbegrenzten Zugriff auf alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens hatten, erweist sich als überzogen. Wohl durchdrangen Einschüchterung, Überwachung und Sanktionsdrohungen den Alltag, eine omnipotente Fähigkeit zur affirmativen Menschenführung konnte aber auch der Kontroll- und Sicherheitsapparat der DDR nicht ausbilden, trotz der vielen subtilen und weniger subtilen Versuche, alle auf Linie zu bringen. Ob in der Jugendkultur, in den Datschensiedlungen, bei Festivals, am FKK-Strand oder in der Kleinkunstszene – an vielen Orten spross ein Eigenleben, das manchen westlichen Beobachter (und manchmal sogar uns selbst) überraschte.

Vielmehr könnte man von einer Mischung aus Rückzug, Aufbegehren und kreativem Anspruch sprechen.

Zwar schaffte es die DDR nicht, wirtschaftlich mit den westlichen Industrienationen mitzuhalten. Kurz vor dem Ende der DDR lag die Produktivität bei einem Drittel des Westniveaus, der reale Einkommensrückstand bei fünfzig Prozent, die Renten betrugen 30 Prozent der westdeutschen Bezüge. Irgendwann war klar, dass es trotz aller Anstrengungen nicht gelingen würde, den Vorsprung des Westens aufzuholen. Gleichwohl: Im Vergleich zu anderen sozialistischen Ländern ging es den Menschen in der DDR dennoch verhältnismäßig gut. Die subventionierte Preise, die Versorgung mit Wohnraum und Waren des täglichen Bedarfs, das Niveau des Gesundheitssystems, die öffentliche Bildung machten das Leben erträglich und für viele sogar angenehm. Erst bei den jüngeren Generationen verstärkte sich die Konfrontation mit dem System, weil die ideologische Vereinnahmung misslang und die Phrasenhaftigkeit (‚Gesülze’) der Mobilisierungsversuche immer deutlicher hervortrat. Außerdem war das Regime aufgrund der wirtschaftlichen Stagnation nicht länger in der Lage, sich Zustimmung zu ‚erkaufen’. Als sich die Aufstiegskanäle schlossen, der Konsumabstand zum Westen uneinholbar groß wurde und sich endgültig gesellschaftliche Lähmung breitmachte, stieg der Druck auf die Oberen, die formierte Gesellschaft aus ihrem Korsett zu entlassen.

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Der Autor beschreibt die Situation im Jahre 1989 so: Man hoffte auf Reförmchen, auf Schritte der Öffnung und Demokratisierung nach dem Vorbild Gorbatschows, aber an einen drastischen Systemwechsel dachte niemand. Es ging um Reisefreiheit, die Möglichkeit, seine Meinung offen kundzutun, Kritik an den gefälschten Kommunalwahlen 1989, die Demokratisierung der DDR. Diese Kritiken betrafen oberflächlich nur einzelne Aspekte des Systems, rüttelten aber zugleich an seinem Fundament.

Die aufgestaute Unzufriedenheit führte zu einer Protestbewegung, die innerhalb kürzester Zeit das ganze Land erfasste. Es entstanden zahlreiche kleinere Oppositionsgruppen und Netzwerke, meist unter dem Dach der Kirche, die den organisatorischen Kern der Proteste ausmachten. Die Gefühlslage der Teilnehmer schildert Mau wie folgt: Die Menschen beschreiben bis heute die besondere Stimmung einer verschworenen Gemeinschaft, in der alle sozialen Antennen aufgerichtet und auf Empfang geschaltet waren und man an jeder Stelle spürte, das sich tektonisch etwas verschob. Wir sprechen hier nicht über eine Fußballweltmeisterschaft, die für drei, vier Wochen alle Aufmerksamkeit absorbiert, sondern über das plötzliche Wanken und letztendliche Zusammenbrechen eines gesellschaftlichen Gebäudes, in dem sich viele halbwegs komfortabel eingerichtet hatten. Was die eigentlich risikoaversen DDR-Bürger trieb, war dabei weniger die Lust am Untergang, als vielmehr die Hoffnung auf Veränderung. Das Umschlagen von subjektiver Ohnmacht in kollektive Handlungsmacht hatte etwas Berauschendes – so habe ich es damals empfunden und so muss es vielen, vor allem den Jüngeren gegangen sein.

Mit den Straßenprotesten wollte man sich vor allem Gehör verschaffen und die Oberen zu Zugeständnissen zwingen. Aber als Mittel der politischen Selbstorganisation oder kollektiven Willensbildung taugten sie nicht. Wo hätte sie auch herkommen sollen? Die DDR verfügte ja nicht über die Grundausstattung moderner bürgerlichen Gesellschaften, also über eine kritische Öffentlichkeit, freie Medien, politische Grundrechte, Gewaltenteilung etc. An den runden Tischen wurden zwar neue gesellschaftliche Verhandlungsmodelle erprobt, in stabile Repräsentationsformen konnten sie aber nicht überführt werden.

Das ganze Dilemma zeigte sich dann bei der letzten Volkskammerwahl im März 1990, der einzigen Wahl der DDR, die demokratischen Grundsätzen entsprach. Gleichwohl muss man diese Einschätzung relativieren, da Parteien und Personen auftraten, die gar nicht zur Wahl standen. Auf den Marktplätzen der DDR kamen die Hauptredner aus Westdeutschland. Sie machten sich für ihre Kandidaten vor Ort stark, die zu reinen Platzhaltern degradiert wurden und deren politische Inhalte blass blieben. So kann man zwar im Hinblick auf die formalen Abläufe von freien Wahlen sprechen, die Standards eines fairen und offenen Wettbewerbs waren allerdings nicht erfüllt, da die neuen, unabhängigen Parteien zwischen den aus dem Westen gesteuerten Wahlplattformen und der nach wie vor finanz- und mitgliederstarken SED-Nachfolgepartei PDS förmlich zerrieben wurden. Vor allem das Wahlbündnis Allianz für Deutschland, bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU, der neu gegründeten Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA), sowie die ostdeutsche SPD agierten ohne eigene politische Ideen und ohne elektorales Hinterland letztlich als Auftragnehmer westdeutscher Parteien, die im Osten mit aller Kraft Fuß fassen und sich längerfristig Wählerschaften sichern wollten.

Plastisch schildert der Autor, wie der sog. Wahlkampf verlief. Einen Kandidaten oder eine Kandidatin habe man oft gar nicht zu Gesicht bekommen. Auf diese Weise mutierten die Parteien, die zur Wahl standen, zu reinen Verführungsagenturen. Er schlussfolgert: Selbst wenn man die historische Sondersituation und den Wunsch nach schneller Vereinigung oder zumindest einer raschen Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in Rechnung stellt, wurde mit diesem Kapermanöver die gerade aufkeimende DDR-Demokratie schon wieder zertrampelt. Wer die machtvolle und selbstbewusste Demonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz miterlebt hatte, rieb sich die Augen, was aus den von Fantasie- und Demokratiesehnsucht geprägten Anfängen geworden war.

Die Wahlen leiteten schließlich einen  Prozess der kollektiven Unterordnung unter die Spielregeln der Bonner Politik ein, die sich von nun an gegen weiter gehende Mitsprachebegehren immunisieren konnte. Es handelte sich um eine Form der politischen Demobilisierung politischer Akteure. Einzig die von der – letztlich doch sehr kraftlosen – Bürgerrechtsbewegung eingebrachte Aufarbeitung der Repressionspraxis der Stasi kann als Mitgift des politischen Umbruchs angesehen werden. Ausgerechnet sie fütterte dann jedoch regelmäßig die in der Bundesrepublik-West dominante Wahrnehmung der DDR als – vor allem – Unrechtsstaat und wurde gern ins Feld geführt, wenn es darum ging, ‚ostalgische Gefühle’ zu diskreditieren.

Die kurze Blüte einer lebendigen Demokratie und ihr abruptes Ende führten dazu, dass mit der Hinwendung zur Hilfe von außen oder oben, sich jene Orientierung erneut festsetzte, die man gerade erst im Begriff gewesen war, abzustreifen. Es ging fortan fast nur noch um das Konsumniveau und die Verbesserung des materiellen Lebensstandards. Die heilsbringenden Versprechen der Politik (‚blühende Landschaften’) taten ihr Übriges, um eine politisch-gesellschaftliche Dynamik der Erwartungen zu erzeugen, die früher oder später enttäuscht werden mussten.

Resümierend stellt der Autor fest: Es ist bis heute eine Bürde für die politische Kultur des Landes, dass es nicht gelungen ist, Formen und Foren zu finden, die sowohl das erwachende politische Selbstbewusstsein der DDR-Bürger wahren als auch die Weichen in Richtung Wiedervereinigung hätten stellen können. Der Verlust an sprachfähigen Akteuren, die Desavouierung der alten Eliten, die Handlungsschwäche der neuen politischen Köpfe, der Mangel an finanziellen und organisatorischen Ressourcen, der Professionalisierungsvorsprung westdeutscher Politikakteure, der rapide anschwellende Massenauszug – all das hat dazu beigetragen, dass die Bundesrepublik die Bedingungen der Abwicklung der DDR wie ein Insolvenzverwalter diktieren konnte. Ohne in die Klage über die Entmündigung der Ostdeutschen oder die geraubte Revolution einzustimmen, kann man doch nüchtern festhalten, dass in diesem Übernahmemodus eine Distanz zwischen ‚den Leuten’ und ‚dem System’ angelegt wurde, die heute noch die Wahrnehmung vieler Ostdeutscher bestimmt. 

Der Einigungsvertrag besiegelte die Abwicklung der DDR; er zielte nicht auf einen Interessenausgleich, sondern kam einer bedingungslosen Kapitulation gleich. Man kam gar nicht auf den Gedanken, nach Bewahrenswertem Ausschau zu halten und Westliches und Östliches zu etwas Neuem zu kombinieren oder Rücksicht auf vorhandene Routinen, Mentalitäten oder lokales Wissen zu nehmen. Wie bei einem Kopiervorgang wurde die Blaupause West auf den Osten übertragen. Bleiben durfte, so empfanden es zumindest viele Ostdeutsche, der grüne Pfeil für das Rechtsabbiegen an der Ampel.

Im Westen erzeugte der Zusammenbruch der DDR ein Gefühl der Überlegenheit, ja der Unverwundbarkeit. Man integrierte ihn bruchlos in die eigene Erfolgsgeschichte. Er galt als Beleg für die Stärke des westdeutschen Modells. Der Soziologe Ulrich Beck konstatierte: In einem sehr konkreten Sinne wird von der Leichenfledderei der DDR, die nun auf Jahre die Öffentlichkeit beschäftigen wird, ein Glanz auf die Bundesrepublik ausgehen. Die Ostdeutschen wurden  von der Landnahme des westdeutschen Gesellschaftsmodells mehr und mehr in die Rolle passiver Beobachter gedrängt und zu Zeugen einer Selbstauslieferung der realsozialistischen Konkursmasse (Offe) degradiert.

Aus Publikationen der 90er Jahre lässt sich herauslesen, dass Ostdeutsche vor allem als Mängelwesen gesehen werden, sozial pathologisiert gewissermaßen. Besonders drastisch hat dies der Historiker Arnulf Baring formuliert: Das Regime hat ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung und Ausbildung verhunzt. Jeder sollte nur ein hirnloses Rädchen im Getriebe sein, ein willenloser Gehilfe. Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal. Sie haben einfach nichts gelernt, was sie in eine freie Marktwirtschaft einbringen können.

Die Verständnislosigkeit, mit der sich West- und Ostdeutsche in den 90er Jahren begegneten, wirkt bis heute nach. Sie ist – neben den materiellen Verwerfungen – mitursächlich für das anhaltende Misstrauen gegenüber den Institutionen und den sie repräsentierenden Macht- und Funktionseliten. Erhebliche Teile der ostdeutschen Bevölkerung stimmten der Aussage zu, die Westdeutschen hätten die DDR im Kolonialstil erobert.  Aus ostdeutscher Perspektive kamen die Westdeutschen als Usurpatoren und ‚Besserwessis’ daher; aus westdeutscher Perspektive fehlte es den ‚Jammerossis’ an Umstellungsbereitschaft, Flexibilität und Dankbarkeit.  

Jenseits dieser – oft durch Vorurteile geprägten – Wahrnehmungen gibt es vier zentrale Argumente, die für das Verständnis des Einigungsprozesses im Osten eine Rolle gespielt haben dürften: Erstens, man habe der Beitrittsgesellschaft einfach das komplette institutionelle, politische und rechtliche Korsett übergestülpt; dazu kommen zweitens die Lesart der ‚Liquidation’ der soziokulturellen Traditionsbestände sowie drittens die ökonomische Dominanz Westdeutschlands durch die Abwicklung der DDR-Wirtschaft (und hierbei insbesondere das Wirken der Treuhand, das mit seinen Schattenseiten der Korruption und der Bereicherung bisweilen zwielichtiger Investoren bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden ist); viertens die Ostdeutschen hätten ihre politische Handlungsfähigkeit verloren und zusehen müssen, wie die Macht in die Hände westdeutscher Akteure und Institutionen verlagert wurde. Kurzum: Die ostdeutsche Teilgesellschaft fühlte sich untergebuttert, von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen und zur Hinnahmebereitschaft verdammt.

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Zwei Aspekte verdienen in diesem Zusammenhang besonderer Beachtung: Da ist einmal das Wirken der Treuhand, das auch schon damals in der Bevölkerung mit großem Unbehagen gesehen wurde. Angesichts des Ausverkaufs der ostdeutschen Betriebe wurde sie als Bad-Bank des Ostens bezeichnet. Die Privatisierung wurde im Hauruckverfahren vorangetrieben. Die Treuhandanstalt setzte auf Zerschlagung und Verkauf, nicht auf den Erhalt eigenständiger industrieller Kerne. Als sie Ende 1994 aufgelöst wurde, hatte sie über 14.000 Betriebe und Unternehmensteile verkauft oder kommunalisiert, nur 140 Firmen waren noch übrig. Schocktherapie (statt Gradualismus) hieß das verdächtig klingende Zauberwort, das eine baldige Gesundung in Aussicht stellte. Für die meisten Ostdeutschen bedeutete das jedoch – trotz aller flankierender sozialpolitischer Maßnahmen – vor allem Entsicherung und Statusturbulenzen.

Es fand eine schamlose Bereicherung durch diejenigen statt, die sich ohne Skrupel Unternehmen samt Liegenschaften aneigneten und diese dann nach und nach ausweideten, ohne je ernsthaft am Aufbau neuer wirtschaftlicher Strukturen interessiert zu sein. Die Spielräume der Treuhandmanager, nach eigenem Gutdünken Verkaufsentscheidungen zu fällen, waren recht groß. Vieles blieb im Zwielicht.

Von den Erwerbstätigen im Jahre 1989 arbeiteten vier Jahre später gut zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf, bei Personen auf höherer Leitungsposition waren es neunzig Prozent. Arbeitslosigkeit wurde binnen kürzester Zeit zum ostdeutschen Kollektivschicksal. Frauen waren davon noch mehr betroffen als Männer, da sie in Bereichen arbeiteten, in denen der sog. Strukturwandel besonders hart zuschlug.

Begleitet wurde das Ganze durch eine Reihe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, die für Ostbiographien als typisch gelten können: Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und Kurzarbeit machten aus ehemaligen Werktätigen Kostgänger des Sozialstaates, die nun am Tropf öffentlicher Zuwendungen hingen. Nicht umsonst hat man die Ostdeutschen als ‚Pioniere der Prekarität’ bezeichnet. Konkret dürfte das für viele dann in etwa so ausgesehen haben, wie dies in der Schilderung einer betroffenen Frau zum Ausdruck kommt:

Ich  habe mich über zwanzig Jahre wie im Schleudersitz gefühlt. Einer Perlenkette gleich reihten sich vom Jobcenter verordnete Bewerbungstrainings, Gelegenheitsjobs, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, reguläre, aber befristete Jobs, Versuche der Selbständigkeit, längere Krankheitsphasen, Aushilfetätigkeiten im Laden einer Bekannten und Solounternehmertum aneinander. Wirklich einen Fuß in die Tür habe ich in all diesen Jahren nicht bekommen. ‚Irgendwann wollte ich nur noch raus. Da wollte ich nur noch in Ruhe gelassen werden’.

Eine Zahnarzthelferin beschreibt ihre Erfahrungen wie folgt: Die Westdeutschen konnten sich halt besser verkaufen. Das haben wir eigentlich abgelehnt, wenn einer mehr darstellte, als er tatsächlich ist. Ich fand die ersten Westdeutschen, denen ich begegnet bin, immer kalt und berechnend, da war einfach keine Wärme da. Ich glaube, dass dieses Überhebliche einfach zur Marktwirtschaft dazugehört.

Zwar hat sich in Ostdeutschland seither eine Gruppe von Unternehmern und Selbständigen entwickelt, aber sie ist – wie nicht anders zu erwarten – ökonomisch viel weniger potent als im Westen, weshalb sie auch als Trägergruppe für die Herausbildung einer politischen Kultur kaum in Erscheinung tritt. Wo es in Ostdeutschland heute Unternehmertum gibt, handelt es sich eher selten um größere oder mittelständische Betriebe, sondern viel häufiger um Klein- und Kleinstgewerbe im Handwerk, Handel und Dienstleistungsbereich, also um einen eher kleinteiligen Familienkapitalismus. Den Hauptsitz eines DAX-Konzerns sucht man hier ebenfalls vergeblich.

Einen weiteren Aspekt der sozialen Entsicherung stellen die unter der Überschrift ‚Fördern und Fordern’ lancierten Arbeitsmarktreformen dar. Der ‚neue Sozialstaat’ mit seiner Ausrichtung auf Aktivierung und Eigenverantwortung stellte individuelle Mängel in den Vordergrund, strukturelle Faktoren wurden ausgeblendet. Einmal mehr fühlten sich die Ostdeutschen als Adressaten einer politisch forcierten Vermarktlichung. Neue Zumutbarkeitsregeln und Nachweispflichten erhöhten den Druck auf Arbeitslose und setzten sie permanent dem Stress von Bewährungsproben aus.

Während ansonsten die gesamte institutionelle Architektur Westdeutschlands auf den Osten übertragen wurde, galt dies für die Arbeitsbeziehungen kaum. Aus Wettbewerbs- und wirtschaftspolitischen Gründen wurde beispielsweise das westdeutsche Tarifmodell zunehmend ausgehöhlt. Die Arbeitgeber durften nach unten hin vom Tarifniveau abweichen. Der Kündigungsschutz wurde gelockert, die Tarifbrüche häuften sich. Während im Westen 51 Prozent der Beschäftigten von Branchentarifverträgen erfasst wurden, waren es im Osten gerade einmal 36 Prozent. Lediglich für ein Drittel der Beschäftigten in der Privatwirtschaft gibt es einen Betriebsrat.

Man nutzte die Osterweiterung offensichtlich für arbeitsmarktpolitische Lockerungsübungen. Der Osten wurde zur Pionierregion neoliberaler Deregulierung, die nicht nur etablierte Unternehmen anlockte, sondern auch Hasardeure und unlautere Geschäftemacher, die diese Freiräume zu ihrem Vorteil nutzten. Für die Struktur von Arbeitsmarkt und Beschäftigung bedeutete dies, dass sich schlagartig atypische und diskontinuierliche Beschäftigungsformen verbreiteten. Hier findet man die Vorboten der Jobnomaden, Niedriglöhner, Saisonpendlerinnen und Gelegenheitsarbeiter, die heutige Dienstleistungsökonomien allgemein auszeichnen.

Der einst stolze Werftarbeiter füllte nun die Regale im Supermarkt, andere heuerten beim Wachschutz oder Gebrauchtwagenhändler an. Im Osten ist das Segment der Niedriglohn-Einkommensbezieher mit 31,2 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Westen (14,7 Prozent). Es ist daher wenig überraschend, dass ostdeutsche Bundesländer nach  Bremen zur Gruppe der Regionen mit den höchsten Armutsgefährdungsquoten gehören. Dauerhafte Armut (über einen Zeitraum von fünf Jahren) kommt hier sechsmal so häufig vor wie in den alten Bundesländern.

Resümierend lässt sich feststellen: Auch wenn es Fortschritte bei der Annäherung der Lebensverhältnisse gegeben hat, beispielsweise die Innenstädte saniert und mit Shoppingcentern zugepflastert wurden, auch wenn die Modernisierung der Infrastruktur, Verbesserungen beim Lebensstandard und der Wohnsituation zu verzeichnen sind, bleibt Ostdeutschland doch abgeschlagen. Das mittlere Einkommen liegt im Osten bei 81 Prozent des Westniveaus, bei der Produktivität erreicht keines der neuen Bundesländer das Niveau des Saarlands als westdeutschem Schlusslicht. Ostdeutschland kann als Billiglohnland ohne nennenswerte industrielle Kerne und Großunternehmen bezeichnet werden und wird auf absehbare Zeit von der Alimentierung durch den Westen abhängig bleiben.

Neben den geschilderten materiellen Verwerfungen ist für die wachsende Unzufriedenheit in Ostdeutschland vor allem auch der Umstand von Bedeutung, dass viele Ostdeutsche sich auf einer symbolischen Ebene verletzt fühlen. Sie finden, dass ihre Biographien nicht gewürdigt, ihre Lebensleistungen nicht anerkannt und ihre Fähigkeiten vernachlässigt werden. Kurzum: sie fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse. Der Schriftsteller Durs Grünbein, der aus Dresden stammt, hat diese grundlegende Erfahrung der Wende in einem Essay wie folgt beschrieben:

Der Mensch in den östlichen Bundesländern ist besonders empfindlich, weil er damals in eine besondere Lage geriet. Alles, was er bis eben noch kannte, hatte er aufgeben müssen. Die deutsche Einheit haben viele als Chance, viele als Demütigung ihrer persönlichen Lebensentwürfe erfahren. Nicht wenige brachte das an den Rand ihrer Existenz. Das Wort Kolonisierung machte, für viele plausibel, in den 90er Jahren die Runde. Wiedervereinigung, Treuhand, Evaluierung der Universitäten, Übernahme volkseigener Betriebe, Medien, Bühnen und Verlagen waren die Stationen eines Niedergangs, über den jeder seinen Roman schreiben könnte. Eines Tages lag die Lufthoheit über den öffentlichen Raum und das Denken bei den anderen – den Schnelleren, Klügeren, Weltgewandteren, Kapitalstarken aus dem Westen des angeblich so einigen Landes. Und plötzlich waren die Ostler (dieselben, die den Umschwung herbeigeführt hatten – zum Teil unter Lebensgefahr, wie wir Demonstranten der ersten Stunde und alle die selbstlosen Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler) nur mehr Verschiebungsmasse, neues Wahlvolk, berechenbare Konsumenten.

Es scheint – so auch die Einschätzung des Autors – dass diese Kluft, oder wie er sagt: diese Frakturen, so bald nicht überwunden werden. Ja, es besteht gar die Gefahr, dass sie sich noch vertiefen, wenn sie politisch instrumentalisiert werden. Vielleicht wäre es an der Zeit, mehr über das Leben der Anderen zu erfahren, statt sich ständig nur in seinen Vorurteilen bestätigt zu fühlen. Dazu aber wären mehr Kenntnisse vonnöten. Das Buch von Steffen Mau trägt dazu bei, dieses Defizit zu verringern. Es wendet sich an eine breite Öffentlichkeit und hat zu Recht viel Aufmerksamkeit gefunden. Es liefert viel Material für Diskussionen und gibt Anlass zum Nachdenken. Mehr kann man von einem Buch nicht erwarten.

Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp Verlag 2020, 12 Euro

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Er schreibt Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen.


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