Schaukel

Mißbrauchsskandal in der katholischen Kirche in den USA – Der ungesühnte Mord an Kinderseelen.

Enthüllungen in Boston brachten vor 16 Jahren den massenhaften sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ans Licht. Weltweit – auch in Deutschland – wurden seither immer neue unfassbare Verbrechen aufgedeckt, die katholische Priester im Schutz ihrer Kirche an ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen begangen haben. Der Bericht einer Grand Jury, eines Geschworenengremiums der weltlichen Justiz, legt für den US-Bundesstaat Pennsylvania das – nicht einmal ganze – Ausmaß der Abscheulichkeiten dar.

Über tausend Opfer, mindestens 300 Täter, und eine Heerschar von Geistlichen, die Mitwisser waren, die Täter deckten und die grässlichen Taten vertuschten. Sie alle haben sich ein weiteres Mal an den Opfern versündigt. Sie verweigerten ihnen Gehör, sie versperrten ihnen den Weg zur Heilung, sie lieferten weitere Opfer den Tätern aus, die allenfalls in andere Gemeinden versetzt, nicht aber kirchenrechtlich oder gar strafrechtlich belangt wurden.

Dazu wird es trotz des umfangreichen Berichts von Pennsylvania, der sieben Jahrzehnte umfasst, wohl auch nicht mehr kommen. Nur zwei der über tausend Fälle können noch verfolgt werden. Die allermeisten Taten sind verjährt. Sexueller Missbrauch von Minderjährigen verjährt in Pennsylvania, sobald das Opfer das 30. Lebensjahr vollendet hat. Das Wort Missbrauch, das sexuelle Gewalt gegen Kinder, Vergewaltigung, Nötigung und Traumatisierung umfasst, täuscht darüber hinweg, dass die Opfer ein Leben lang leiden. Opfervertreter sprechen vom Mord an Kinderseelen. Laxe Verjährungsvorschriften, die die Täter oft ungestraft davonkommen lassen, sind im Zuge des ausufernden Skandals in vielen Ländern kritisiert, bis heute aber nicht verschärft worden.

Gerechtigkeit widerfährt den Opfern nicht durch Berichte wie den aus Pennsylvania. Aber sie finden womöglich spät noch ihre Seelenruhe, wenn ihnen endlich zugehört und geglaubt wird, wenn ihr Martyrium öffentlich bekannt wird und weitere Opfer ermutigt, ihr Schweigen zu brechen. Eine weitere wünschenswerte Konsequenz ist bei der katholischen Kirche einzufordern. Zwar hat Papst Franziskus schon Ende 2016 „null Toleranz“ im Umgang mit kriminellen Priestern angekündigt, doch bleiben in vielen Bistümern die Vertuscher am Werk. Sie haben nicht zuletzt für den Grand-Jury-Bericht aus Pennsylvania die Schwärzung einzelner Passagen erwirkt.

Das jedoch, was auf den mehr als 800 Seiten zu lesen ist, ist an Ungeheuerlichkeit nicht zu übertreffen, etwa ein regelrechter Priester-Ring in Pittsburgh, in dem Jungen zur Vergewaltigung ausgetauscht wurden. Ein Mädchen, das von einem Priester geschwängert und zur Abtreibung gezwungen wurde. Generalstaatsanwalt Josh Shapiro sprach bei der Vorstellung der Ermittlungsergebnisse von einer „jahrzehntelangen Vertuschung“ – nicht nur durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania, sondern auch im Vatikan.

Dort hatte der Papst schon im Dezember 2016 die Erwartung geweckt, dass der Vatikan entschlossen und schonungslos gegen den Missbrauch vorgehen würde. „Menschen, die für die Fürsorge dieser Kinder verantwortlich waren, haben ihnen die Würde geraubt. Wir missbilligen das zutiefst und bitten um Vergebung“, schrieb das Oberhaupt der katholischen Kirche damals und bat insbesondere um Vergebung für unterlassene Hilfeleistung, Vertuschung, Abstreiten und Machtmissbrauch. Doch es folgten weitere Enthüllungen aus Irland, Chile, Australien und den USA, und Kritiker warfen dem Papst vor, nicht konsequent genug gegen kirchliche Würdenträger vorzugehen.

In Deutschland wird der Skandal um den sexuellen Missbrauch an Kindern, der 2010 mit einer Initiative vom Canisius-Kolleg zum Thema wurde und seither zahlreiche Enthüllungen nach sich zog, von einem Forschungsprojekt im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz aufgearbeitet. Der ursprünglich bereits für Ende 2017 erwartete Bericht wurde um neun Monate verschoben. Er soll nun im September 2018 vorgelegt werden.

Bildquelle: pixabay, user counselling, CC0 Creative Commons

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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