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Home Politik

Mit Geschichte sollte nicht Politik gemacht werden – Ein deutsch-polnisches Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
30. Oktober 2019
deutsch-polnische Beziehungen

„Jenseits der Jubiläen“ nennt die Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Gedankensammlung zur „Geschichtspolitik im deutsch-polnischen Alltag, die sie während eines Symposiums in den Räumen der Bonner Universität vorstellte.  Ein schwieriges Thema angesichts der historischen Last, die auf diesem Dialog ruht. Roland Feicht, ehemals Leiter der FES in Warschau, weist denn auch im Vorwort des Werkes daraufhin: Wer in die Zukunft blicken wolle, dürfe die Vergangenheit nicht vergessen, namentlich gilt das in Polen, wo zur schrecklichen Vergangenheit, die Deutschland und Polen fest verbindet, die unfassbaren Verbrechen der Deutschen in Polen im Zweiten Weltkrieg gehören, der Vernichtungsfeldzug der Nazis, nicht nur der SS, sondern auch der Wehrmacht, die Polen versklaven, die polnische Identität ausrotten  wollten. Sechs Millionen Tote beklagt das einst geschundene Land. Feicht nennt es „ein Wunder“, dass er und die FES trotz dieser Geschichte „freundlich“ aufgenommen worden seien in der polnischen Hauptstadt, die ja von den Nazis fast völlig zerstört worden war. So habe ich das auch immer wieder erlebt, wenn ich Polen traf,mit l polnische Journalisten in Bonn sprach oder als Tourist durch das Land reiste. Nirgendwo schlugen mir Ressentiments entgegen.

Das Buch „Jenseits der Jubiläen“ ist von Wissenschaftlern aus beiden Nationen geschrieben worden, die für das deutsch-polnische Verständnis stehen, die kompetent sind. Einer der Macher des umfangreichen Bandes, Prof. Klaus Ziemer, lehrt an der Kardinal-Stefan-Wyczinski-Universität in Warschau, er hält sich überwiegend in Polen auf, wie er erzählt. Ein weiterer Autor sitzt ebenfalls auf dem Podium, Dr. Manuel Becker, der über die Geschichtspolitik und die Geschichte dieses Begriffs philosophiert. Ja, was heißt denn Geschichtspolitik? Es kann bedeuten, dass man mit Geschichte Politik macht, die Vergangenheit nicht so darstellt, wie sie eigentlich war, sondern in eigenem Interesse ausnutzt. Beispiel: Wenn man Strafbares in gutes Licht taucht, als  wäre nichts Schlimmes dabei. Geschichte ist nicht nur die Kenntnis von Zahlen und Fakten, die aber dringend sein müssen als Grundlage für vorurteilsfreie Gespräche, weil man sonst nicht sachlich diskutieren kann. Sie ist auch und ganz wichtig Erinnerungspolitik, die Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.So hält man Geschichte präsent.

Gerade mit Blick auf das deutsch-polnische Verhältnis sind Fakten wichtig, ist ein offener pluralistischer Gedankenaustausch, eine inhaltliche Kontroverse von Nutzen, ein Disput, der aber auf der Basis von gegenseitigem Respekt geführt werden muss. So sagt es Manuel Becker. Heißt: Man muss der anderen Seite nicht Recht geben, ihr aber zuhören. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, so höre ich das aus dem Mund von Zuhörern, die sich engagiert zu Wort melden, werde in deutschen Schulen kaum gelehrt. „Meine Kinder“, so betont ein Deutsch-Pole(wenn ich ihn so nennen darf), der 1978 als Flüchtling in die Bundesrepublik kam, „lernen vom Zweiten Weltkrieg in der Schule nichts.“ Von anderer Seite erfahre ich Ähnliches. Warum das so ist? Dass es schon zu meiner Schulzeit in den 50er und 60er Jahren so war, macht es nicht besser. Wie will man über die Zeit urteilen, wenn man die Fakten und die Geschichte nicht kennt?

Es war Staatspolitik der Nazi-Zeit, die Juden systematisch zu ermorden. Sechs bis sieben Millionen von in Europa erfaßten 11 Millionen- die Zahl kenne ich von Unterlagen der Wannseekonferenz mit Eichmann- wurden vergast, ermordet, zu Tode geprügelt, erschossen in Auschwitz, Treblinka, Dachau und in den anderen KZs.  Die Deutschen waren die Täter, die Polen, die Russen, die Juden die Opfer. Aber was für die Polen schmerzhaft war: sie mussten Jahre nach dem Krieg erfahren, dass auch einige der Ihren Täter geworden waren, die Juden umgebracht hatten. 

Zur deutsch-polnischen Geschichte gehören Flucht und Vertreibung. Man muss nicht immer Erika Steinbach als Zeugin nehmen, man kann besser den unverdächtigen und viel zu früh gestorbenen Peter Glotz, SPD-Politiker, Generalsekretär, einer der großen Geister dieser Partei, zu Rate ziehen. Glotz hat u.a. das Buch „Die Vertreibung“ geschrieben. Die Unterzeile lautet: „Böhmen als Lehrstück“. Glotz, geboren in Eger,  wurde als Kind aus dem Sudetenland vertrieben. Er beschreibt Unrecht und Leid, die ein seit 1848 entfesselter Nationalismus verursacht hat. Sein Fazit: „Jede Vertreibung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Eine Lehre, die nicht die Geschichte auf den Kopf stellen will, die zwischen Tätern und Opfern unterscheidet. Glotz war nie einer, der mit dem Finger durch Europa lief, um anderen die Schuld zu geben.

Flucht und Vertreibung

Zurück zu Polen und Deutschland. Flucht und Vertreibung, das begann mit dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939. Unfassbar, wie die Nazis vorgegangen sind, wie sie systematisch versuchten, die polnische Intelligenz zu töten, wie sie die Polen zu Sklaven knüppeln und demütigen wollten. Flucht und Vertreibung war das Ergebnis, als die Rote Armee Ostpolen besetzte, die Polen sich gezwungen sahen zu fliehen. Ende des Krieges setzten Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Schlesien usw. ein, Millionen verloren ihre Heimat. Schlesien wurde polnisch, um nur dies Beispiel zu nennen. Die Oder-Neiße-Linie, von den Alliierten gezogen, ist längst die neue Westgrenze Polens. Das mussten die Deutschen als Ergebnis des verlorenen Krieges ebenso akzeptieren, wie die Polen ihre Vertreibung durch die Sowjets im Gebiet des Bug.

Ich erinnere mich an die Schulbuch-Empfehlungen, die Mitte der 70er Jahre zwischen Polen und der Bundesrepublik ausgehandelt und formuliert wurden. Dazu hatte es Jahre gebraucht. Es bedurfte weiterer Jahre, bis in polnischen Schulen auch wieder die Geschichte der Deutschen in Schlesien behandelt wurde. Vorher war das ein Un-Thema. Heute gehört es dazu. Und kein Politiker in Deutschland stellt die Oder-Neiße-Grenze infrage.

Ein heikles Thema ist ein mögliches Polen-Denkmal, das offensichtlich in der Nähe des Anhalter-Bahnhofs in Berlin errichet werden soll. Es gibt dazu Unterschriften-Listen, eine aus dem Deutschen Bundestag, inzwischen von einer Mehrheit von über 355 Abgeordneten unterzeichnet, eine andere, auf der die Namen u.a. auch von  Roland Feicht von der Friedrich-Ebert-Stiftung stehen, wie er selber sagte. Emilie Mansfeld, Leiterin des Berliner Büros des Deutschen Polen Instituts, gab einen Überblick über den Stand der Debatte. Der Anhalter Bahnhof ist ein guter Ort, geschichtlich vorbelastet, wenn man so will wie so vieles in Berlin. Hier standen die Kommandozentralen nationalsozialistischer Verbrechens- und Vernichtungspolitik. Hier könnte der Erinnerungsort sein am Anhalter Bahnhof, in unmittelbarer Nähe zu den einstigen Planungszentren und Kommandostäben für die Deportation und Lenkung des millionenfachen Stroms von Zwangsarbeitern. Es soll ein Gedenkort sein, ein Erinnerungsplatz, nicht nur ein Mahnmal, um der Opfer deutscher Besatzung zu gedenken. Er müsste mit Leben gefüllt werden, mit einer Dokumentation, er müsste zum Verweilen und Nachdenken ebenso einladen, wie zur Diskussion über die deutsch-polnische Geschichte, über den Nationalismus, über Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, über das gemeinsame Europa, dem Polen und Deutsche angehören.

Deutschland Anwalt der Polen

Man darf daran erinnern, dass Deutschland Anwalt der Polen war, als es um den Eintritt der Polen in die Europäische Union ging. Die politische Entwicklung im heutigen Polen durch die Regierungspartei PIS hat das Klima zwischen Warschau und Berlin verändert, ja erschwert, weil die aktuelle polnische Regierung den polnischen Rechtsstaat verändert, weil die Justiz nicht mehr unabhängig ist und der öffentliche polnische Rundfunk auch nicht. Der Rechtsstaat, so hat es jemand formuliert, sei in den Ruhestand versetzt worden, aus dem er aber eines hoffentlich nicht zu fernen Tages wieder aktiv gemacht werden kann. Die PIS wird ja nicht ewig regieren. Aber noch macht sie Stimmung gegen Deutschland, was sich auch in der Forderung nach Reparationen ausdrückt, die die deutsche Seite ablehnt.

Andererseits, das geht aus dem Buch der FES und dem Symposium hervor, gelten die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte zwischen Polen und Deutschland  als ziemlich gut. In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen aus Polen. Es gibt viele Städtepartnerschaften, Schüleraustausch, das deutsch-polnische Jugendwerk und manches mehr. Polnische Fußballer gehören dazu wie Robert Lewandowski bei den Bayern oder Lukas Pieszczek beim BVB.

Roland Feicht erinnert in seinem Vorwort zum erwähnten Buch an die „stumme Geste von Willy Brandt, das Niederknien vor dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos im Jahre 1970“. Sie sei „bis heute ein lebendiges Bild in den Köpfen der Deutschen und Polen.“ Deutsche und Polen sollten „miteinander reden, nicht übereinander.“ Polen und Deutsche hätten bis zu den untersten Ebenen ein Netzwerk geschaffen, das mit Freundschaft gestärkt ist. „Ich bin der festen Überzeugung, dass das deutsch-polnische Tandem eine ähnlich wichtige Rolle für den europäischen Integrationsprozess einnehmen sollte wie das deutsch-französische.“

Bildquelle: Pixabay, Bild von Christian Dorn, Pixabay License

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Tags: Deutsch-polnische BeziehungenFESFlucht und VertreibungGeschichteSymposium Friedrich-Ebert-StiftungVerbrechen des Nationalsozialismus
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