Corona-Krise

MUTIGE WIRTSCHAFTSPROPHETEN

Das Corona-Virus hat die deutsche Wirtschaft in ein tiefes Krisental gebracht. 2020 wird es in den meisten Bereichen ein mehr oder weniger kräftiges Minus beim Bruttoinlandsprodukt geben. Bei den wichtigsten Antriebsaggregaten des Wachstums läuft kaum etwas rund. Die Exporte gehen zurück, denn Corona hat unsere europäischen Nachbarn, die etwa die Hälfte der Waren „made in Germany“ kaufen, heftig gepackt.

Nicht weniger kräftig hat das Virus in den USA zugeschlagen und die amerikanische Konjunktur zur Hölle geschickt. Bis die Ausfuhren deutscher Automobile, Maschinen, Chemieprodukte und anderer Erzeugnisse wieder das frühere Niveau erreichen werden, wird es gewiss noch lange dauern. Denn die Lähmung vieler Länder durch die Pandemie hält derzeit noch an, zum Teil droht sie sich noch zu verstärken. Lediglich die deutschen Exporte in Richtung China weisen wieder Plusraten auf.

Branchen im Schockzustand

Nach wie vor befinden sich hierzulande viele Wirtschaftszweige in einem Schockzustand. Denn alles, was mit Ferntourismus, Flugverkehr, Kultur, Messen, Sport und anderen Veranstaltungen zu tun hat, läuft entweder gar nicht oder bestenfalls auf Sparflamme. Viele Selbständige und mittelständische Betriebe sowie deren Mitarbeiter sind davon betroffen, auch wenn die Bundesregierung und die Länder sowie der Bundeshaushalt für Arbeit mit zahlreichen Maßnahmen das Schlimmste zu verhüten versuchen. Das dicke Ende droht dennoch vielen Existenzen, denen die finanzielle Luft ausgehen und die in die Pleite geraten werden. All das hat die Investitionsneigung fast aller Unternehmen auf den Nullpunkt oder vielfach darunter sinken lassen.

Mehr Tempo bei Staatshilfen

Die im „Wumms-Programm“ der Bundesregierung angekündigten Investitionen in den Digitalisierungsbereich, in den Klimaschutz, in die Wasserstofftechnologie, in die Förderung des Gesundheitssektors und der Pharmaforschung zielen in die richtige Richtung und werden durch das große EU-Projekt gut ergänzt. Doch bis diese Maßnahmen konkret umgesetzt und zu kräftigen Impulsen für Investitionen führen, wird es gewiss noch einige Zeit dauern. Dringend erforderlich wäre hier mehr Tempo in den Ministerien, Genehmigungsbehörden und vielen Amtsstuben. Sonst wird die Hoffnung auf mehr Wachstum zum “Warten auf Godot“ mit der Folge, dass spätestens im nächsten Jahr viele Firmen in die Insolvenz gehen, die Stilllegung von Betriebsteilen durchführen und einige hunderttausend Arbeitsplätze abbauen müssen. Die enormen staatlichen Hilfen, für die viele hundert Milliarden Schulden aufgenommen werden sollen, wären dann weitgehend „für die Katz“.

Online-Handel als Corona-Gewinner

Auch der stärkste Konjunkturmotor, der private Konsum, befindet sich im Rückwärtsgang. Die vom Lockdown betroffenen Läden in den Innenstädten werden in diesem Jahr einen Umsatzverlust von rund 11 % verkraften müssen. Nicht wenigen Geschäften mit Corona-sensiblen Sortimenten – wie Bekleidung, Schuhen, Elektrogeräten usw. – droht die Insolvenz, zahlreichen Kommunen damit die Verödung der Innenstädte. Lediglich der Online-Handel, auf den insgesamt etwa 15 % der Umsätze entfallen, ist mit einem Plus von 15 bis 20 % der Krisengewinner. Die privaten Verbraucher halten sich jedoch insgesamt sehr zurück und legen viel Geld auf die hohe Kante: Die Sparquote hat inzwischen das Rekordniveau von 20 % erreicht.

Unsichere Prognosen

Insgesamt rechnen die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute und andere Experten im laufenden Jahr damit, dass die deutsche Wirtschaft um rund 5 bis 6 % schrumpfen wird. Sie diagnostizieren kühn, dass es bei uns besser laufe, als in vielen anderen Ländern. Doch gilt es, die höchste Vorsicht bei diesen Prognosen der Wirtschaftspropheten walten zu lassen. Der Berliner Virologe Christian Drosten gießt in diesen Tagen viel Wasser in den Wein uns sieht keinen Anlass für Festreden. Er sieht eher die Gefahr, dass die „Pandemie erst richtig losgehen wird – auch bei uns.“ Und er stimmt so auf einen schwierigen Herbst ein, da auch „Deutschland noch nicht ausreichend für die kommende Zeit gewappnet ist.“

So wird die große Hoffnung der Wirtschaftspropheten, die mutig Wachstumsraten in einer Bandbreite von gut 2 bis 5 % für 2021 feil bieten, gewiss mehr oder weniger getrübt. Größte Vorsicht ist also geboten, auch wenn die Wirtschaftsforscher ihre Prognosen sogar mit Zahlen hinter der Kommastelle versehen und damit größere Glaubwürdigkeit für ihre Modellrechnungen erhaschen wollen.

Hoffnung auf den Impfstoff

Gewiss ist unser Land bisher erfolgreicher im Kampf gegen das heimtückische Virus gewesen. Doch Corona ist unberechenbar. Niemand weiß heute, wie es mit der Pandemie weitergehen wird, denn sie ist durchaus vergleichbar mit einer unbeherrschbaren Naturkatastrophe. Bis die forschenden Pharmahersteller nicht einen sicheren und wirksamen Impfstoff anbieten können, bis genug Vakzinedosen zur Verfügung stehen und dann auch millionenfach verimpft worden sind, bleiben die Gefahren virulent und bedrohlich. Auf eine Wende zum Besseren kann wohl erst im Laufe des nächsten Jahres gehofft werden. Doch sicher ist das auch nicht.

Bildquelle: Pixabay, Bild von freakwave, Pixabay License

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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