Coronavirus

Pandemie-Showdown

Die Bundeskanzlerin spielt High-Noon mit den Ländern und ich nehme ihr ab, dass sie das aus Sorge macht. Es ist offensichtlich, dass es in unserem aktuellen Pandemie-Alltag zu viele Begegnungen zu vieler Menschen gibt, um die Infektionskette wirksam unterbrechen zu können.

Der permanente Ruf nach Lockerungen ist irrational, solange weder Test- noch Impfkapazitäten in hinreichender Größenordnung vorhanden sind. Für den relativen Mangel an beidem ist der Bund allein verantwortlich. Da hilft es nicht, dass das Motiv, den Impfstoff in der EU gemeinsam zu bestellen, in Ordnung gewesen ist. Das ständige Hin-und-Her mit mal mehr und mal weniger Schließungen und Beschränkungen, von dem es immer hieß, das es vermieden werden müsse, ist das Ergebnis des inzwischen berüchtigten Bund-Länder-Geschachers. Dem standen nur anfangs nachvollziehbare Argumente zu Verfügung. Etwa, dass es keinen Sinn mache, wegen hoher Inzidenz alle Tore zu schließen, wenn eindeutig nur eine Einrichtung am Ort (Kaserne, Krankenhaus, Seniorenheim) für die Höhe des statistischen Inzidenzwerts ursächlich ist. Das Argument schwächelt, denn: Inzwischen geht das Virus – wieder – viral.

Museen, Theater, Restaurants, Hotels und Einzelhandelsgeschäfte können dafür nicht verantwortlich sein; sie waren seit 5 Monaten so gut wie komplett geschlossen. Gerne wird gemutmaßt, dass wir uns alle heimlich privat in großen Gruppen treffen, und damit die neue Welle verursachen. Wie groß das heimliche und private wechselseitige Infizieren tatsächlich ist, kann man nicht wissen, denn es soll ja heimlich und privat stattfinden.

Was man wissen kann: alle anderen Branchen jenseits von Kultur, Tourismus und Gastronomie arbeiten praktisch unbegrenzt weiter. Der Berufsverkehr morgens und abends mag geringer als üblich sein; er ist aber ganz enorm! Mit Händen und Füßen wehrt sich „die“ Wirtschaft gegen Maskenpflicht und Recht auf Homeoffice. Ich hätte da so eine Idee, wo Ursachen der neuen Ansteckungswelle liegen könnte und frage mich, wieso darüber niemand redet.

Die Frage, ob Merkel mit Söder nun den Laschet erledigt oder der Laschet mit Müller (Berlin) die Merkel ist angesichts der Lage eher zweitrangig. Ihre mediale Erörterung ist so eine Art Opium fürs Volk. Unsere investigativen Journalist*innen – es gibt sie, auch wenn sie nicht die Mehrheit ihres Berufsstandes ausmachen – könnten sich einmal um den Einfluss der Lobby auf die Pandemie-Maßnahmen kümmern. Dann wäre weniger Platz und Zeit für politische Ablenkungsmanöver á la Pandemie-Showdown.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


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