Konrad Adenauer und Kardinal Frings

Rhöndorf, 21. August 1949, Privathaus von Konrad Adenauer

Der Kardinal war der erste Eingeweihte. Konrad Adenauer legte ihm eine Art Beichte ab. Im Mai muss es gewesen sein, »als im Jahre 1949 die Verhandlungen des Parlamentarischen Rates in Bonn zu Ende gingen«. So erinnerte sich Josef Frings, der Erzbischof von Köln. »Sehr beglückt« habe der Präsident dieses Rates ihn in seiner Wohnung am Kölner Bayenthalgürtel 41 aufgesucht. Ein stolzer Vater, der dem alten Bekannten von der anstehenden Verlobung seiner Tochter Libet mit Hermann Josef Werhahn, einem Sohn der betuchten Neusser Unternehmerfamilie Werhahn, berichten wollte. Eine gute Partie, über die sich auch der Oberhirte, ein Verwandter des Bräutigams, freute. Doch nach dem familiären Vorgeplänkel wurde die Unterredung politisch, und Frings, den Adenauer schon als Oberbürgermeister in den dreißiger Jahren zum Sonntagsgottesdienst in dessen Gemeinde St. Joseph in Köln-Braunsfeld besucht hatte, wagte eine Prognose über Adenauers Aufgabe in der neuen Bundesrepublik: »Wir werden Sie wohl bald als Bundespräsident begrüßen können.«

»Nein«, soll der damals 73-jährige dem »Herrn Frings« geantwortet haben. Und vertraute ihm an: »Ich habe mir etwas anderes überlegt, ich möchte Bundeskanzler werden.« Dies frühe Geständnis lüftete Frings erst 1973, nach dem Tod Adenauers, in seinen Lebensaufzeichnungen »Für die Menschen bestellt«.

Dass er über seine Pläne mit einem zweiten Vertrauten gesprochen hatte, erfuhren führende Politiker von CDU und CSU, die Adenauer eine Woche nach der ersten Bundestagswahl am 14. August zu einem Gedankenaustausch in sein Privathaus in Rhöndorf eingeladen hatte. Mit dem Wahlergebnis selbst konnte Adenauer persönlich mehr als zufrieden sein. Während CDU und CSU gemeinsam auf 31 Prozent kamen und damit nur knapp vor der SPD (29 Prozent) landeten, hatte er in seinem Wahlkreis Bonn eine satte Mehrheit von 54,9 Prozent eingefahren. Noch besser war das Ergebnis in seinem Rhöndorfer Stimmbezirk.

Als er mit Familie um 10 Uhr zur Stimmabgabe ins Wahllokal »Zur Traube« kommt, meldet der Wahlleiter stolz, dass schon jetzt knapp 50 Prozent der Wähler ihre Stimme abgegeben hatten, und die »Traube« Wirtin kann laut Spiegel aus Erfahrung ergänzen: »Der Andrang ist schlimmer als zu Hitlers Zeiten.«

Mit diesem Erfolg im Rücken geht Adenauer früh zu Bett und ist für Nachfragen von Journalisten am Abend nicht zu erreichen. Wohlwissend, dass er schnell das Heft in die Hand nehmen muss, um nicht andere seine Vorstellungen von einer Regierungsbildung zerpflücken zu lassen. Die Vorstellung mancher der bereits zuvor gewählten CDU-Ministerpräsidenten, mit den Sozialdemokraten eine Koalition zu bilden, ist ihm ein Graus. Den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, der ihn im Wahl-kampf als »Lügenauer« bezeichnet hatte, möchte er auf keinen Fall im Kabinett dulden. Und überhaupt: Mit den sozialdemokratischen »Kirchenfeinden« ist für ihn kein Neuanfang denkbar.

Er weiß, dass er seine Vorstellungen festzurren muss, bevor sich die CDU-Fraktion am 7. September in Bonn konstituiert. Er weiß, dass er vor allem den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Hans Erhard einbinden muss, der insgeheim als Kanzler einer Großen Koalition favorisiert wird. Und er weiß, dass er ihm eine besondere Behandlung gewähren muss, bevor die für den 21. August geplante »Aussprache« mit ausgewählten Christdemokraten in seinem Privathaus in Rhöndorf stattfindet. Also pilgert er einen Tag vor dem Treffen zu Erhard, schmeichelt dem Bayern, dass er sicher ein guter Kanzler werde. Aber leider ginge das ja nicht, da Bayern im Parlamentarischen Rat gegen das Grundgesetz gestimmt habe.

Sonntags dann die »Aussprache«, die später als »Rhöndorfer Konferenz« in die Geschichte eingeht. Der Hausherr hat bei Eintreffen der Gäste gegen 13 Uhr alles perfekt vorbereitet. Eine Kaffeetafel, später ein köstliches Büffet, gute Weine, wie der junge bayerische CSU-Generalsekretär Franz Josef Strauß noch Jahre später schwärmt. Doch nicht nur der äußere Rahmen ist bis ins kleinste geplant. Bei der Auswahl der 24 geladenen Gäste – Ministerpräsidenten, Landeschefs, Vertraute aus seinem Kölner Umfeld – hat Adenauer nichts anbrennen lassen. Allerdings steht der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Karl Arnold, ein vehementer Vertreter der Großen Koalition und Anhänger des linken, für Adenauer nicht akzeptablen Ahlener CDU-Programms, nicht auf der Gästeliste.

Selbstverständlich ist es eine Frage der Höflichkeit, dass die Geladenen dem Gastgeber Wort und Tagesordnung überlassen. Koalitionsfrage, Bundeskanzler, Bundespräsident, das sind die Entscheidungsvorlagen, die er vorgibt.

Am Ende ist alles zu seiner Zufriedenheit gelaufen. Keine Große Koalition, stattdessen ein Bündnis mit FDP und der Deutschen Partei (DP). In der Bundespräsidentenfrage Einigung auf den Adenauer-Favoriten Theodor Heuss. Und in der Kanzlerentscheidung lief es auch auf Adenauers Wunschkandidaten hinaus: ihn selbst.

Über Jahre verbreitete er die Mär, er sei von einem Gesprächsteilnehmer zu seiner »großen Überraschung« vorgeschlagen worden – trotz seines Alters. Diese Version war spätestens dann in dieser Eindeutigkeit nicht mehr zu halten, als in den siebziger Jahren ein Protokoll bekannt wurde, das der damalige CDU-Vorsitzende in Württemberg-Hohenzollern, Gebhard Müller, kurz nach der Tagung verfasst hatte.

Danach ließ sich der Hausherr so ein: »Die wichtigste Person ist der Bundeskanzler, (…) ich will Kanzler werden. Ich bin 73 Jahre, aber ich würde das Amt annehmen.« Nicht zuletzt, weil er »über gewisse Erfahrungen in staatlichen Dingen und Verwaltung« verfüge und »stärkere Ellenbogen« habe, »als ich früher geglaubt hätte«.

In der Version des Kölner CDU-Abgeordneten Hermann Pünder, las sich Adenauers Einlassung dagegen so: »Man hat mich dazu vermocht, mich für die Stellung des Bundeskanzlers zur Verfügung zu stellen.«

Wer ihn »vermocht« hat, ließ Adenauer offen. Vielleicht war es der zweite Vertraute, den er neben Kardinal Frings wohl frühzeitig in seine Pläne einbezogen hatte: sein Hausarzt, Professor Dr. Paul Martini. Denn der, so ließ er die Rhöndorfer Tischrunde wissen, habe ihn »pflichtgemäß untersucht« und attestiert, »für zwei Jahre könne ich das Amt wohl ausführen«.

Es wurden 14 Jahre daraus….

Bildquelle: Wikipedia, Bundesarchiv, B 145 Bild-F002967-0011 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0

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Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


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