Schwedenhaus

Roman om ett brott – Im Gedenken an May Sjöwall

May Sjöwall ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Friede und ein würdiges Angedenken seien mit ihr.

Wir alle, die Krimi-Konsumenten wie die Schreiber hatten sie aus den Augen verloren, ob gleich Filme mit ihren Figuren, mit Beck und Gunvald Larsson und Benny immer noch über die Bildschirme flimmern. Aber diese Streifen verbindet man kaum noch mit May Sjöwall und Per Wahlöö, der bereits 1975 gestorben ist. Denn diese Streifen kratzen und schaben nur noch an der Oberfläche der schwedischen  Gesellschaft herum, verbinden einen melancholisch – vorwurfsvollen Beck mit einem Hau-Drauf  und den wiederum mit einem etwas tumben Nachwuchs-Kollegen und alle irgendwie mit allerlei Betriebs- nudeligen Ereignissen.  Das ist etwas völlig anderes als das, was Sjöwall und Wahlöö in ihren zehn Krimis zwischen 1965 und 1975 präsentiert hatten. Das war Abrechnung  mit dem schwedischen, den Kapitalismus angeblich domestizierenden Sozialstaat. 

Den ersten  Krimi der beiden habe ich 1972 gelesen. Auf Empfehlung eines mir übergeordneten Mannes in der Redaktion, der aus einer deutsch-nationalen, den Nazis zuarbeitenden Ecke kam und der später in die SPD gefunden hatte. Müsse man lesen, sagte er. Die in den Krimis steckende Ideologie war mir vertraut. Die gesellschaftliche Kulisse mit ihren Egoisten, Raffern, Drogensüchtigen und mit dem unzuverlässigen Staat war exotisch. Die Einzelkämpfer um Beck faszinierten. Die fundamentale Ablehnung des schwedischen Weges zu Gleichheit und Gerechtigkeit irritierte. Freilich war unser Bild Schwedens recht einfach zusammengesetzt, es lief auf die die Begriffe Freizügigkeit, Volvo, dann Abba und später  auf Anna Lindh hinaus, die ermordet wurde – was viele von uns tief erschütterte.    

Die zehn Krimis waren spannend gemacht. Teils lakonisch. Aus scheiternden Existenzen und wenig erfreulicher Infrastruktur, Kälte und Antihelden zusammengesetzt. Das zog an. Dass es keine Mörder unter den schwedischen Facharbeitern gab und das Frauenbild recht konservativ und blass angelegt war, störte damals nicht. May Sjöwall wie ihr 1975 verstorbener Co-Autor und Lebensgefährte sind mit dem Ende des Realsozialismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Ihre Romane waren Vorbeben für die Morde an Olof Palme und Anna Lindh, die  Schockwellen durch die schwedische Gesellschaft jagten. Politisch bewirkt habe man wenig, sagte May Sjöwall 2005 in einem Interview mit dem Spiegel. Und: „Ich bin 70, ich werde mir noch ein nettes Leben machen. Ich muss die Gesellschaft nicht umkrempeln.“ Vergessen werden wir Dich nicht.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Michelle Maria, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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