George W. Bush 2008

Trump, Biden und sehr persönliche Erinnerungen

So vieles überschlägt sich derzeit. Im Weißen Haus sitzt ein trotziger Donald Trump und klammert sich an eine Macht, die er gar nicht mehr hat. Würde er aus dem Fenster schauen, müsste er sehen, wie die Menschen in den Straßen tanzen, übermütig und dankbar, dass ein Alptraum vorbei ist. Erleichterung in der nationalen und internationalen Politik, weil der neue Präsident Joe Biden heißt.

Jetzt kommen in mir ganz persönliche Erinnerungen hoch. Ich nehme wahr, wie sehr sich die Maßstäbe, auch meine Maßstäbe, in den vergangenen vier Trump-Jahren verschoben haben.

Ich lasse meine Erinnerungen noch weiter zurückfliegen. 20. Januar 2009 – die erste Amtseinführung (Inauguration) von Barak Obama, in dem wir damals vielleicht allzu überschwänglich eine Lichtgestalt gesehen hatten. Lichtgestalt nach acht Jahren mit George W. Bush, Jahre, die viele – zugegeben: ich auch – als Zeit der Düsternis wahrgenommen hatten.

An diesem 20. Januar 2009 war ich als Fernsehreporter der ARD im Studio Washington und produzierte für eine Sondersendung die Tageszusammenfassung  von Obamas Amtseinführung. Viele Details sind mir noch heute in Erinnerung, beispielsweise, dass die gepanzerte und schwer bewaffnete Präsidenten-Limousine, „Das Biest“, nach einem Anschlag selbst mit vier zerschossenen Reifen immer noch 120 km/h schnell fahren kann, oder dass sich Obama bei der Eidesformel verhaspelte. Besonders präsent aber ist mir jene Szene, in der die Obamas zum Abschied das Ehepaar Bush zum Hubschrauber brachten. Der Helikopter hob ab und entschwand in den grauen Himmel. Als die Cutterin diese Sequenz in unseren Film einschnitt, dachte ich bei mir (ich gebe diese Parteilichkeit zu): Das Böse entschwindet, ist endgültig vorbei und mit den Obamas beginnt eine neue Zeitrechnung. (Zur Beruhigung aller Fernsehgebührenzahler: Ich hab’s gedacht, aber nicht gesagt, nicht einmal angedeutet.)

Zurück ins Heute.  Jetzt entdeckte ich bei youtube per Zufall ein kurzes Filmchen von 2008 aus den letzten Tagen des Präsidenten George W. Bush. Seine republikanische Partei mit deren Spitzenkandidaten John McCain hatte die Präsidentschaftswahl gerade verloren. Da trat Bush, Präsident auf Abruf, vor das Weiße Haus und gab ohne das geringste Zeichen von Trotz oder Wut ein Statement ab: „Vergangene Nacht hatte ich ein herzliches Gespräch mit dem künftigen Präsidenten Barack Obama. Ich gratulierte ihm und Senator Biden zu ihrem eindrucksvollen Sieg. Ich sicherte dem künftigen Präsidenten zu, er könne auf eine umfassende Kooperation meiner Verwaltung rechnen, wenn er sich auf seinen Einzug ins Weiße Haus vorbereitet.“

Nüchtern betrachtet hatte Bush etwas ganz Normales getan, etwas, was nach Präsidentschaftswahlen in den USA seit eh und je zur Routine gehört, eben weil es sich unter zivilisierten Politikern so gehört

Aber als ich das jetzt sah und hörte, dachte ich bei mir: wie nobel, welch große Geste. Und der damals von mir so negativ bewertete George W. Bush wurde 12 Jahre später geradezu zur moralischen Lichtgestalt. So stark hat auch bei mir Donald Trump die Maßstäbe verschoben.

Bildquelle: Youtube

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


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