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Home Politik

Und wieder gilt: Arsch huh, Zäng ussenander!“

Lutz Heuken Von Lutz Heuken
24. Juni 2026
Anti AfD-Plakat

Wie das Kaninchen vor der Schlange starrt der anständige Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft auf die Landtagswahlen im Herbst: ängstlich und gelähmt. Fällt mit Sachsen-Anhalt das erste Bundesland in die  Hand von Faschisten? Dabei gibt es durchaus Gegenmittel gegen diese Angstlähmung: aktiven Widerstand nach dem kölschen Motto „Arsch huh, Zäng ussenander.“ Auf Hochdeutsch: „Arsch hoch, Zähne auseinander.“

Dieser hoch emotionalisierende Appell aus Köln stammt aus dem Jahr 1992 – als Reaktion auf eine Welle brutalster rechtsextremer Gewalt in Deutschland, die sich vor allem gegen Flüchtlinge richtete. Es waren die schlimmen „Baseballschläger-Jahre“, in denen Nazi-Banden mit Glatzen, üBomberjacken und Springerstiefeln vor allem Ostdeutschland terrorisierten.  Bundesweit stehen die Namen Hoyerswerda, Hünxe, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen für diese schreckliche Entwicklung. Es gab Tote zu beklagen und unzählige Verletzte. In manchen Gegenden breitete sich unter den Flüchtlingen damals Panik aus, während deutscher Pöbel jubelnd zuschaute, wenn mal wieder eine Asylunterkunft abgefackelt wurde.

Dann – endlich – stand die Zivilgesellschaft damals auf, angetrieben von Rockbands und anderen Künstlern. Und zeigte Zähne. Hunderttausende gingen auf die Straße, gaben einander Mut, zeigten Zivilcourage, machten Druck auf die Politik, härter gegen die Faschisten vorzugehen. Denn auch damals reagierten die etablierten Parteien zunächst so ähnlich wie heute – mit einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr. Statt die Neonazis zu jagen, wurden die Asylgesetze verschärft, was die Extremisten in ihrer Auffassung noch bestärkte, mit ihrer menschenverachtenden Ideologie im Recht zu sein. Doch die  Proteste gegen den wachsenden Rechtsextremismus, der „Aufstand der Anständigen“, zeigte schließlich Wirkung. Das Gefühl wuchs, dem braunen Treiben nicht wehrlos ausgeliefert zu sein.

Nun mag man denken, hier erzählt der Opa wieder mal vom Krieg. Doch ähnelt die damalige Situation nicht der heutigen? Mit dem einen großen und gefährlichen Unterschied, dass der tumbe und brutale Rechtsextremismus inzwischen einen mächtigen parlamentarischen Arm hat – die AfD. Die Faschisten sind in Umfragen inzwischen zur stärksten politischen Kraft herangewachsen – nach den Landtagswahlen im Herbst droht gar die Machtübernahme in Sachsen-Anhalt mit absoluter Mandats-Mehrheit.

Doch dieses Horror-Szenario scheint viele Besorgte eher zu lähmen als aufzurütteln, andere flüchten sich in die Argumentation „So schlimm wird es unter einer AfD-Regierung hoffentlich nicht werden“, einige Konservative hoffen gar, durch Zusammenarbeit mit der AfD könne man die Nazi-Partei schon besänftigen. Haben diese Menschen denn gar nichts aus der Geschichte gelernt?

Also beunruhigt aber gelähmt abwarten? Ganz im Gegenteil: Es ist höchste Zeit, jetzt wieder breiten und – ja auch – harten Widerstand gegen die rechtsextremen Umtriebe zu organisieren. In jedem Dorf, in jeder Stadt müssen sich Menschen zusammenfinden, die sich gegenseitig Mut machen, die kreativen Protest organisieren und aktiven Widerstand vorbereiten, die zeigen: Wir sind die Mehrheit! Keinen Fußbreit dem Faschismus!

Schulterschluss der Demokraten – von links bis konservativ

Nun ist es gar nicht nötig, dass der Opa hier noch einmal vom Krieg – sprich von den 90er Jahren – erzählt. Als im Winter 2024 die menschenverachtenden „Remigrations-Pläne“ der Rechtsextremen bekannt wurden, gingen spontan Hunderttausende bei teils eisigem Wetter auf die Straße, kampferprobte Linke standen dabei Schulter an Schulter mit Menschen, die zum ersten Mal im Leben auf eine Demo gingen. Beiden Seiten tat das gut, für einige Wochen herrschte eine beinahe euphorische Stimmung: „WIr sind mehr!“ Und noch einmal flammte ein Jahr später dieser breite Protest auf: Das war im Januar 2025, als die Union im Bundestag unter Führung des späteren Kanzlers Friedrich Merz gemeinsam mit der AfD für einen  Zehn-Punkte-Plan zur Migration stimmte. Was für eine Schande! Wieder strömten die Menschen auf die Straße, vereint im Kampf gegen einen noch stärkeren Rechtsruck in der Gesellschaft. Wie es scheint, hat Merz aus dem breiten Protest –  bis hinein in seine eigene Partei  – gelernt: Seitdem geht er zumindest verbal wesentlich deutlicher auf Distanz zur AfD

Was lehrt uns dieser Rückblick? Der Protest gegen den wachsenden Faschismus in Deutschland  muss vor allem drei Voraussetzungen erfüllen, um wirksam zu sein. Der Protest muss dauerhaft sein und konsequent. Er muss breit aufgestellt sein und viele Menschen unterschiedlicher politischer Herkunft mitnehmen. Und er muss fantasievoll sein, in den verschiedensten Ausdrucksformen.

Was das dringend notwendige breite Bündnis gegen Rechts angeht, hat der neue Co-Parteichef der Linken diesem in den vergangenen Tagen übrigens einen Bärendienst erwiesen. Luigi Pantisano hatte erklärt, dass es „kaum einen Unterschied“ gebe zwischen „der CDU, die faschistische Politik macht, und den Faschisten selbst.“

Nun kann ich den Zorn vieler Linker auf die Union ja durchaus verstehen. Auf eine Union, die mit ihren Unvereinbarkeits-Beschlüssen die AfD und die Linke nach der reaktionären Hufeisen-Theorie politisch offenbar für ähnlich gefährlich hält. Zorn auf eine Union, die Politik gegen die Schwachen in der Gesellschaft macht, die in der Migrations- und Sozialpolitik eine für Linke gruselige Linie verfolgt.

Aber als Linker die CDU mit den Faschisten nahezu gleichzusetzen, das verharmlost die AfD kolossal, das ist grob ahistorisch, das macht jeden Kampf gegen die Nazi-Partei lächerlich. Im Ruhrgebiet würde man als Linker dem neuen Parteichef Pantisano ins Gesicht sagen: Wie bekloppt muss man eigentlich sein? Zum Glück ist der Neue bei der Wahl zum Vorsitzenden von der eigenen Partei dann auch entsprechend hart abgestraft worden. Und immerhin hat Pantisano sich bei der Union entschuldigt.

Der Appell, endlich den Schulterschluss der Demokraten zu suchen, richtet sich also an alle Seiten. Denn sowohl Linke als auch die Union sind – trotz aller Unterschiede – demokratische Parteien. Wer das nicht anerkennt, der verharmlost immer noch – bewusst oder unbewusst- die Gefahr durch die Nazi-Partei. Wenn sich nicht alle demokratischen Kräfte im Kampf gegen die Bedrohung endlich zusammenschließen, dann wachen alle Demokraten – von links bis konservativ – in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem Land auf, das mit schrecklich noch verharmlosend beschrieben ist.

Alle müssen begreifen: Der Feind steht rechts! Tut was! Arsch huh, Zäng ussenander!

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