König Lear - Symbol für Macht und Niedergang

USA: Lachen oder Weinen? Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert – Eine Buchbesprechung

Der oberste Twitterer der Nation beweist mal wieder seine geographische Unkenntnis und vermutet Kansas City im Staat Kansas: nicht zu begreifen! Die Demokraten machen den Auszählungsprozess bei den Vorwahlen in Iowa zum Debakel und schieben die Schuld auf eine App: nicht zu erklären! Die Republikaner würgen den Impeachment-Prozess im Senat ab, ohne neue Zeugen zuzulassen: nicht zu fassen! Und schließlich die Rede des Präsidenten zur Lage der Nation: I am the greatest! Nicht zu glauben!

Soll man lachen oder weinen? Das gescheiterte Impeachment-Verfahren hat jedem, der es sehen wollte, gezeigt, wie der Präsident mit der Macht und der Wahrheit umgeht, und die Rede zur Lage der Nation hat erwartungsgemäß keinerlei Ansätze einer wie auch immer gearteten Nachdenklichkeit, Besinnung oder Selbstkritik erkennen lassen. Wahrscheinleich ist das Wort Selbstkritik für Ihn ohnehin ein Fremdwort. Aber das ist für viele seiner Anhänger anscheinend genau das, was sie an ihm schätzen. Sie bewundern ihn dafür. Kann man das verstehen, kann man es erklären?

Wie so etwas passieren bzw. überhaupt entstehen kann, hat Stephen Greenblatt, Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache in Harvard in einem intelligenten Buch über „Tyrannen“ in den Werken William Shakespeares herausgearbeitet. Das Buch ist zumindest in politischen Kreisen ein Bestseller, seit bekannt wurde, dass unsere Bundeskanzlerin im letzten Sommerurlaub in Südtirol auf dem Balkon ihres Ferienhotels das Buch in der Hand hatte. Jetzt dient es als Lesehilfe zum Verständnis der Charaktere und der Machtausübung der Herren Trump, Putin, Erdogan und anderer. Shakespeares Heinrich IV, Richard III, König Lear, Macbeth, Coriolanus oder Julius Caesar sind in ihrem Aufstieg und Fall denn auch interessante Studienobjekte, die Greenblatt gezielt ausgewählt hat, weil er ein politisches Buch schreiben wollte. Die deutsche Ausgabe macht deutlich, um was es geht, nämlich um „Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert“, so der Untertitel.

Im amerikanischen Original klingt das zwar weniger reißerisch: „Shakespeare on Politics“, aber der Siedler Verlag hat die zweifellos vorhandene Intention des Autors für die deutschsprachige Ausgabe werbewirksam so auf den Punkt gebracht: „Was uns Shakespeare über Trump, Putin und Co. verrät. Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren die Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist?“

Trump und Co. werden in Greenblatts Buch überhaupt nicht erwähnt, aber jeder Leser interpretiert dessen Gedanken zum Charakter der Tyrannen, ihrem Aufstieg mit Duldung der bisherigen Machteliten, dem Opportunismus ihrer Schergen, den parteipolitischen Machtspielen oder den Gefahren des Populismus natürlich mit Blick auf die Herrscher unserer Tage. Die Beispiele aus Shakespeares Dramen sind gut gewählt und regen zum vertieften Nachdenken an. Was dem Buch aber fehlt, ist eine befriedigende Erklärung dazu, was uns das Ende oder der Untergang der Shakespeareschen Tyrannen, die Greenblatt ausführlich behandelt, für das 21. Jahrhundert verraten sollen. Verbannung, Wahnsinn, Tod: Nichts davon hat eine „realistische Chance, den Tyrannen zu stoppen,“ so Greenblatt. Der einzige Trost, den er dann im letzten Absatz des ganzen Buches liefert und damit die rhetorische Frage seines deutschen Verlags zu beantworten versucht: Irgendwann wird jeder Tyrann an seiner eigenen Bösartigkeit scheitern, und der gesunde Menschenverstand (er nennt es im Original „popular spirit of humanity“) gewinnt wieder die Oberhand, der zwar zeitweilig unterdrückt, aber nie gänzlich ausgelöscht werden kann. Greenblatt sieht also die größte Chance für eine Rückkehr zur politischen Vernunft in der Erneuerung bzw. dem Wiedererringen des kollektiven Anstands, und zwar durch das politische Handeln der normalen Bürger. In den USA geht es jetzt genau darum. Ob die Zeit allerdings schon reif ist für eine Rückkehr des Anstands, bleibt abzuwarten. Vielleicht dauert es auch noch. Wer Greenblatts Buch zu Ende gelesen hat (zwischendurch hat es schon einige Längen!), kann verstehen, warum Frau Merkel anscheinend so viel Geduld mit den Herren Trump, Putin und Co. aufbringt. Sie vertraut auf die Vernunft und die Urteilskraft der Menschen. Let’s hope for the best.

Bildquelle: Pixabay, Bild von MikesPhotos, Pixabay License

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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