Alter Friedhof Bonn

Wallraff über Norbert Blüm: Ein Freund, ein Mensch

Sie waren so unterschiedlich, dachte ich früher oberflächlich, wenn ich an Günter Wallraff und Norbert Blüm dachte. Und dann haben sie doch zusammengearbeitet und sind darüber Freunde geworden, Wallraff, der Undercover-Agent, der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war und gegen Springer kämpfte, und Norbert Blüm, der langjährige Arbeits- und Sozialminister im Kabinett von Helmut Kohl, der vor ein paar Tagen verstarb und der am Dienstag, 5. Mai, zu Grabe getragen wird. Und wer sie beide kennengelernt hat, den Wallraff und den Blüm, zwei unbeugsame, unbequeme Zeitgenossen, stellte dann doch Dinge fest, die sie beide verband:  der Kampf um Gerechtigkeit, für Freiheit, gegen Intoleranz. Wir haben Günter Wallraff um ein Wort zu Blüm gebeten, das er nicht geben konnte, weil er in Kürze operiert wird. Wallraff hatte sich gegenüber  DPA(Deutsche Presse Agentur)  geäußert und zum NDR.  Hier sind ein paar Auszüge aus seinen Wortbeiträgen, die uns sein Büro geschickt hat.

„Norbert Blüm war ein guter, verlässlicher Freund. Er war auf keinem Auge blind, das hat er mit Heinrich Böll gemeinsam. Norbert Blüm gehört für mich zur fast ausgestorbenen Gattung der Vertreter weiser, alter Mann. Er ist unersetzbar und ich kenne keinen, der seine Stelle einnehmen könnte.“ Blüm habe die Parteigrenzen gesprengt, so Wallraff, er sei jemand gewesen, „der nicht das jeweilige Parteiprogramm nachbetete, sondern jemand, der weit darüber hinaus ging. Ja, ein Mensch.“

Blüm konnte, so schilderte Wallraff gegenüber dem NDR, „aus der Rolle fallen, er konnte, zu Recht, anderen ins Wort fallen und dabei trotzdem nicht verletzend oder beleidigend sein. Er suchte die Menschen, die guten Willens sind.“ Aus einem tief christlichen Empfinden, praktizierter Nächstenliebe habe Blüm gelebt, das habe ihn ausgezeichnet und ihn authentisch gemacht.

Blüm kam aus der Arbeiterbewegung, aus kleinen Verhältnissen, er hat bei Opel gearbeitet, war Mitglied der IG Metall wie Wallraff. Und diese Wurzeln hat er nie verleugnet. Wallraff schildert im NDR, wie man einem Betriebsrat geholfen habe, der mit Entlassung bedroht war, er beschreibt, dass Blüm Haltung bewiesen und den Firmenverantwortlichen gezeigt habe, dass er hier nicht locker lassen und dass er auch Öffentlichkeit herstellen würde, wenn denjenigen nicht geholfen würde.

Ja, das war Norbert Blüm, der körperlich kleine, aber menschlich große Mann ohne Furcht vor Königsthronen. Und der zur Stelle war, wenn Not am Mann war, wie Wallraff es beschrieb.

„An Norbert Blüm werde ich seine spontane Hilfsbereitschaft, seinen Humor, sein manchmal auch antiautoritäres Verhalten vermissen, obwohl er nicht aus der 68er Bewegung kam, und seinen, zuweilen auch gerechtfertigten Spott denen gegenüber, die eigentlich sakrosankt schienen und denen man nicht widersprechen durfte.“ Sagt einer wie Wallraff, der nie ein Blatt vor den Mund nahm und der „im Moment niemanden sieht, der seinen Platz einnehmen könnte.“ Den Platz von Norbert Blüm. Ich wiederhole es gern, was wir schon mal im Blog-der-Republik über diesen feinen Menschen Norbert Blüm geschrieben haben: „Wir werden ihn vermissen“.

Nach einem Requiem in der St. Elisabeth-Kirche findet Blüm seine letzte Ruhe auf dem Alten Friedhof in Bonn

Bildquelle: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Bonn, Alter Friedhof — 2018 — 0860“ / CC BY-SA 4.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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