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Home Politik

Warum ich am Tag der Blockflöte an die Wende denke?

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
10. Januar 2019
Blockflöte

Wussten Sie, dass es einen Tag der Blockflöte gibt? Ich auch nicht. Ich wusste allerdings auch nicht, dass es einen Tag der Zimmerpflanze gibt oder einen Tag der Geige. Oder den Rettet-die-Adler-Tag. Oder den Tag der Hausmusik. Zurück zum Anfang. Die Blockflöte ist ein Holzblasinstrument, das zur Gattung der Schnabelflöten gehört. Nicht gewusst? Aha. Und ganz früher, also in prähistorischer Zeit, bestand die oben genannte Flöte aus einem hohlen Knochen. Tier oder Mensch? Und früher wurde die Blockflöte fast ausschließlich von Männern gespielt. Sie dürfen raten, warum das so war. Heute ist sie das Einstiegsinstrument für die musikalische Grundausbildung der Kinder im Vorschulalter oder in der Grundschule. Diese Erklärungen finden Sie im Lexikon und bei T-Online. Was Sie dort nicht finden: Ich habe von Musik keine Ahnung, spiele auch kein Instrument, nicht mal eine Blockflöte mit sieben Grifflöchern auf der Ober- und einem auf der Unterseite.

Als mir das jemand erzählte-das mit dem Tag der Blockflöte-dachte ich gleich an die Wende und fragte neugierig nach: Gibts  schon wieder einen neuen Feier- oder Gedenktag, um an die untergegangene DDR zu erinnern? Die Menschen im Osten fühlen sich ja untergebuttert, übergangen. Will man den Begriff der Blockflöten wieder beleben? Die Ampelmännchen sind ja auch übernommen worden. Nichts von dem sei damit verbunden, hörte ich, was mich aber nicht weiter stört.

Meine Rede ist hier nicht von den Schnabelflöten, sondern den politischen Blockflöten, die ich kurz nach dem Fall der Mauer kennengelernt habe. Man nannte die neben der SED im Block der Nationalen Front vereinten Parteien Blockparteien und deren Mitglieder Blockflöten, weil sie Parolen der Sozialistischen Einheitspartei, kurz genannt SED, nachflöteten. Das war natürlich mindestens kritisch gemeint, mehr verächtlich, mit dem Begriff machte man sich über die Blockflöten eher lustig. Sie wirkten irgendwie mit, hatten aber nichts zu sagen.

Moskau gab die Linie vor

Ihre Namen sind heute weitgehend unbekannt. Die eine hieß NDPD, übersetzt Nationaldemokratische Partei Deutschlands, eine Art Sammelbecken für einstige Militärs der NS-Zeit,  die andere war die Demokratische Bauernpartei, kurz DBD genannt. Darin sollten sich die Bauern wiederfinden. Dann gab es noch die Ost-CDU und die LDPD, in der sich die sogenannten Liberalen der DDR vereinten.Das Ganze nannte man auch den Demokratischen Block, den Begriff muss man nicht ernst nehmen, mit Demokratie hatte das wenig zu tun. Die SED gab den Ton vor, die anderen flöteten mit. Eine richtige Opposition, wie wir sie in der Bundesrepublik seit 1949 haben, gab es im Osten Deutschlands nicht. Die politische Linie war von Moskau vorgegeben.

Es gab namhafte CDU-Politiker wie Ernst Lemmer und Jacob Kaiser, die ersten Vorsitzenden der Ost-CDU, die die von Moskau verlangte politische Einheitslinie verließen. Sie wurden von ihren Ämtern enthoben und setzten sich in die BRD ab, eine Bezeichnung, die lange Jahre quasi auf einer Art Index stand und im Grunde nicht benutzt werden durfte. Oder sollte. Lemmer war Minister für Post, gesamtdeutsche Fragen sowie für Vertriebene in den Kabinetten von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Kaiser war Widerstandskämpfer gegen die Nazis, Mitglied des Parlamentarischen Rates und Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen in den ersten beiden Regierungen Adenauers.

Die Verquickung der SED mit den Blockparteien lässt sich auch durch die Ämter belegen, die Repräsentanten der Blockflöten bekleideten.  So stellten sie jeweils einen Stellvertreter des Staatsoberhauptes, einen Vize des Regierungschefs und mehrere Minister. Sie trugen die Zwangsaussiedlung missliebiger DDR-Bürger aus dem Grenzgebiet mit, sie befürworteten den Bau der Mauer und stimmten der Enteignung von mittelständischen Betrieben zu.

Mitläufer trugen das System

Über die Blockflöten und ihre Zusammenarbeit mit der CDU nach der Vereinigung gab es immer wieder heftige Debatten. Sie waren, darüber gibt es ja kaum einen Zweifel, im System der DDR mindestens Mitläufer, Millionen Mitläufer, wie es sie in der NS-Zeit gegeben hatte. Ohne die Mitläufer, die kleinen und die größeren, hätte das System nicht funktioniert. Und nach der Gründung der BRD wechselten nicht wenige Braunhemden ihre Parteikleidung gegen blaue Anzüge und halfen mit beim Wiederaufbau West.

So war der vorherige Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, CDU, bis 1989 eine kleine Blockflöte der Ost-CDU. Man könnte auch Brandenburgs ehemaligen Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns erwähnen, ebenfalls CDU, der im „Bauernecho“ seiner Partei noch im Sommer 1989 die Mauer als Schutzwall gelobt hatte, weil hinter der die „braune Pest“ wuchere. 1988 erhielt Junghanns die Ehrenmedaille der DDR. Man muss das nicht gut finden, aber sollte sich davor hüten, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Denn dann weisen die anderen Finger derselben Hand auf einen zurück. Das gilt im übrigen auch für die CDU, die sich immer wieder über die SED, PDS, die Linke moralisch erhebt. Warum eigentlich? Sie haben doch früher zusammen regiert, die SED und die Blockparteien, der eine hat gepfiffen, der andere ist marschiert. Es gibt aber auch andere Beispiele: Johanna Wanka, einstige Bundesministerin für Bildung und Forschung, hatte zu DDR-Zeiten in Merseburg die Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ mitbegründet.

Gerade wir aus dem Westen sollten uns mit Urteilen über die im Osten zurückhalten. Wie sagte doch der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, am Rande einer Diskussion, wie man mit den Lehrern in der DDR umgehen solle. Etwa so: Er wisse nicht, wie er sich verhalten hätte, wenn er drüben hätte leben müssen. Aber wir sollten auch nicht versuchen, die Dinge in der DDR verklären zu wollen.

Ich will Ihnen was sagen: Ich pfeife auf den Tag der Blockflöte.

 

Bildquelle: pixabay, Huskyherz, public domain

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Tags: BlockparteienDDRDeutsche EinheitDeutsche GeschichteEinheitsparteiSEDTag der BlogflöteUnterdrückung
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