Bundestrainer Löw

Warum nur hält Löw an Thomas Müller fest?

 

Fußball ist die oder mit die schönste Nebensache der Welt, heißt es immer wieder im sogenannten Volksmund. Richtig daran ist, dass es zumindest wichtigere Sachen gibt in Deutschland und anderswo. Das muss einem aber den Spaß am Fußball nicht nehmen. Gestern konnte man in der ersten Halbzeit des Länderspiels gegen die Niederlande in der Arena auf Schalke eine Vorfreude auf das nächste Jahr bekommen. Was da munter nach vorn gespielt wurde, wie Gnabry, Sané und Werner durch die holländische Abwehr flitzten, dass die Herren in den Oranje-Hemden nicht mehr ein und aus wussten, war eine wahre Freude. Die Tore, die der Leipziger und der Ex-Schalker und heutige Manchester-City-Spieler schossen, waren die Sahne auf der feinen Torte. Das galt für die erste Halbzeit, ein Fußballspiel dauert aber 90 Minuten.

Endlich wieder richtig flotter Fußball, dachte der Zuschauer, und nicht mehr das Gekicke des Sommers. Es ist nicht vergessen, was meines Wissens Olaf Thon(52) nach der völlig verkorksten Fußball-WM gesagt hatte, um das Dilemma in Worte zu kleiden: Altherren-Fußball hatte der frühere Bayern- und Schalke-Star das müde Spiel der deutschen Mannschaft in Russland genannt. Und er hatte Recht, auch wenn das manchem nicht passte. Es war damals ein elendes Quer- und Zurückpassen, ohne dass damit das Ziel, sich dem Strafraum zu nähern, um vielleicht mal aufs Tor des Gegners zu schießen, deutlich geworden wäre. Die Forderung, der Bundestrainer und am besten gleich die gesamte DFB-Spitze mit dem Präsidenten Grindel voran und dem Manager Oliver Bierhoff, mögen den Hut nehmen, wurde laut. Auch dies zu Recht. Doch Konsequenzen wurden nicht gezogen. Also weiter mit Löw, dessen Vertrag Grindel und Co fälschlicherweise vor der WM um Jahre verlängert hatten.

Damit das nicht falsch verstanden wird. Löw hat seine Verdienste, keine Frage. Die Heim-WM 2006 zusammen mit Klinsmann, der dritte Platz beim WM-Turnier in Südafrika und schließlich der Gewinn des Titels im Endspiel 2014 gegen Argentinien, das waren Erfolge, seine Erfolge. Ihm wurde zu Recht die hohe Qualität des deutschen Fußballs zugeschrieben, die Nachwuchsarbeit, die unter seiner Führung von den anderen Trainern geleistet wurde, gewürdigt.

Aber das ist die Vergangenheit. Die Gegenwart ist eine andere. Und zu ihr gehört nun mal das Ausscheiden in Russland als Titelverteidiger, es gehört dazu die Art und Weise, wie gespielt wurde. Eben Altherrenfußball, Ballbesitz im Mittelfeld, als wäre das der Sinn, oder wie die SZ das nannte und bei einem Weltklassefußballer wie Toni Kross festmachte: das schweißfreie Fußballspiel. Zur Gegenwart gehört auch der Abstieg bei der Nations-League.

Der Fehlgriff des Bundestrainers

Von Umbruch ist die Rede. Na klar, was denn sonst! Will man etwa weitermachen wie bisher?! Deutschland ist weltweit der größte Verband und der verliert bei einer WM nicht nur gegen Mexiko, sondern auch gegen Südkorea. Es darf gelacht werden. Dass einer wie Khedira von sich aus den Rückzug- er hat das mit vorläufig eingeschränkt- antrat, war nur konsequent. Denn seine Zeit, zumindest international, ist vorbei. Dass Löw vor dem Spiel gegen Holland auf Boateng verzichtet hat, war ebenso richtig. Der Innenverteidiger des FC Bayern hat nun einmal seit längerer Zeit muskuläre Probleme, so nennt man das wohl. Und er spielt ja auch nicht wirklich gut, von seiner einstigen Klasse ist er weit entfernt.

Die Frage ist, warum der Bundestrainer immer noch an Thomas Müller festhält? Der Münchner Stürmer ist seit Monaten außer Form, höflich formuliert. Ich möchte nicht verbal auf das Niveau von Bayern-Präsident Hoeneß sinken, als der seinen Rundumschlag gegen Özil tat. Müller spielt auch beim FC Bayern nicht mehr gut, er schießt keine Tore, irgendwie scheint er  nur noch im Weg zu stehen, mal im Strafraum, mal vor der 16-Meter-Linie. Das ist nicht mehr der Müller, den der Fußballfan bejubelte. Es ist schade um ihn. Er war ein Großer, hat seine Verdienste. Und er ist ein wirklich guter Typ, bodenständig, lustig. Aber dies sind alles keine Kriterien für einen Stammplatz in der Nationalmannschaft.

Gestern gegen Holland wurde er- wie andere auch- eingewechselt. Man fragt sich, warum Löw den Gnabry raus- und den Müller reinnahm? Gnabry sei müde gewesen, was auf dem Platz nicht sichtbar war. Müller lief viel über den Platz und durch den Strafraum. Wußte er überhaupt, wo er war und was er dort sollte? Auch den Timo Werner hat Löw ausgewechselt, ihn durch Reus ersetzt. Der Dortmunder konnte in keiner Szene an seine überragenden Leistungen im Trikot des BVB anknüpfen. Und dann ging noch Sané und es kam Goretzka, der mit einem Fehlpass „glänzte“.  Und damit waren die pfeilschnellen deutschen Angreifer, die die Holländer mehrfach überlaufen und ausgespielt hatten, aus dem Spiel.  Warum nur hat Löw so ausgewechselt? Wollte er Müller zu seinem Jubiläumsspiel verhelfen, dem 100. im Nationaltrikot? Er tat Müller keinen Gefallen damit.

Löw hat gesagt, man werde aus dem 2:2 Lehren ziehen, daraus, dass man einen sicher geglaubten Sieg gegen die Niederlande am Ende noch verspielt hat. Welche? Es macht keinen Sinn, noch länger an den verdienten Weltmeistern von Brasilien festzuhalten. Wenn Löw nicht den Mut hat zum Umbruch, dann sollte es ein anderer tun. Übrigens wäre es auch an der Zeit, über einen Wechsel im Tor der Nationalmannschaft nachzudenken. Der Welttorwart der Vergangenheit, Manuel Neuer(32), ist in die Jahre gekommen. So ist das halt. In Barcelona steht mit Marc-André ter Stegen längst der geeignete Nachfolger bereit. Der 26jährige ehemalige Keeper von Borussia Mönchengladbach ist der Garant für den Siegeszug der Katalanen.

Schade, dass das Prestige-Duell mit den Holländern nicht gewonnen wurde. Es hat auch mit dem Trainer zu tun.

Bildquelle: flickr, Katherine Yin, CC BY-SA 2.0

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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