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Weniger Netto vom mehr Brutto?

Nach wie vor geht es gesamtwirtschaftlich aufwärts: 2018 wird das achte Jahr sein, in dem es ununterbrochen einen Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes gibt. Die Zahl der Erwerbstätigen wird mit gut 45 Millionen eine neue Rekordmarke erreichen; davon sind etwa 33 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Löhne und Gehälter steigen weiter; die tariflichen Vergütungen liegen um etwa 3 % über dem Vorjahresniveau, für gesuchte Fachkräfte gibt es einiges mehr. Die Bruttoeinkommen werden 2018 mehr als 1.400 Mrd. € erreichen.

Weniger Steuerentlastung

Von den Bruttoeinkünften werden Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abkassiert. Über 200 Mrd. € sind an Lohnsteuern zu zahlen; die veranlagte Einkommensteuer spült in diesem Jahr mehr als 60 Mrd. € in die Staatskasse. Spürbare Steuerentlastungen sind trotz Überschüssen im Staatsetat nicht in Sicht. Erst 2021 wird der Solidaritätszuschlag, für den in diesem Jahr mehr als 18 Mrd. € bei den Einnahmen abgezogen werden, gesenkt – allerdings nicht für alle.

Für viele Millionen Arbeiter und Angestellte schlägt die Belastung mit den direkten Steuern schon spürbar zu Buche. Hinzu kommen die indirekten Steuern – von der Mehrwertsteuer bis hin zur Mineralölsteuer. Die Pflichtbeiträge zu den Sozialversicherungen wiegen in den mittleren und unteren Einkommensgruppen vielfach noch schwerer als die Lohn- und Einkommensteuerlast. Insgesamt werden diese Abzüge 2018 bei den Steuern allein auf Einkommen über 330 Mrd. €, bei den Sozialbeiträgen rund 640 Mrd. € betragen. Seit 2011 sind sie Jahr für Jahr um 4 bis 5 % gestiegen. Und so kletterte die gesamtwirtschaftliche Steuerquote seit 2011 von 22,2 % auf fast 24 %, die Sozialbeitragsquote von 11 % auf ca. 17 % des Bruttoinlandsproduktes, das in diesem Jahr den Rekordwert von deutlich über 3.300 Mrd. € erreichen wird.

Steigende Soziallasten

Während Bezieher mittlerer und höherer Einkommen dank der Progression mit steigenden Verdiensten immer kräftiger direkte Steuern in die Staatskasse einzahlen müssen, wiegen die Sozialversicherungslasten vor allem für die anderen Beschäftigten -und hier besonders für Durchschnittsverdiener- immer schwerer. Für die Rentenversicherung liegt der Beitragssatz derzeit bei 18,6 %; ab 2023 wird er wohl steigen. Der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung wird ab 2019 gesenkt – von jetzt 3 auf dann 2,5 %. Doch gleichzeitig wird die Pflegeversicherung teurer: Der Beitrag wird voraussichtlich von 2,55 auf 3,05 %, für kinderlose Beschäftigte von 2,8 auf

3,3 % angehoben werden. Etwas Entlastung wird es 2019 für Arbeiter und Angestellte in der gesetzlichen Krankenversicherung geben; bei der AOK liegt der Beitrag heute bei 15,2 %. Bisher müssen Arbeitnehmer einen Zusatzbeitrag durchschnittlich 1 % zahlen, vom nächsten Jahr wird der Arbeitgeber wieder paritätisch am Beitrag beteiligt, wie dies bei den anderen Sozialversicherungs-abgaben auch gilt.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen zur Zeit in der Regel jeweils rund 20 % vom Bruttolohn oder -gehalt an die Sozialversicherungen zahlen. Bei einer Verkäuferin mit 2.000,- € brutto werden ihr so gleich 400 €, bei einer Pflegerin mit 3.000 € monatlich 600 € vom Einkommen abgezogen. Mit jeder Lohnerhöhung steigen bis zu den Beitragsbemessungsgrenzen die Sozialbeiträge, und die Steuerprogression mindert durchweg das Einkommensplus.

Höhere Beitragsbemessungsgrenzen

Bei Beziehern höherer Einkommen wird es ab 2019 zu noch stärkeren Belastungen kommen. Denn wie schon in der Vergangenheit werden die Beitragsbemessungsgrenzen, bis zu denen Sozialversicherungsbeiträge fällig werden, weiter erhöht. So wird die Obergrenze in der Renten- und Arbeitslosenversicherung in Westdeutschland von derzeit 6.500 auf 6.700 € erhöht – in Ostdeutschland von 5.800 auf 6.150 €. In der Kranken- und Pflegversicherung wird diese Beitragsbemessungsgrenze ab 2019 auf monatlich 4.537,50 € (bisher 4.425,- €) angehoben.

Minus bei Realeinkommen

Vom Bruttoeinkommen, das bei nahezu allen Beschäftigten im laufenden Jahr steigen dürfte, wird nach den Abzügen 2019 netto nicht gleich viel auf dem Lohn- oder Gehaltskonto zu erwarten sein. Hinzu kommt, dass die Preise inzwischen wieder stärker steigen als noch in den Jahren zuvor. Die Inflationsrate beträgt derzeit 2 % und etwas mehr, denn Nahrungsmittel und Energie haben sich kräftig verteuert. Real schneiden also die Lohn- und Gehaltsempfänger schon in 2018 schlechter ab, denn die Kaufkraft ihrer höheren Einkommen aus Beschäftigung wird ihren Wohlstand kaum mehren. Wer schließlich noch einfacher Sparer ist und wie in der Vergangenheit etwa im Durchschnitt rund 10 % seines Einkommens auf die hohe Kante legt, bleibt bei Nullzinsen und Geldentwertung wahrlich der Dumme: Er partizipiert finanziell kaum am wirtschaftlichen Daueraufschwung. In der Netto- und Real-Rechnung werden die meisten Arbeiter und Angestellten auf der Verliererseite stehen. Wohlstand für alle sieht wohl anders aus.

 

 

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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