Georg Stefan Troller

Wenn Troller von Paris erzählt – Zum 99. Geburtstag

Er ist einer der großen alten Männer des Journalismus im deutschen Fernsehen. Dagobert Lindlaud gehört zu ihnen. Gerd Ruge ebenfalls. Georg Stefan Troller, wie sie ein bedeutender Zeitzeuge des zurückliegenden Jahrhunderts, des zweiten Weltkriegs, der Trümmerjahre danach, des Wiederaufbaus im Westen Deutschlands, der Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft, der Aussöhnung, der Verständigung. Jahrgang 1921, wohnhaft in Paris. Ein Zeitgenosse der Greco, Michel Piccolis, Sartres, Godards. Er kommt 1949 zum ersten Mal in die Metropole an der Seine, dieser Spaziergänger, Geschichtenerzähler, unermüdliche Beobachter… voller Erwartungen: „Es war halt zukunftsträchtiger für mich, weil man ja in dem Alter doch nicht weiß , was aus einem wird. Und diese Unsicherheit, dass möglicherweise doch alles drin ist, das ist ja das Aufregendste an der Jugend. Nachher weiß man dann, das und das war drin und das war es dann.“ Wir treffen uns im St. Germain des Pres. Kaum Bäume, enge Torbögen. Einfahrten mit engen und schweren Flügeltüren verschlossen. Holztreppen mit ausgelatschen Stufen. Schmale Bürgersteige. Kopfsteinpflaster. Trollers „PARIS GEHEIM“wie auch eines seiner Bücher heißt:
Das Viertel ist noch immer anziehend, auch geheimnisvoll, mit einer sehr eigenen Atmosphäre. In diese Stadt also kommt der noch junge Troller Ende der 40er Jahre voller Erwartungen…..

„Nun ja, als ich als Student hier war, sah ich mich auch als Autor oder Poet und das Poetenlokal dieses Viertels war dieses jetzt braun gestrichene und übrigens leer stehende, damals „Bart Vert“ genannte, kleine Lokal, Cafe und Bar, in dem unter anderem die Greco verkehrt hat und die Brüder Prevert und so weiter, die hatten die ersten deutschen Platten der Dreigroschenoper im Original und spielten sie auch auf einem alten Grammophon ab. Das war damals sensationell, kannte niemand. . Und da ging ich hin, manchmal zwei- dreimal die Woche am Abend aus meiner Wohnung in der Rue des Ecole und hab` hier geschrieben, weil man nach Wiener Tradition in einem Kaffeehaus schreiben muß.Und nicht am Schreibtisch.“ Er steht, natürlich in seinem Trenchcoat in der Nähe des Cafe Flore. Unverkennbar. Natürlich. Aufmerksam am Beginn eines Spaziergangs, einer Art Spurensuche durch seinen Lieblingsbezirk im Rücken den Boulevard St. Germain, vor uns die schmale Rue St. Benoir: „Le Petit Saint Benoir, ein ganz kleines Esslokal. Mit den frechsten Kellnerinnen von Paris. Einem handgeschriebenen Menue, das man nie lesen kann, und wenn die Kellnerinnen sauer sind, werden immer neue Leute zu ihnen an den Tisch gesetzt.“ Nebenan wohnte Maguerite Duras, von Troller verehrt. Dann stutzt er einen Augenblick, dreht sich um… „Ah ein Saxophonist, ein Jazzspieler“. Als ich zum ersten Mal nach Paris kam , saßen die Jungs hier auf der Straße am Bordstein vor dem Tanzlokal Club Saint Germain des Pres. Und dieses berühmte Foto wie die davor sitzen morgens um vier Uhr oder so, war eigentlich das, was mich nach Paris gebracht hat. Dieses Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und von jugendlichem Übermut, das, naja und Edith Piaf in ihrem schwarzen Kleid auf der Schallplattenhülle, das waren die zwei Dinge, weswegen ich nach Paris kommen wollte.“

Troller ist eine Fernsehlegende, in gewisserweise ein Abenteurer, ein Menschenfischer, ein Geschichtenerzähler.Mehr als 2000 Interviews hat er geführt, mehr als 150 Porträtfilme gedreht. Ein genauer Beobachter, ein konzentrierter Zuhörer, ein guter Erzähler. Geht weiter durch die Rue Jacob am kleinen Restaurant 35 vorüber in die Rue Visconti zur Rue de Seine. Mehr im Herzen des St. Germain kann man nicht sein. In seinem Buch „PARIS GEHEIM“, er hält es in den Händen, heißt es dazu unter anderem: „Die Bücher- und Galerienstraße Rue den Seine enthält unter anderem zwei kleine, unterhaltsame Lokale… auf der Nr. 62 La Palette, ein Bistro für Studenten, Künstler, Kunsthändler und die Kunstwanderer der Straße.“ Es ist ein kleiner Platz mit Tischen draußen. Es wird geredet. Getrunken. Gelacht. Geraucht. Geschrieben. Ruppige, herzliche Kellner bedienen. Das Herz von Paris. Au coer de mon Paris.“ Ein großer Müllwagen kommt um die Ecke, biegt in die Rue de Seine ein. Eine Einbahnstraße hinunter zur Seine. Niemand in der Palette stört sich an dem Lärm. Troller auch nicht. Er ist immer Reporter. Erzähler. Kann gar nicht anders. „Die Palette ist eines der letzten Jungkünstlerlokale in Paris. Eigentlich ein ganz einfaches Cafe, wo man auch ein bisschen was essen kann. Anständige, gemütliche Kellner, keine hohen Preise und die Palette ist so einfach geblieben, eigentlich, wie sie vor 50 Jahren war. Und das ist eine Ausnahme in Paris. Sie hat Widerstandskraft und das bedeutet ja, daß man sich nicht den modernen Trends anschließt… Gucken sie mal den Chef da an … dieses Gesicht, diese Fresse, die Ausdrucksweise. Das ist wirklich noch le populeaux, das Volk von Paris. Auch die Grobheit gehört dazu, die Unrasiertheit, das gehört alles dazu.“ Charlie, der Patron, ist am wenigsten rasiert und am wenigsten freundlich. Er tritt an den Tisch, begrüßt Troller auf deutsch, Troller ist erstaunt. Charlie gibt ihm die Hand.
Beides hat Troller mit dem Mann noch nie erlebt. Die Bestellung nimmt Charlie wieder auf französisch auf. Als wäre nichts passiert Lammkottelets, pommes frites, Rotwein, etwas anderes gibts heute nicht und morgen auch nicht. Bis es wieder Entrecotes mit pommes frites und Rotwein gibt.

Später laufen wir die Rue de Seine hinauf zur Bar du Marche, da wo die Rue Buci die Rue de Seine kreuzt und das kleine Restaurant Le Petit Cinc war. Das ist jetzt ein paar Straßen weiter. Der Markt in der „Buci“ ist noch immer da. Die unhöflichen Kellner in der Bar an der Ecke in ihren Blaumännern und mit ihren Baskenmützen sind es auch und die Geschichten existieren nach wie vor. Troller verabschiedet sich, geht zur nahegelegenen Metrostation, hinaus aus seinem geheimern Paris…..über das er so viele Geschichten nicht erzählt hat.

Bildquelle: Screenshot BR

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Jörg Hafkemeyer

Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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