Werner Müller

Werner Müller- ein Großer verlässt die Bühne

Werner Müller(71) stand lange in der ersten Reihe, hat Großes geleistet, darunter den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Dafür und für sein wirklich ansehnliches Lebenswerk erhielt er vor Wochen von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Verdienstorden des Landes. Zu Recht. Jetzt hat er wegen einer schweren Krankheit alle Ämter niedergelegt, darunter den Vorsitz der RAG-Stiftung und des Evonik-Aufsichtsrats. Aktionärsvertreter Ulrich Hocker rief ihm noch zu: Mit Werner Müller trete „der letzte große Ruhrbaron “ ab. Das mit dem Baron ist genauso ernst gemeint wie das mit dem Orden. Werner Müller, promovierter Sprachwissenschafter, Manager, Berater, Familienvater, Fan von Borussia Dortmund, ein Mann, der gern klassische Musik hört, ist ein feiner Mann mit Ausstrahlung.

Ich lernte ihn auf merkwürdige Weise kennen. Gerhard Schröder, der Kandidat der SPD fürs Kanzleramt und auch Favorit gegen den in die Jahre gekommenen Helmut Kohl, baute im Jahre 1998 seine Mannschaft  zusammen. Wirtschaftsminister sollte ein gewisser Jost Stollmann werden, ein Computerfachmann und Unternehmer. Ein Politik-Neuling, der aber auf dem Weg nach ob ins Stolpern geriet und schließlich verzichtete. Schröder stand  plötzlich ohne Mann fürs wichtige Wirtschaftsministerium da, aber der Niedersachse kannte seit Jahr und Tag einen gewieften Mann mit großer Erfahrung als Manager der Wirtschaft, der ihn auch als One-Dollar-Man beriet: Werner Müller, der aber zu der Zeit noch nichts wusste von seinem Glück. Schröder rief den längst zum Freund gewordenen Müller in seinem Haus in Mülheim an und erreichte diesen im Bademantel. „Du musst um eins in Bonn sein“, sagte der SPD-Politiker zum parteilosen Müller. Und fügte noch hinzu: „Und zieh dir einen Anzug an.“

Müller ahnte wohl zu der Zeit irgendwas und machte sich auf den Weg. Auf der Fahrt nach Bonn hörte er im Radio kurz vor dem Verkehrsfunk die Nachricht bei WDR 2, dass Jost Stollmann verzichtet habe und Werner Müller neuer Wirtschaftsminister werde. Und Müller, ein in sich ruhender Mann, nahm das Gehörte zur Kenntnis, möglicherweise mit einem leichten Lächeln, und natürlich ließ er  den Freund nicht im Regen stehen. Müller:  „Ich konnte nicht zulassen, dass Schröder an einem Tag zwei Wirtschaftsminister verliert.“

Ein gewisser Müller, die zweite Wahl

Auch die Redaktion der WAZ, der ich damals als stellvertretender Chefredakteur und Politik-Chef angehörte, vernahm die Neuigkeiten aus der Bundeshauptstadt. Und wir staunten nicht schlecht, hatten wir doch wie fast alle Journalisten den Stollmann als eine Art Wundermann, mindestens der neue Ludwig Erhard, angesehen oder, wenn Sie wollen, hochgejubelt. Und jetzt plötzlich war der Stollmann weg von der Bühne, ein gewisser Werner Müller wurde genannt. Der Vorgang musste kommentiert werden. Ich erkundigte mich kurz beim Wirtschafts-Chef der WAZ nach Müller, hörte, dass der früher mal die rechte und die linke Hand von VEBA-Chef Bennigsen-Förder gewesen sei. Müller sei ein Energie-Experte, im Ruhrgebiet beheimatet, aber in der Politik galt auch er als Neuling.

Also beschrieb ich im Leitartikel den neuen Mann als „einen gewissen Werner Müller,  die zweite Wahl“ von Schröder für das Amt des Wirtschaftsministers. Zugegeben, keine freundliche Begrüßung des neuen Ministers in seiner Heimatzeitung, der WAZ. Am nächsten Morgen läutete gegen 10 Uhr das Telefon in meinem Büro. Nichts ahnend meldete ich mich mit Namen und hörte dann nur, wie jemand mit klarer, ruhiger Stimme sagte. „Müller.“ Ich wusste ein paar Sekunden damit nichts anzufangen, schließlich gibt es viele Menschen mit dem Namen Müller, und fragte nach: „Ja, und Herr Müller, was kann ich für Sie tun.“ Er brauchte nur ein Sekunde, um den Treffer zu setzen: „Die zweite Wahl.“ Rums. das hatte gesessen, jetzt kapierte ich und stammelte etwas Entschuldigendes ins Telefon. Und ergänzte in der Fußballersprache: „1:1.“ Jetzt lachten wir beide.

Der Wirtschaftsminister Müller hat die WAZ-Redaktion mehrfach besucht, immer am Samstag vormittag ab neun oder zehn Uhr, er hatte dann Zeit bis 12.30 Uhr. Dann stand zu Hause in Mülheim das Mittagessen auf dem Tisch, die Suppe durfte nicht kalt werden.  Übrigens, er fuhr sein Auto selbst. Selten ist mir Wirtschafts- und Strukturpolitik so erklärt worden wie von ihm. Er erklärte uns später auch die Pläne zum Atomausstieg. Und wenn man ihn fragte, wie dies und jenes zu bewerkstelligen sei, antwortete er in seiner ruhigen Art: „Dafür müssen wir Mehrheiten gewinnen.“ Klar, der Mann war zwar neu auf dem Stuhl eines Ministers, er war aber kein Träumer, sondern ein Realist, der zwei und zwei zusammenzählte. Müller war kein politischer Raufbold, sondern pflegte einen angenehmen Umgangston. Er diskutierte und argumentierte gern, er wusste ja auch, worüber er redete.

Bei Pils und Bratkartoffeln

Hin und wieder trafen wir uns in seiner Mülheimer Stammkneipe, den Namen habe ich leider vergessen, aber nicht das Gericht, das man dort mit Genuss verzehrte: Bratkartoffeln mit Spiegelei. Und selbstverständlich trank man dazu Pils. So war der Werner Müller, den die SZ mal als Strippen-Mann bezeichnet hat, was er auch war. Heute würde man davon sprechen, dass er gut vernetzt war. Er kannte halt die wichtigen und entscheidenden Leute. Und zum Thema Mehrheiten, die der Parteilose oft erzielte, bemerkte er in seiner trockenen Art: „Man muss schauen, dass man mehr Freunde hat als Feinde.“ Neben einem gepflegten Pils genoss er  am Abend einen guten Rotwein, nicht zu vergessen die Zigarillos, die er rauchte.

Jetzt also geht der Mann, die graue Eminenz der Wirtschaft an der Ruhr, in den Ruhestand. Ja, etwas knorrig wirkte er auch zuweilen, dann auch durchaus heiter. Er kann auf sein Lebenswerk blicken, mit Genugtuung und Freude. Es war der damalige RAG-Chef Werner Müller, der die „zukunftsträchtigen Chemie-Geschäfte des Konzerns“ vor rund zehn Jahren als eigenständige Firma unter dem Kunstnamen „Evonik“ an die Börse brachte, so das Urteil der SZ. Großaktionärin war die RAG-Stiftung, auch sein Werk, um mit deren Gewinnen die so genannten Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus zu finanzieren. Das Wasser muss abgepumpt werden, sonst würde ein Großteil des Ruhrgebiets buchstäblich absaufen.

Pionier und Gestalter des Reviers

Es passt ins Bild des zurückgetretenen Werner Müller, dass in diesem Jahr die letzte Zeche hier schließt. Dass der Staat nicht die Zeche zahlen muss und keinem Bergmann betriebsbedingt gekündigt wurde, Werner Müller darf es mit auf sein Konto nehmen, auf dem bereits die Lobeshymne von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zu Ehren von Werner Müller steht: „Ein echtes Jahrhundertwerk“ habe Müller mit dem Strukturwandel im Revier geschaffen. „Dafür sind wir ihm alle zu großem Dank verpflichtet.“ Müller sei ein „Pionier und Gestalter für die Zukunft des Ruhrgebiets und ein leuchtendes Vorbild für die soziale Marktwirtschaft.“ Der Architekt der Neuausrichtung des Ruhrgebiets, seine Verdienste seien einzigartig, würdigte sein Amtsnachfolger an der Spitze von RAG-Stiftung und Evonik-Aufsichtsrat, Bernd Tönjes. Viel Lob für Werner Müller, von dem der Satz stammt, wie ihn Evonik-Vorstandschef Christian Kullmann, ein Schüler Müllers. zitierte: „Das Leben ist Dienst.“ Müller hat ihn fürs Ruhrgebiet geleistet. Glück auf, sagt man im Revier, wenn man sich verabschiedet.

Bildquelle: Wikipedia, By Holger Noß, CC BY-SA 2.5

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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