Narwik

Wir sind eine europäische Familie – Reportage aus Norwegen

Thiago steht hinter dem flachen Empfangstresen in dem großen, grauen und weiträumigen Mehrzweckbau im Zentrum von Narvik an diesem für den Norden Norwegens mit 18 Grad Celsius geradezu sommerlichen Julitag. Der 17jährige ist ein schlanker  großer Jugendlichen mit dunklen Haaren, dunklen, wachen Augen, schnellen Bewegungen und mit einem ausdruckssicheren Englisch. Er macht ein Praktikum in der örtlichen Stadtbibliothek, die englisch wie norwegisch sortiert ist, hilft den nationalen wie internationalen Gästen mit Hinweisen weiter. Der Mehrzweckbau ist eine Art Kulturzentrum mit dem über die Grenzen der Stadt bekannten Museum, welches den Kampf um Narvik, die vor allem in Nordnorwegen schreckliche deutsche Besetzung und das Kriegsende eindrucksvoll und erschütternd dokumentiert. Angeschlossen ist ihr eine kleine Buchhandlung, in der vor allem Bücher über jene Zeit verkauft werden, ebenfalls zweisprachig. Thiagos Mutter, eine temperamentvolle  Mitvierzigerin, ist die Chefin der Rezeption. Geboren in der nordportugiesischen Stadt Porto, verheiratet mit einem in Narvik und Umgebung sehr bekannten Konzertgitarristen. „Wir sind eine sehr europäische Familie und haben vierzehn Jahre in London gelebt, ehe wir nach Narvik, die Heimatstadt meines Mannes, zurückgegangen sind,“ erzählt sie lächelnd.

Thiago kennt Porto nicht. Noch in diesem Sommer will seine Mutter ihm ihre Heimatstadt zeigen. „Ich bin sehr gespannt,“ freut sich der junge Mann, der Narvik ziemlich langweilig findet, vor allem für junge Menschen. Tatsächlich gibt die 18 000 Einwohner umfassende Stadt nicht viel her. Einen direkten Anschluß an das norwegische Eisenbahnnetz gibt es nicht. Die Bahn führt über Schweden. Die Landschaft um den Ofofjord ist schön, vor allem in den hellen tagen des recht kurzen Sommers. Die Winter sind grau, naß und recht kalt. Außer dem zunehmend intensiveren Tourismus im Norden Norwegens gibt es in dem Hafen noch die Fischerei- und eine kleine Werftindustrie, die Umschlagkais für Eisenerz, die Schiffe von Hurtigruten und der Kreuzfahrtreedereien. Thiago zuckt die Schultern und meint: „Ich liebe Eishockey, da ist hier nichts los. Ich will nach Oslo, dort studieren und später in Großbritannien.“
Und so gut die Stadtbiliothek sortiert ist von alten europäischen Schriften bis hin zur norwegischen Gegenwartsliteratur, von Autoren wie Edward Hoem oder Karl Ove Knausgard, in der ganzen Stadt ist nicht eine internationale Zeitung zu erhalten. Dafür sind die großen nationalen Blätter in diesem Sommer voll mit Berichten über die Krise der Arbeiterpartei. Das sind die norwegischen Sozialdemokraten unter der Führung des langjährigen Außenministers Jonas Gahr Store.
63 Prozent lesen eine Zeitung
Der 58jährige in Oslo geborene überzeugte Europäer hat zwei veritable Probleme: Die Zustimmungsraten sinken: Bei der letzten Wahl lag seine Partei noch bei 27%, jetzt sind es nur noch gut 22% und  ihm laufen verstärkt die Mitglieder davon. Gahr Store, ein Freund des früheren Außenministers und jetzigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, kämpft in diesem Sommer um sein politisches Überleben. Dabei ist das Land der mehr als 150 000 Inseln und mit mehr als 25 000 km Küstenlinie in einem recht guten Zustand: Der Pensionsfonds ist außerordentlich gut gefüllt und stabil. Die Fischbestände haben sich nach Jahrzehnten der Überfischung bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts wieder erholt, der Öl-, Gas-, Metall- und Fischexport ist profitabel, die Arbeitslosenquote niedrig, ebenfalls die der Inflation. Und die in der Barentssee entdeckten Gas- und Erdölvorkommen versprechen eine stabile ökonomische Zukunft.
Von allem profitiert die Arbeiterpartei nicht. Wohl aber die Konservativen, die mit der rechten Fortschrittspartei die Regierung unter der sehr beliebten Ministerpräsidentin Erna Sjllberg bilden. Gegen die kommt der knapp 60järige Gahr Store nicht an. Immer stärker wird die innerparteiliche Kritik an ihm, werden die Forderungen vieler jüngerer Parteimitglieder nach seinem Rücktritt stärker, wahrnehmbarer. Er war Staatssekretär im ersten Kabinett von Jens Stoltenberg, dem derzeitigen NATO-Generalsekretär, Außenminister in dessem zweiten Kabinett und eigentlich wollte er irgendwann einmal Ministerpräsident in Oslo werden. Danach sieht es aber zur Mitte dieses Jahres gar nicht aus. Zumal auch die Kritik in der Presse an ihm zunimmt, was nicht ganz unwichtig in Norwegen ist, in dem 63% der Bevölkerung täglich wenigstens eine Zeitung lesen.
England und Deutschland Bezugsländer
Thiago informiert sich im Internet. seine Freunde lesen keine Zeitung, sehen kaum fern, sind dennoh informiert. „Ich interessiere mich für Geschichte,“ sagt er, „aber ich lebe jetzt und will etwas erreichen. Ich habe nicht den Eindruck, daß mir die Politik da helfen kann. Ich will reisen, im Ausland studieren und freue mich jetzt erst einmal auf Portugal, das Geburtstland meiner Mutter,“ meint er lächelnd. Maria, seine Mutter, freut das. Sie hat sein Interesse an Europa geweckt und das ist in Norwegen weit verbreitet, wobei Großbritannien und Deutschland für viele die beiden europäischen Bezugsländer sind, nicht etwa die Europäische Union. Bei zwei Volksabstimmungen 1972 und 1994 haben die Norweger deutlich gegen einen EU-Beitritt des Landes abgestimmt.
Der frühere Außenminister Gahr Store war Mitte der 90ger Jahre für einen Beitritt: „Ich befürworte die norwegische Mitgliedschaft immer noch, aber ich bin ein realistischer Politiker, der weiß, daß Norwegen zweimal im Referendum Nein gesagt hat und man kann diese Frage, die eine sehr wichtige für das Land ist, nicht alle paar Jahre stellen. Aber es gibt einen breiten Konsens, daß wir eng mit Europa zusammenarbeiten,“ sagte er mir in einem längeren Gespräch viele Jahre nach der letzten Abstimmung. Viele Meinungsumfragen zeigen, die Norweger wollen ihr noch gar nicht so altes politisches System und ihre Eigenständigkeit erhalten. Das Gründungsmitglied der NATO 1949 gibt es erst seit 1905. Mit einer spannenden Geschichte vor und nach diesem Jahr.
Bildquelle: By Helleborus [Public domain], from Wikimedia Commons
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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


'Wir sind eine europäische Familie – Reportage aus Norwegen' hat einen Kommentar

  1. 27. Juli 2018 @ 09:35 Wiebke Hartmann

    Wie kommt der Autor darauf, dss Deutschland und Großbritannien die wichtigsten Bezugspunkte für die Norweger sind? Das stimmte für die Zeit vor der Besatzung. Und heute für die radikale Rechte, leider. Zwar fährt die Elite shopping in England oder studiert dort, und Musiker machen Ausbildungen nach wie vor in Deutschland, aber mehr auch nicht. Deutsch wird kaum noch an den Schulen gelehrt. Ich habe als Deutsche mit norw. Großmtter und Ehemann jahrelang im Land gelebt und kann die Meinung des Autors nicht teilen. Politisch gesehen ist Norwegen ein treuer Vasall der USA.

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