Buchtitel "Kanzlerdämmerung"

Das Alter allein lässt Politiker nicht alt aussehen

Angela Merkel contra Martin Schulz, beide über 60. Die Kanzlerin ist seit 2005 im Amt und kandidiert noch einmal. Ihr Herausforderer von der SPD, Martin Schulz, ist aber auch kein Jungspund. Für den Historiker und Journalisten Martin Rupps ist das ein, fast könnte man meinen, Markenzeichen deutscher Politiker, dass sie erst in einem relativ hohen Alter oben ankommen. Sein Buch „Kanzler-Dämmerung, Wer zu spät kommt, darf regieren“ befasst sich mit dieser Problematik. Es ist flott geschrieben, es liest sich gut, nicht alle Thesen muss man unterschreiben. Denn die Sache mit dem Alter ist nicht so einfach. Mancher Zeitgenosse ist schon in jungen Jahren alt und manche Alte bleiben bis ins hohe Alter jung- im Kopf und auch in der Erscheinung und im Auftritt.

Dass Konrad Adenauer erst in einem Alter-73- Kanzler wird, wo andere längst Rentner sind, auch alt und müde, hängt mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen, mit dem Ende der Nazi-Zeit. Zwar gab es keine Stunde Null 1945, aber politisch musste neu angefangen werden. Die CDU wurde erst nach dem Krieg gegründet. Das Land war zerstört, die Alliierten hatten zunächst das Sagen in der Bundesrepublik. Dazu kam, dass viele Jüngere im Krieg ums Leben gekommen waren oder in der Gefangenschaft landeten oder im Falle des Überlebens über keine weiße Weste verfügten, sie alte Nazis waren und damit für eine Kanzlerschaft oder ein Amt als Ministerpräsident nicht infrage kamen. Konrad Adenauer war vor dem Krieg OB von Köln, verfügte also über Erfahrungen, eine Großstadt zu regieren, er war kein Nazi, sondern von denen aus dem Amt gejagt worden. Hinzu kam, dass der Alte, wie man ihn respektvoll nannte, über eine beneidenswerte Gesundheit verfügte.

Mit Humor und Raffinesse

Mit Adenauer gewinnt die Union auch die Wahlen in den 50er Jahren. Da ist er schon über 80 und immer noch ziemlich fit. Mit rheinischem Humor und seiner Raffinesse trickst er manche Gegner aus, auch die in den eigenen Reihen. Und die SPD-Opposition hat ihm in dieser Zeit nichts entgegenzusetzen. Die West-Bindung der Republik, die Zurückholung der letzten Kriegsgefangenen, der wirtschaftliche Aufschwung dank der sozialen Marktwirtschaft, die Strahlkraft seines Wirtschaftsministers Prof. Ludwig Erhard, Adenauer steht im Zenit seiner Kanzlerschaft. Natürlich hätte er die Nachfolge einleiten können, oder müssen, aber wer kann das schon. Der Alte bleibt, auch weil das System ihn lässt. Denn eine zeitliche Begrenzung, wie von Rupps gefordert, gibt es nicht. Das Ende ist für ihn dann nicht schön, er wird rausgedrängt, die FDP, der kleine Koalitionspartner setzt ihm eine Frist, dann muss er seinen Platz räumen.

Auf ihn folgt Erhard, die Lokomotive, wie man ihn im Wahlkampf rühmte. Auch er war an Jahren-geboren 1897- alt, als er Kanzler wurde. Und seine Zeit war knapp bemessen, weil die wirtschaftliche Entwicklung ins Stocken geriet, das Zechensterben an der Ruhr begann, Erhard legte sich mit Demonstranten an. Im Hintergrund lauerte Adenauer, der Erhards Kanzlerschaft immer verhindern wollte. Das Ende kam schnell, das alte Erhard-Motto“Wohlstand für alle“ konnte ihn nicht mehr retten, zumal die für die Union wichtige Landtagswahl in NRW verlorengibt.

Jung in der Bonner Republik

Wer war schon jung in der Bonner Politik, wenn er an der Spitze stand? Willy Brandt brauchte drei Anläufe, ehe es ihm gelang, mit Walter Scheel zusammen die sozialliberale Koalition zu schmieden mit Brandt als Kanzler und Scheel als Außenminister. Vielleicht kam der SPD-Politiker, den viele bewunderten und vieles erreichte, ein paar Jahre zu spät ins Amt, vielleicht wäre ein früherer Kanzler Brandt dann noch erfolgreicher gewesen und nicht über die Lohnforderungen des ÖTV-Chefs Heinz Kluncker-Genosse wie er- gestürzt. Aber hätte ein jüngerer Brandt den Kniefall in Warschau zu Wege gebracht, hätte ein jüngerer Kanzler gleich welcher Partei die Ostpolitik durchgesetzt? Die Aussöhnung mit Polen, die Verträge mit der Sowjetunion.

Kanzlerdämmerung. Auch Helmut Schmidt musste Jahre warten, ehe ihm die Kanzlerschaft angetragen wurde, 1974 nach dem Rücktritt von Brandt. Aber war er zu alt, als er Kanzler wurde, als er im deutschen Herbst das Land regierte? Kaum. Sein Nachfolger im Amt, Helmut Kohl, schaffte es, 16 Jahre Kanzler zu bleiben. Ihm zumindest ist anzulasten, dass er nicht loslassen konnte und Wolfgang Schäuble im Grunde den Weg ins Kanzleramt verbaute. Kohl wurde abgewählt.

Der Mann stand voll im Saft

Als Gerhard Schröder Kanzler wurde, war er 54 Jahre alt. Der Mann stand voll im Saft zu der Zeit und strahlte einen Machtanspruch aus, wie man das selten erlebt hatte. Mit Joschka Fischer machte er Rot-Grün gesellschaftsfähig, zum Regierungsmodell, das heute überlebt scheint, weil es keine Mehrheit mehr bekommt. Wenn, dann müsste man schon einen weiteren Partner hinzuziehen.

Angela Merkel befinde sich im Stadium der Kanzlerdämmerung, schreibt Rupps. „Doch wird auch sie den Zeitpunkt für einen guten. Abgang verpassen“. Das könnte so sein, wenn sie es im Laufe der nächsten Legislaturperiode nicht hinkriegt, den Stab an einen jüngeren Nachfolger weiterzugeben. Aber an wen? Wo sind die Jungen, die nach vorn drängen? Die Frage kann man getrost und verstärkt an die SPD weitergeben. Schulz ist älter als Gabriel und hat diesen abgelöst als Parteichef und Kanzlerkandidat. Wenn Schulz am 24. September die Wahl verliert, worauf vieles hindeutet, wird er als Chef der SPD überleben? Wenn nicht, wer macht es dann? Andrea Nahles, Heiko Maas oder doch einer der Älteren, Olaf Scholz, Hamburgs Bürgermeister? Manuel Schweig ist noch zu nennen von den Jüngeren, sie ist gerade vor kurzem Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern geworden. Und sonst? Ist da jemand, wie es besungen wird?

Seehofer hofiert Guttenberg

Oder in der CDU und CSU. Nicht umsonst hofiert Horst Seehofer den Baron aus Franken, Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Personalnot muss groß sein in der Union. Seehofer will Markus Söder verhindern, auch nicht mehr ganz jung. In der CDU wäre da noch die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Tochter des früheren Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht. Wenn sie Kanzlerkandidatin der Union würde, hätte sie das erreicht, was die CSU vor Jahrzehnten ihrem inzwischen toten Fahrer verwehrte. Dann wäre da noch die Oppositionschefin von Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, wenn sie es denn eines Tages schaffen sollte, Malu Dreyer den Stuhl der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz abzujagen. Beim letzten Mal hat es nicht geklappt. Und wer wäre da noch?

Dem nächsten Bundestag werden noch mehr Parteien angehören als jetzt. Neben der CDU, der CSU, der SPD, der FDP, den Grünen, der Linken wird es die AfD geben, eine rechtspopulistische Kraft, von der nicht sicher ist, wie weit sie es schaffen wird. Aber überschaubar ist es immer das, was sich da im Berliner Reichtstag präsentiert. Und auch wenn die These von Rupps stimmt, dass es ein strukturelles Problem der Bonner und der Berliner Republik ist, das Zuspätkommen ihrer Politiker in Spitzenämter, die Republik ist mit ihrem Spitzenpersonal egal auf welcher Ebene nicht schlecht gefahren. Das gilt für die Kanzler wie die Bundespräsidenten und die meisten Minister und Ministerpräsidenten. Dass sich die Parteien Gedanken machen müssten über ihre künftigen politischen Köpfe, ist eigentliche eine Selbstverständlichkeit. Und dass es Korrekturen geben könnte, zum Beispiel eine auf zwei Perioden begrenzte Amtszeit eines Bundeskanzlers, wäre auch nicht verkehrt und könnte manchen Mehltau verhindern. Aber dass die Regierbarkeit der Republik ein Problem werden könnte, weil nur noch Dreierkoalitionen eine regierungsfähige Mehrheit zustande bringen, diese Gefahr sehe ich nicht. Wenngleich eine Verjüngung des Personals beiden Volksparteien-sind sie es noch?- gut zu Gesicht stehen würde. Ein Wort zu den Grünen und der FDP: Die Grünen, vor Jahren noch die Partei der Moderne, sieht ziemlich alt aus, auch wenn ihre Protagonisten es an Jahren nicht nicht sind. Und die FDP besteht im Grunde nur aus Christian Lindner, einem zugegeben jüngeren Politiker, der aber noch beweisen muss, dass er nicht nur das Reden und die Selbstdarstellung beherrscht, sondern auch Regieren und Übernehmen von Verantwortung kann.

Quelle: Martin Rupps: Kanzler-Dämmerung. oral fasslich Verlag. Zürich. 2017. 224 Seiten. 19.95 Euro.

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 434 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Das Alter allein lässt Politiker nicht alt aussehen' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht