Karrikatur: Verhältnis Arbeiter-Unternehmer

Die gravierende Kränkung für Hartz-Vier-Empfänger: Das so genannte „Schonvermögen“ sollte nach Oben korrigiert werden.

Eine wesentliche Aufgabe für Rot-Rot-Grün, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Jeder vernunftbegabte Mensch hat das Bedürfnis, vor-zu-sorgen, selbstständig zu sein, gut zu planen, sich etwas aufzubauen, selbstbewusst, möglichst nicht abhängig zu sein.

Das etwas modisch klingende Wort heißt „selbstwirksam“ sein. Es bedeutet: Ich als Individuum handle so verantwortlich, so gut wie ich es kann, und das erfüllt mich auch mit Selbstachtung, ich habe etwas geschaffen, ich kann mein Da-sein gestalten, ich fühle mich wohl, weil ich etwas zuwege bringe, für mich und meine Familie, und: ich liege keinem auf der Tasche. Ich habe selbstverantwortlich vorgesorgt und gespart, für später. Dies ist eine anthropologische Konstante, die wir doch alle von uns selbst kennen, eine durch und durch respektable Haltung.

All diese Aspekte werden einem 50-Jährigen, der plötzlich sich als Langzeitarbeitsloser wiederfindet, zynisch um die Ohren gehauen. Selbst schuld, er ist nicht mehr gefragt, er kann sehen, wo er bleibt.

Und zu all dem Unglück, zu all der Beschämung kam dann diese supercoole Agenda-Regelung, sein Erspartes gefälligst bis auf einen Minimalbetrag aufzubrauchen, bevor er sich als staatlich alimentierter Almosen-Empfänger wiederfindet! Und zwar unfreiwillig, der wunderbare Markt des Turbokapitalismus braucht ihn einfach nicht mehr. Welch eine Demütigung für jeden Menschen, der sich als Mängelexemplar selber nur noch abwerten muss, umgeben von jeder Menge Geringschätzigkeit, weil er oder sie es eben nicht geschafft haben. Ein nicht durchschaubares Schicksal eigendynamischer ökonomischer „Sachzwänge“. Nichts als ein loser.

Wer hat sich diese schmähliche Nummer ausgedacht? Es dürften hochdotierte Staatsbedienstete gewesen sein – „Besserverdienende“, die mit einer eiskalten Schwarzen Pädagogik quasi volkserzieherisch einwirken wollten.
Also, ich wundere mich kaum, wenn Langzeitarbeitslose mit dieser quälenden Aussichtslosigkeit die zynisch vereinfachende Scharfmacher-Partei AfD für eine passende Gruppierung gegen ihre fast immer unverschuldete soziale Abwärtsspirale halten, wenn von Links insgesamt und von den Grünen so wenig handfeste Perspektiven kommen, auf die sich nichtprivilegierte BürgerInnen wahrhaftig verlassen dürfen.

Bildquelle: Wikipedia, User sidonius, Karrikatur aus dem Jahr 1896, gemeinfrei

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


'Die gravierende Kränkung für Hartz-Vier-Empfänger: Das so genannte „Schonvermögen“ sollte nach Oben korrigiert werden.' hat 2 Kommentare

  1. 27. Februar 2017 @ 12:18 ClaudiaBerlin

    Noch viel schlimmer als im Hartz4-Bezug ist es bei der Grundsicherung:

    „Bei alleinstehenden Grundsicherungsempfängern be­trägt das sogenannte Schonvermögen 2 600 Euro“
    https://www.deutsche-rentenversicherung.de/cae/servlet/contentblob/232620/publicationFile/54129/grundsicherung_hilfe_fuer_rentner.pdf

    Antworten

    • 6. März 2017 @ 14:34 Marianne Bäumler

      Ja, Sie haben Recht, deshalb wäre es gut, Sie würden das Martin Schulz und den Linken auch mitteilen, und: um eine konkrete Stellungnahme bitten!
      So long, Marianne Bäumler

      Antworten


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