Die Lehren der Geschichte nicht vergessen

Minsk. Pater Fjodor ist ein wacher und nachdenklicher Mann. „Jedes Unrecht“, sagt er in Minsk, „spiegelt sich im Gesicht des Weltalls.“ Der orthodoxe Geistliche spannt mit seinen Worten bewusst den Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Ihn beunruhigt die Krise in der benachbarten Ukraine, und die Haltung der EU dazu stimmt ihn traurig. „Ganz in der Nähe zeigt der Faschismus sein Gesicht“, empört sich der Pater, „und Europa schweigt.“

Anlass für das Gespräch mit Journalisten ist die Grundsteinlegung für die in Weißrussland geplante Gedenkstätte für Opfer des Nationalsozialismus. Pater Fjodor hat sich sehr für das Vorhaben engagiert. Es entspricht seiner Überzeugung, dass die Lehren der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten dürfen, und es ist ihm auch ein sehr persönliches Anliegen. Zwei seiner Tanten und ein Onkel sind in Trostenez von den Deutschen ermordet worden – nur drei Tage vor der Befreiung der Stadt von den Nazis.

Auf seinem Netbook hat der Pater alte Fotos von seinen Angehörigen. Er betrachtet sie, während er über seine Erinnerung aus der Kindheit spricht, die Besuche bei der Großmutter, die Erzählungen aus der Kriegszeit. „Im Angesicht der Gefahr hat der Krieg die Konfessionen geeinigt“, sagt er und führt als Beleg die christlich-orthodoxe Oma an. Sie habe fünf jüdische Familien vor den Nazis versteckt, sprich: ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um Andersgläubige zu retten.

Fjodors Familie nimmt, durch die eigene Betroffenheit geprägt, bis heute großen Anteil an dem unsäglichen Leid, das die Deutschen über Weißrussland brachten, als sie Menschen ins Ghetto pferchten, Dörfer niederbrannten, die Bewohner quälten, mordeten und zu Zwangsarbeit versklavten. Zugleich ist er selbst aktiver Versöhner. „Deutschland ist Teil meiner Seele“, sagt der Mann, der acht Jahre in Leipzig gelebt hat – „vier Jahre im geteilten Deutschland, vier Jahre im geeinten.“

Das Gespräch über die Vergangenheit wühlt den sonst so besonnenen Pater derart auf, dass ihn die aktuellen Ereignisse in der Ukraine geradezu verzweifelt ausrufen lassen: „Da herrscht mehr Nazismus als bei Hitler.“ Er spricht von den grausamen Geschichten über Hass und Gewalt, die er aus der orthodoxen Kirche in der Ukraine erfährt, von einem Bus aus Weißrussland, der Hilfsgüter in die Nachbarrepublik bringen sollte: „Nur fünf Kilometer hinter der Grenze wurde der Autobus gestoppt und mit der kompletten Ladung verbrannt.“

Verständnislos hinterfragt der Geistliche die aus seiner Sicht einseitige und manipulative Berichterstattung im Westen. „Warum werden die Demonstranten auf dem Majdan (in der ukrainischen Hauptstadt Kiew) als Patrioten bezeichnet und die im Donezk (in der Ostukraine) als Terroristen abgestempelt?“

Für Belarus geht nach Ansicht von Pater Fjodor von der Ukraine keine Gefahr aus, ein Übergreifen des Konflikts erwartet er nicht. „Das Land ist erschöpft von Revolutionen“, sagt er und ergänzt, die weißrussische Mentalität sei anders, „die Weißrussen sind ein ruhigeres Volk; die Menschen hier werden siebenmal nachdenken, bevor sie etwas unternehmen.“

In den Worten des Paters schwingt auch Anerkennung für den autoritär regierenden Staatschef Alexander Lukaschenko mit. Minsk sei über die Jahrzehnte eine „provinzielle Stadt“ gewesen, „heute hat sie großes Potenzial“. Mit Sanktionen gegen sein Land „diskreditiert sich Europa selbst“, findet er und empfiehlt, statt zu strafen zu „verhandeln und voneinander zu lernen“.

Die Absage der Bundestagsabgeordneten René Röspel und Oliver Kaczmarek (beide SPD), wie geplant an der Grundsteinlegung für die Gedenkstätte Trostenez teilzunehmen, kommentiert der orthodoxe Geistliche harsch: „Sie verleumden das Erbe der europäischen Kultur und das Andenken der Menschen, die hier gestorben sind.“ Orte wie Trostenez müssten „über der Politik stehen“. Er vermutet, die Abgeordneten hätten Angst gehabt, weil Lukaschenko sich zur Teilnahme an der Gedenkfeier entschlossen habe. Und noch einmal blitzt in den Worten des Paters beinahe Bewunderung auf: „Der Präsident hatte keine.“

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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