Afghanistan - sicheres Herkunftsland?
Afghanistan - sicheres Herkunftsland?

Herzlos, unchristlich, verlogen – ein kleiner Film entlarvt die Bundesregierung

Es war nur ein ganz kurzer Film, etwa dreieinhalb Minuten lang, der am Montag, den 9. Januar 2017 in den ARD-„Tagesthemen“ ausgestrahlt wurde. Aber diese dreieinhalb Minuten reichten, um die Flüchtlings- und Abschiebepolitik der schwarz-roten Bundesregierung und der beteiligten Länder geradezu brutal deutlich zu entlarven: als herzlos, unchristlich, unsozial und verlogen. Christ- und Sozialdemokraten haben allen Grund, sich für das Gezeigte zu schämen. Das hatte nichts mehr mit deren Firmen-Namen zu tun, war weder christlich, noch sozial.

Es schien ja schon ein Stück aus dem Tollhaus, als Innenminister Thomas de Maiziere vor einiger Zeit behauptete, Afghanistan sei wieder so sicher, dass man dorthin Flüchtlinge aus dem Land zurückschicken könne. Derselbe Thomas de Maiziere, der sich persönlich bei seinen Afghanistan-Besuchen sicherheitshalber eine schuss- und splitterfeste Weste anzog.

Sehr sachlich und deshalb besonders eindrücklich und geradezu erschütternd schilderte der kurze Tagesthemen-Film das Schicksal des jungen Afghanen Kasim. Sechs Jahre hatte er im bayerischen Augsburg gelebt, hatte fleißig Deutsch gelernt, um sich integrieren zu können, hatte als Wachmann gearbeitet und damit sein eigenes Geld verdient, wollte sich eine Existenz in Sicherheit aufbauen. Jetzt aber gehörte dieser Flüchtling zu den ersten Afghanen, die aus Deutschland abgeschoben wurden in das Land, das schon längst nicht mehr ihre Heimat ist. In sein Dorf, aus dem er stammt, kann Kasim nicht zurück. Dort haben die Taliban nach schweren Kämpfen wieder die Kontrolle. Seinen Vater haben sie ermordet. Die Mutter ist irgendwo in Pakistan. Jetzt vegetiert Kasim in der nordafghanischen Stadt Masar e Sharif. Wie unsicher es auch dort ist, belegt der Anschlag auf das deutsche Konsulat vor wenigen Monaten, bei dem sechs Menschen starben.

Kasim, das Abschiebe-Opfer deutscher Herzlosigkeit, hat keine Verwandten, muss oft auf der Straße schlafen, hat keine Arbeit, allenfalls mal einen Gelegenheitsjob der ihm pro Tag umgerechnet einen Euro bringt.

Wenn man diesen Film gesehen hat, ist man nur noch fassungslos und wütend. Anders als mit der panischen Angst von Union und SPD vor der ausländerfeindlichen AfD kann man es nicht erklären, dass ein „Bilderbuch-Flüchtling“ wie dieser integrationswillige und fleißige Kasim von den Regierenden in Deutschland in seine alte Heimat abgeschoben wurde; eine Heimat, die keinesfalls sicher ist, die vielleicht sogar immer unsicherer wird.

Die AfD braucht gar keine neuen Wahlerfolge, sie regiert augenscheinlich schon mit. Was für eine ekelerregende Koalition.

Bildquelle: Wikipedia, Al Jazeera English, CC BY-SA 2.0

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Christoph Lütgert

Christoph Lütgert war Rundfunk-Korrespondent beim NDR, hat für Panorama gearbeitet und war später Chefreporter Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. Lütgert wurde wegen seiner sozialkritischen Reportagen mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.


'Herzlos, unchristlich, verlogen – ein kleiner Film entlarvt die Bundesregierung' hat einen Kommentar

  1. 22. Februar 2017 @ 12:38 Rainer Ostendorf

    „Als Beruf ist Politik für Herzlose und Unverantwortliche, Religion für Arme im Geiste und Heuchler wie geschaffen.“ Arthur Schnitzler

    Schöne Grüsse aus der Ausstellung „Politik und Religion“

    Antworten


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