Jakob Wassermann

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius (Oktober 2016)

Ein großer Roman, der eine Zweitlektüre verdient, ebenso wie einen analytischen Blick auf seine markanten literarischen Merkmale, der hier versucht werden soll. [1] Bei meinem Versuch, dem Werk gerecht zu werden, will ich mich nicht auf den gesamten Inhalt beziehen, sondern nur auf einige Aspekte, die in meinen Augen charakteristisch und aussagekräftig für das Ganze sind.

1. Generationenkonflikt

Der Roman spielt im Wilhelminischen Zeitalter des letzten Jahrhunderts. Es geht um einen gerichtlichen Fall, der über 19 Jahre zurückliegt. Oberstaatsanwalt Wolf Freiherr von Andergast vertrat damals die Anklage und hat eine lebenslängliche Verurteilung des Dr. Leonhart Maurizius wegen Mordes an seiner Frau Elli bewirkt. Zwar hat der Angeklagte niemals ein Geständnis abgelegt, doch der Ankläger griff auf die Aussagen und den Eid des Kronzeugen Gregor Waremme zurück, woraufhin die Schuld vermeintlich hinreichend bezeugt worden war.

Dadurch, dass der Vater des Häftlings Maurizius auftaucht, um ein Gnadengesuch für den Sohn beim Oberstaatsanwalt einzureichen, kommt der Fall wieder ins Rollen: der 16jährige Sohn Etzel von Andergast macht ihn sich durch seine Nachforschungen zu eigen und deckt schließlich die Unschuld des Leonhart Maurizius auf.

Vater-Sohn-Verhältnis erschüttert

Das Vater-Sohn-Verhältnis in der Familie Andergast ist damit bis ins Mark erschüttert. Jedoch war dieses auch schon vorher disharmonisch: ein unterirdischer Antagonismus kennzeichnet die Beziehung nicht erst durch diesen Fall. Wassermann macht an den beiden Antipoden einen zeittypischen Generationenkonflikt fest, bei dem es auch und vor allem um unterschiedliche Werte und Normen geht: Während der strenge und gefühlskalte Vater ganz den traditionellen wilhelminischen Werten anhängt – Pflichterfüllung und bedingungsloser Gehorsam stehen bei ihm obenan, und der Jurist in ihm hält Recht und Gesetz als ewige Form und Idee hoch; an diesem Ordnungssystem hegt Sohn Etzel stumme Zweifel. Er verkörpert die neue, anders geprägte Generation. Zwei Welten stoßen aufeinander: dem Despotismus und Glaube an die Hierarchie steht gefrorene Skepsis, Widerspruch und Auflehnung gegen Ungerechtigkeit gegenüber. Noch ist Etzel kein Rebell, zu stark ist er durch die Erziehung, das lautlose Überwachungs- und Unterdrückungssystem des Vaters geprägt: hin- und hergerissen zwischen Loyalität und unterdrücktem Aufbegehren, Ehrfurcht und Einsamkeit. Bezeichnenderweise nennt Etzel seinen Vater Trimegistos (laut griechischer Mythologie also den Dreimal Größten: als Priester, Philosoph und König), womit dessen Übermacht und angsteinflößende Autorität zum Ausdruck kommen soll.

Einen gewissen Halt findet der Junge, der erzwungenermaßen ohne Mutter aufwächst (Andergast hatte nach einem ehelichen Fehltritt seiner Frau Sophia diese nicht nur in eine Art Verbannung ins Ausland geschickt, sondern jeglichen Kontakt von Mutter und Sohn strikt untersagt), in der Generalin genannten Großmutter, deren Einstellungen konträr zu denen Andergasts stehen und weit eher affin mit Etzels Charakter sind. So spricht sie sich gegen die Tugenden Fleiß und Strebsamkeit zugunsten von Genialität aus, die sie in ihrem Enkel angelegt sieht und bestärken möchte. Sie ist es auch, die Etzels erwachte Neugier auf den Fall Maurizius mit ersten Informationen befriedigt und ihn sozusagen auf die Spur bringt.

Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit

Mit sublimierter Schlauheit und detektivischer Beobachtungsgabe macht er sich auf die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Er trifft sich heimlich mit dem alten Maurizius und bekommt nicht nur dessen Version des Falls geschildert, sondern anhand der gesammelten Unterlagen auch Hinweise auf die Unschuld seines Sohnes Leonhart, der aufgrund eines Meineides von Waremme verurteilt worden war. Und auf die unrühmliche Rolle von Etzels Vaters als öffentlicher Ankläger in diesem Prozess, dem in der Presse der Beiname blutiger Andergast angeheftet worden war.

Etzel muss diesen Waremme unbedingt ausfindig machen. Dafür schmiedet er einen listigen Plan, in den er noch nicht einmal die Generalin einweiht; von ihr erschleicht er sich ohne Nennung von Gründen und Verwendungszweck 300 Mark, um eine Fahrt nach Berlin zu finanzieren; und er schreibt dem Vater einen theatralisch anmutenden Abschiedsbrief; bis der gefunden ist, ist Etzel, der sich bei Nacht und Nebel aus dem Vaterhaus geschlichen hat, bereits über alle Berge.

Die heimliche Flucht und der Brief des Sohnes erschüttern und verunsichern Andergast; er stellt die Haushälterin zur Rede, die in seinen Augen versagt habe, indem sie Etzels Entkommen nicht hatte unterbinden können: Ihm war, als kehre das System seinen Stachel gegen ihn selber, als säßen seine Spione ihm selbst auf den Fersen, als würden seine Kreaturen zu Verrätern. Ärgerliches Intermezzo das Ganze, so hatte es zunächst ausgesehen: Ein junger Mann mit einer überspannten Idee im Hirn entwischt aus den väterlichen Haus, man fängt ihn wieder ein und stellt ihn für eine Weile kalt, was sonst? Indessen, es war anders, es war, vielleicht, ein wenig anders. Aber wie? wodurch? Was war denn das ‚andere‘, Vertrackte, Verquere, Verstimmende?

Es stimmt immer alles

Andergast sucht Dr. Camille Raff, den Lehrer und Förderer Etzels, auf, um Hinweise auf dessen möglichen Aufenthaltsort zu erlangen. Mit Standes-Hochmut und Geringschätzung für Raff, in dem er bloß einen kleinen Schullehrer sieht, geht Andergast in dieses Gespräch. Doch er bekommt eine umfassende Charakterstudie geliefert, so wie der Reformpädagoge seinen Schüler sieht: Er spricht von der wasserklaren Durchsichtigkeit von Etzels Natur. Es ist nicht eine Durchsichtigkeit im gewöhnlichen Sinn, nicht, was man gemeinhin Offenheit nennt. Offen, nein, offen ist Etzel keineswegs, zwar nicht verschlossen, eher umkapselt, mit vielen Hüllen versehen. Was Camille Raff mit der Durchsichtigkeit meint, betrifft das innere Material, das Einleuchtende der Gesamtwirkung, eine eigene Art seelischer Ordnung. Es stimmt immer alles. Man hat im Umgang mit ihm immer das angenehme Gefühl: stimmt. Nur so kann es sein, so macht man, so sagt man das und das, so verhält man sich gegen einen Freundschaftsdienst, gegen eine Beleidigung, so in der Verlegenheit, im Zorn, so und nur so, weil man eben so und nur so ist, weil man die Gabe hat, zu sein, was man ist, und nicht zu scheinen braucht, was man sein möchte: ein Vorzug, der so selten ist, daß nur wenige Menschen seine Seltenheit begreifen, obwohl die meisten unaufhörlich davon reden.

Es gehört allerdings dazu eine ganz bestimmte Sorte Mut. Aber Mut ist ja in solchen Fällen nur eine Tempofrage. Manches im Leben ist nur Ergebnis des Tempos, was wir als Frucht sittlicher Anlage betrachten. Der Lehrer spricht hier auf die Reaktionsschnelligkeit und Treffsicherheit beim Erkennen einer sozialen Situation an und verdeutlicht diese Eigenschaften am Beispiel eines schulischen Konflikts, bei dem sich Etzels Besonnenheit und sittliche Reife gezeigt hätten. Und er fängt an zu schwärmen: Ein so zartes Gefühl für das Maß ist absolut ergreifend. Ich wenigstens kenne nichts, was mich stärker packt. Ich meine das Maß dafür, was der andere Mensch tragen kann und was erlaubt ist, ihm aufzubürden … Daraufhin Andergast: ‚Sie haben den Jungen wirklich in dem Effekt studiert‘, schaltet Herr von Andergast trocken ein. ‚Gewiß, Herr Baron, ich hielt es für eine meiner Aufgaben.‘- ‚Gleichwohl scheinen Sie mir bestrebt, eine Tugendglorie um sein Haupt zu weben. Sie verzeihen, wenn ich das ein wenig übertrieben finde. Der Junge hat seine guten Eigenschaften, er ist in mancher Hinsicht nicht ohne Tüchtigkeit, von nicht ganz schlechter Zucht überdies, ziemlich vif, bisweilen ziemlich dreist und, verhehlen wir es uns nicht, wo er seine Zwecke durchsetzen will, mit einer reichlichen Portion Verschlagenheit ausgestattet.‘ Dem kann Raff nicht beistimmen, er habe niemals Verschlagenheit an Etzel wahrgenommen, etwas anderes wohl, einen auffallenden Scharfsinn oder Spürsinn, das wohl, eine Art Indianerinstinkt, wenn es gilt, verborgene Dinge oder Umstände ans Licht zu bringen.

Eine reine Machtdemonstration

Widerspruch und Gegenrede des Pädagogen und sein durch und durch positives Bild von Etzel sind für den Despoten Andergast anscheinend zuviel; er leitet nach dem Gespräch ein Disziplinarverfahren wegen angeblicher dienstlicher Verfehlungen gegen Raff ein und bewirkt dessen sofortige Versetzung. Eine reine Machtdemonstration.

Spannt man einen weiten Bogen vom Beginn zum Ende des Romans unter dem Fokus des Vater-Sohn-Verhältnisses, so zeigen sich beide Figuren gründlich gewandelt: Etzel, der Heimkehrer von seiner Berliner Mission, hat die Wahrheit über den Fall Maurizius herausgefunden, indem er einem weiteren Großen, nämlich Gregor Waremme alias Professor Georg Warschauer, mit List und in unendlicher Mühe und Kleinarbeit das Geständnis über dessen Meineid abgerungen hat; all das hat ihn deutlich reifen lassen und ihn so stark gemacht, dass er die Konfrontation mit dem Vater nicht mehr scheut, sondern geradezu sucht. Andergast, der aufgrund der Recherchen seines Sohnes sich selbst erneut in die Akten vertieft und in langen Gesprächen mit dem Häftling Maurizius schließlich den wahren Tathergang in Erfahrung gebracht hat (nicht Leonhart Maurizius hat auf seine Frau Elli geschossen, sondern es war ihre Schwester Anna), womit sich auch sein eigenes Fehlurteil offenbart, ist am Ende, in jeder Hinsicht: als Person gebrochen, seine Autorität unterminiert, seine Gesundheit ruiniert, und den Sohn hat er ein für allemal verloren. Zwar bemüht er sich im letzten Gespräch mit Etzel noch einmal um Dominanz, indem er die Beweise des Sohnes kleinredet, für verjährt, damit für wertlos erklärt und dessen Gerechtigkeitspathos ins Lächerliche zieht (Laiengerede eines Kindskopfs), doch das ist nur noch das Gehabe einer gebrochenen Autorität, die innerlich ausgelöscht ist.

Dieses Gespräch ist von hoher Dramatik; es sei ausführlich zitiert:

Andergast zu Etzel: ‚Laß ab von der Vorstellung, daß Gerechtigkeit und Justiz ein und dasselbe sind oder zu sein haben. Sie können es nicht sein. Es liegt außerhalb menschlicher und irdischer Möglichkeit. Sie verhalten sich zueinander wie die Symbole des Glaubens zur religiösen Übung. Du kannst mit dem Symbol nicht leben. …‘

Ein Vortrag. Lehrvortrag. Als die Stimme schweigt, wird es erschreckend still im Raum. Etzel blickt eine Weile mit zusammengepreßten Lippen vor sich nieder; auf einmal schreit er schrill: ‚Nein!‘ Die Augen funkeln böse. ‚Nein!‘ schreit er abermals. ‚Damit kann ich und will ich nicht leben.‘ Sein ganzer Intellekt fängt Feuer. Die Respektsschranke bricht zusammen. ‚Das erkenne ich nicht an‘, stammelt er in seiner Erbitterung, die sich wie Betrunkenheit äußert, ‚Symbol … Übung … Was denn … Faule Ausreden …‘ Ein abermaliges donnerndes ‚Benimm dich!‘ findet ihn taub. Nein, er anerkennt es nicht. Der Mensch besitzt ein Urrecht, in seiner Brust, ein mit ihm geborenes. Teil hat jeder an der Gerechtigkeit, wie er teilhat an der Luft. Raubt man ihm die, muß die Seele ersticken. ‚Ich erkenn’s nicht an, das andere, ich will’s nicht, ich glaub’s nicht. Schlauheit der Kaste. Komplott. Angst der Priester vor dem Zinsgroschen. Religiöse Übung? Wieso? Was hat das mit Religion zu tun, daß man den Unschuldigen verderben läßt, weil’s die Übung ist und das Symbol nur so drüber hängt wie der Helm über einem grinsenden Schutzmannsgesicht …‘ Er nimmt es nicht an. Davon sagt er sich los. Lieber nicht leben. Lieber die Welt in Fetzen als in solcher Gemeinheit. ‚Nein … nein… nein….‘

Allerhöchste Erregung

Als letzten Trumpf spielt Andergast das Argument aus, dass der Häftling schließlich die Begnadigung angenommen habe, und zwar ohne Vorbehalt. Das versetzt Etzel in allerhöchste Erregung; er weiß seine Empörung und Enttäuschung kaum noch in Worte zu fassen. ‚Angenommen? Die Begnadigung angenommen?‘ flüstert er scheu. – ‚Ohne Vorbehalt, wie ich sagte.‘ – ‚Und lebt weiter? Läßt die Ungerechtigkeit auf sich sitzen? Schweigt? Lebt weiter?‘ – Herr von Andergast zuckt die Achseln. ‚Der Mensch, wie du siehst, kann alles.‘ – Ein wildes Lächeln bewegt Etzels Lippen. ‚Das seh ich, daß der Mensch alles kann‘, entgegnet er mit frechem Doppelsinn, ‚der eine kann die Wahrheit verschwinden machen, der andere kann dran verrecken.‘ ‚Junge!‘ brüllt Herr von Andergast. – ‚So weit habt ihr ihn also gebracht‘, fährt Etzel in maßloser Verzweiflung fort … ‚Das habt ihr erreicht mit den Paragraphen, mit den Klauseln, mit der Vorsicht und der Rücksicht … Dazu soll man noch das Maul halten … Wenn er weiterlebt, verdient er nichts Besseres … Vielleicht hat er sich auch schön bedankt, der Maurizius, für den Fußtritt, mit dem ihr ihm aus dem Zuchthaus hinausbefördert habt. Vergelt’s Gott für die neunzehn Jahre Zuchthaus, was? … Weißt du denn nicht, wer geschossen hat, damals? Natürlich weißt du’s. Deswegen wahrscheinlich die Begnadigung … Ich glaub, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, alles … Gnade … Wo ist der Richter, daß man ihm ins Gesicht spuckt … Wie soll ich mich denn je wieder unter Menschen blicken lassen … Das ist der Bub vom Andergast, werden sie sagen. Der Alte hat dem Maurizius zur Begnadigung verholfen, der Junge kuscht dazu, die stecken alle zwei unter einer Decke … Fein. Gediegen. Schöne Welt. Großartige Welt. Wenn man doch auf der Stelle krepieren könnte …‘

Für Etzel, den jugendlichen Schwärmer oder Romantiker, wie ihn Waremme tituliert hat, geht es bei der Frage der Gerechtigkeit anscheinend um Leben und Tod. Er ist erschüttert über die Verlogenheit eines Systems, in dem sein Vater eine entscheidende Rolle gespielt hat, über die scheinheilige Moral einer Kasteoder der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt, die mit seinen Wertvorstellungen nicht vereinbar ist. Rückhalt hat er für seinen Kampf der Kulturen und Generationen nicht nur bei der Großmutter gefunden, viel mehr noch bei dem Philanthropen Melchior

Ghisels[2], dessen Bücher er als sein gelehriger Schüler verschlungen hat, und bei seinem Lehrer Dr. Camille Raff.

Der Fall Maurizius, inklusive der Konflikt mit dem Sohn, hat Andergasts Weltbild, sein Gedankengebäude erschüttert oder gar eingerissen. Es war nicht nur Etzel, der sich gegen den Vater aufgelehnt hat. Auch seine geschiedene Gattin Sophia hat mit ihm abgerechnet. Bei einem Besuch auf Einladung der Generalin klagt sie Andergast an, ihr den Sohn geraubt und ihren Liebhaber zu einem Meineid und in den Suizid getrieben zu haben; die Ehe habe sie als Kerker empfunden, den Ehebruch als Fluchtversuch. Das stolze und  selbstbewusste Auftreten Sophias (ihr Lächeln hatte eine stille Gewalt) und ihre strikte Forderung, den Sohn endlich freizugeben, hinterlässt Spuren bei Andergast. Auch wenn er die Beherrschung im Gespräch nicht verliert, so bewirken diese Erfahrungen doch peu à peu seinen Sturz. Es hat den Anschein, als würde sich in seiner Person der Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung und ihrer Werte im niedergehenden Wilhelminischen Zeitalter versinnbildlichen.

Aspekt Generationenkonflikt

Ganz anders als zum Vater gestaltet sich das Verhältnis des jungen Andergast zu Gregor Waremme (auch ein Vertreter der älteren Generation), das hier unter dem Aspekt Generationenkonflikt beleuchtet werden soll. Dieser Waremme, der im Prozess im Fall Maurizius als Kronzeuge aufgetreten war, ist eine schillernde Figur: Wassermann gelingt es, das Diabolische seines Charakters auch dadurch zu veranschaulichen, dass er ihn von den verschiedensten Personen kennzeichnen lässt, angefangen mit dem alten Maurizius: der sieht in Waremme einen genialen Wissenschaftler mit politischen Ambitionen.

Der Insasse Leonhart Maurizius spricht von Herrschsucht, rasender Eitelkeit, unbändigem Trieb nach Selbststeigerung und Selbstgenuß, wenn er Waremme im Gespräch mit Andergast schildert, dem gegenüber er stets ein tiefes Unterlegenheitsgefühl hegt hatte; außerdem war er der Konkurrent um die Gunst der Anna Jahn.

Aus dem intensiven Aktenstudium über den Fall stößt der Oberstaatsanwalt auf diese Beschreibungen Waremmes: Eine Zeitlang sprach die ganze Stadt nur von ihm, besonders am Anfang, im Winter 1904 auf 1005; da war es wirklich, als ob der Hecht in den Karpfenteich gefahren wäre und das Wasser zu Schaum schlüge. Spieler, Salonlöwe, Weiberheld, nun, das kennt man, der Typus ist nicht aufregend; zugleich aber Philologe, Philosoph, Dichter, Politiker, und in welchem Format! Kein hergeschneiter Dilettant, kein Gedächtnisakrobat, sondern ein produktiver Geist, etwas wie ein Teufelskerl, ein Universalgenie.

Schließlich hatte Andergast Waremme im Prozess auch persönlich kennengelernt, und er erinnert sich an dessen Auftreten als Zeuge: Das Zwingende liegt weder an der Stimme noch an der Wahl der Worte, sondern an der Genauigkeit des Ausdrucks, der Überlegenheit der Haltung. Das Auditorium hat das Gefühl: Der versteht’s, wie wenn es bisher nur Stümper an der Arbeit gesehen und nun einen Meister vor sich hätte. … Waremme ist so sachlich, so kühl, so nüchtern wie Wasser. Während seiner Vernehmung kann Herr von Andergast nicht umhin, sich zu sagen: Gott sei Dank, daß er nicht auf der Anklagebank sitzt. Dem wären wir nicht gewachsen. … Auf die Frage des Vorsitzenden, was seine Meinung über das Verhalten des Angeklagten vor der Verhaftung sei, erwidert Waremme, er glaube, der Billigung des Gerichtshofs sicher zu sein, wenn er antworte, eine Meinung zu äußern stehe ihm nicht zu, er habe ausschließlich die Pflicht, Wahrnehmungen mitzuteilen und Tatsachen zu bezeugen. Man nimmt es hin, sonderbarerweise fügt man sich geradezu, obwohl es wie eine Zurechtweisung klingt. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Geschworene, alle sind ihm gleichsam subordiniert, er selbst wird durch die bloße Gegenwart richterliche Instanz, und so gewinnt seine Aussage das Gewicht eines Urteils.

Stilles Anerkennungsverhältnis

Das mag hinreichen, um sich ein Bild von der Figur Waremme zu machen. Man könnte annehmen, dass der junge Etzel, nachdem er den Professor in Berlin aufgespürt hatte, ihm mit Ehrfurcht, einem enormen Respekt, ja mit einem Unterlegenheitsgefühl und Angst vor so viel Größe, Autorität und Genialität begegnet. Doch das ist nicht der Fall. Es mangelt nicht an Respekt, aber von Beginn an bahnt sich hier ein Verhältnis zwischen zwei so Ungleichen an, das man eher ein stilles Anerkennungsverhältnis nennen möchte als von einem autoritären, hierarchischen Gefälle zu sprechen.

Wassermann konstruiert diese sich anbahnende Beziehung nahezu zwingend, angefangen mit einer nicht nur oberflächlichen Gemeinsamkeit: Beide begegnen sich unter falschem Namen. Etzel nennt sich Edgar Mohl, um den Vaternamen zu verbergen, der Waremme nur zu bekannt sein dürfte; und Waremme heißt eigentlich Georg Warschauer, ist Jude und hat zum Schutz seiner Person (aufgrund einer bewegten Vergangenheit, die ihn vom Gipfel der Anerkennung in tiefe Bedeutungslosigkeit fallen ließ) den anderen Namen angenommen. Beide führen eine Art Doppelleben, und es ist Warschauer, der sich in einem der vielen, mehr und mehr vertraulich gewordenen Gespräche Etzel gegenüber in seiner wahren Identität zu erkennen gibt. Etzel hingegen hält sich bis zum Schluss bedeckt, wohl ahnend, dass sein Gegenüber ihn längst durchschaut hat, ohne ihn jemals zu stellen.

Für Etzel ist Waremme die Schlüsselfigur seiner Nachforschungen, er ist beseelt und getrieben von seiner Mission, die Wahrheit über den Fall Mauriziusherauszufinden; dafür muss er hinter die Geheimnisse stoßen, die diesen Mann in seiner Doppelexistenz umwittern. In dem Maße, wie ihm die Person Warschauers immer rätselhafter wurde, immer unaufschließbarer, wuchs auch die Beunruhigung an dem Mann, er konnte nicht ablassen, ihn zu beobachten, zu studieren, zu belauschen, und er verspürte das brennende Verlangen, in sein unbekanntes Leben einzudringen, dort, wo Georg Warschauer aufhörte und Gregor Waremme begann. Denn von Waremme wußte er so gut wie nichts. Waremme stand hinter einem Nebel. Waremme war der Meister, der sich verbarg. Warschauer nur der unbedeutende Gehilfe, der die Befehle empfing. Zwei Gestalten, scharf abgetrennt voneinander, viel schärfer als etwa E. Andergast und E. Mohl. Von denen war wieder Mohl der Wichtigere, obschon er der Spätere war. E. Andergast hätte niemals Warschauer begegnen können, das war E. Mohls Aufgabe gewesen, und Mohl hatte nun auch dafür zu sorgen, Waremme stellig zu machen; armer Mohl, ironisierte sich Etzel, du allein gegen alle zwei, Warschauer und Waremme.

In den langen Gesprächen, die auch etliche gelehrte Monologe Waremmes etwa über das Judentum und die verfehlte, nie stattgefundene Emanzipation enthalten, bringt Etzel sein Gegenüber schließlich so weit, dass Waremme über sein Leben und das komplizierte Verhältnis zu Anna Jahn, der Schwester der getöteten Elli Maurizius, spricht. Zwar wird ihm der Junge mehr und mehr lästig, er hatte mit der Vergangenheit längst abgeschlossen; dass Etzel ihm über den Weg gelaufen sei, komme ihm wie ein Attentat vor. Doch im tiefsten Inneren erkennt er die ungewöhnlichen Fähigkeiten und das Beharrungsvermögen des Jungen an, auch wenn er ihn vom Irrweg der Suche nach Gerechtigkeit mit diesem Lehrvortrag überzeugen will:

Wie ein Fläschchen Öl auf den Niagarafall

Alle Gerechtigkeitssucher kommen in die verkehrte Richtung, was für einen Weg sie auch einschlagen, es ist immer der verkehrte. Ich habe den Verdacht, daß es eine selbstsüchtige Erhitzung des Gehirns ist, zerebrale Kraftmeierei. Michael Kohlhaas ist die hassenswerteste Figur auf Erden, kein Mensch außerhalb Deutschlands kapiert solchen preußischen Gedankengang. Das Weib vor Salomo, das das strittige Kind entzweigeschnitten haben will, ist nur die letzte Konsequenz davon. Gerechtigkeit heißt, das Kind entzweischneiden. Entrüsten Sie sich nicht, Mohl, es ist, wie ich sage, Ihre humanen Deliberationen bedeuten nicht mal so viel, wie ein Fläschchen Öl auf den Niagarafall geschüttet. Salomo war ein weiser Mann, er hat alle Gerechtigkeitsapostel ad absurdum geführt, alle Pazifisten lächerlich gemacht. Gab es jemals, seit die Welt steht, einen gerechten Anlaß zu einem Krieg? Hat je ein General seine Schlachten aus Gerechtigkeitsliebe geschlagen? Oder wurde irgendeiner von den berühmten Länderdieben und Menschenschlächtern zur Rechenschaft gezogen, außer wenn ihm sein Vorhaben mißlungen war? Ich rate Ihnen, mal über die Verwandtschaft, beinah hätt ich gesagt Blutsverwandtschaft, der Begriffe Recht und Rache nachzudenken. Wann und wo in der Geschichte wurden Reiche gegründet, Religionen gestiftet, Städte gebaut, Zivilisationen verbreitet mit Hilfe der Gerechtigkeit? Wissen Sie einen Fall? Ich weiß keinen. Wo ist das Sühneforum für die verbrecherische Ausrottung von zehn Millionen Indianern? Oder für die Opiumvergiftung von hundert Millionen Chinesen? Oder für die Versklavung von dreihundert Millionen Hindus? …

Und Waremme zählt weitere Verbrechen an der Menschheit auf, die sich im Lauf der Geschichte in der Welt zugetragen haben. Die Philippika liest sich wie aus einem Stück von Bertold Brecht zitiert. Waremme als politisch denkender und durchblickender Zeitgenosse führt den jungen Etzel hier regelrecht vor – aber doch anders als der alte Andergast, für den Recht und Gesetz von höchstem normativem Rang, ewige Form und Idee, abstrakte Norm und Dogma sind, denen gegenüber die Gerechtigkeitsfrage nur Symbol, Beiwerk, also zu vernachlässigen war. Waremme, der nicht normativ und legitimatorisch wie Andergast, sondern historisch real argumentiert,  wenn er auf die Illusion der Gerechtigkeit verweist, um die es niemals in der menschlichen Geschichte wirklich gegangen sei. Beide teilen sie die Einsicht, dass Gerechtigkeit eine moralische und Recht eine normative Kategorie darstellt. Und diese Trennung will der junge Andergast nicht akzeptieren. Etzel bzw. Mohl reagiert auf Waremmes Unterweisung, wohl auch in Erinnerung an seines Vaters Belehrungen, gekränkt und verbittert: an Herz und Seele krank vor zorniger Verachtung und rasender Enttäuschung, besinnungslos mitten in eiskalter Besinnung, insistiert er auf seiner Frage nach der schuldigen Person: Hat sie (Anna Jahn) geschossen? Und mit einer letzten List presst Etzel Waremme doch noch das Geständnis ab; Waremme hatte keine Kraft mehr zu leugnen.

Scharfsinn, Intelligenz, soziale Fähigkeiten

Wenn der alte Andergast den Professor für in jeder Hinsicht überlegen ansieht, einen, dem niemand das Wasser reichen kann, so ist zu ermessen, was der junge hier vollbracht hat. Nur Etzel hat es geschafft, sich Waremme zu nähern, eine Art Vertrauensverhältnis aufzubauen, seine Motive zu erforschen, ihn zum Sprechen zu bringen, ja ihn zu überlisten. Sein detektivischer Spürsinn, sein Scharfsinn, seine Intelligenz und seine sozialen Fähigkeiten haben ihm dazu verholfen, dieses Mysterium von einem Mann zu entzaubern und die Geheimnisse seiner Vergangenheit zu durchdringen, um den Fall Maurizius restlos aufzuklären.

Doch es war mehr als nur ein Sieg über einen Giganten; es war auch ein mitunter schmerzhafter Lernprozess auf beiden Seiten: Waremme musste lernen, einem Vertreter der jüngeren Generation Anerkennung und Respekt zu zollen; und Etzel konnte von dessen Gelehrtheit und Lebenserfahrung profitieren, was seinen Horizont erweitern half; in der Auseinandersetzung mit Waremme hat er gelernt, sich übermächtig erscheinenden Autoritäten nicht mehr einfach zu beugen, sondern sie zu hinterfragen und gegebenenfalls zu unterminieren.

Es gibt im Roman noch ein drittes Beispiel für einen Generationenkonflikt bzw. ein Vater-Sohn-Verhältnis, nämlich das der beiden Maurizius‘. Aus den Gesprächen Etzels mit dem Alten erfährt man einiges aus dem Leben Leonharts vor der Haft: durch die Ehe mit Elli Jahn, die ihm den Sohn geraubt habe, sei das Vater-Sohn-Verhältnis zerrüttet, vom Vater aus aber ungebrochen von Bestand. All die Jahre, die der Sohn im Zuchthaus verbracht hat, habe der Vater seine Ersparnisse gesammelt, damit sie dem Sohn einmal zugutekommen; er habe um die Aufdeckung der Wahrheit gekämpft, Recherchen angestellt, Zeitungsartikel gesammelt, was ihn in die Lage versetzt habe, den Tathergang präzise zu rekonstruieren. Nur fehlten ihm die Mittel und Möglichkeiten, diese Beweise auch rechtskräftig vorzubringen. Das einzige, was er bereits zum zweitenmal in die Wege geleitet habe, sei ein Gnadengesuch beim damals die Anklage vertreten habenden Oberstaatsanwalt einzureichen, worüber noch nicht entschieden sei; wohl wissend, dass dies einem Schuldeingeständnis gleichkomme, aber es brächte den Sohn endlich in Freiheit. Dass Etzel sich nun des Falles annehmen will, erscheint dem Alten wie ein Wunder: er sieht in dem Jungen einen göttlichen Sendboten.

Traurigkeit und Erbärmlichkeit

Am Ende des Romans – Leonhart hat das Gnadengesuch angenommen, s.o. – kommt es zur ersten Begegnung nach der Haftentlassung. Der Sohn betritt das Haus des Vaters; seine Gefühlslage wird wie folgt beschrieben: Bangigkeit und Furcht machen das Erklimmen der Treppe zur schweren Arbeit. Das Wort Vater ist etwas Verklungenes. Überbleibsel aus der Vorwelt. Er empfindet weder Freude noch Erwartung, nur die Furcht davor, daß er Gefühle zeigen soll, die er nicht hat. … Vater und Sohn stehen voreinander. Der Alte starrt, erstarrt. Sein Gesicht wird zinnoberrot, die Gestalt schwankt nach vorne, die Arme langen nach dem Türpfosten. … Zwei Sätze der Begrüßung seitens des Alten. Das übrige erstickt in einem Schluchzen. Es klingt wie heiserer, angestrengter Husten, er bedeckt auch das Gesicht nicht dabei, aus den astigmatischen Augen sickert das Wasser. Leonhart Maurizius bleibt seltsam kühl. Seine Züge bewahren den strengen, beinahe finsteren Ausdruck. Warum bin ich nicht gerührt? denkt er, während er den Alten am Arm ins Zimmer geleitet. Er sieht sich um. Die Traurigkeit und Erbärmlichkeit der Behausung jagen ihm unbestimmten Schrecken ein. Er hat noch nicht über seine künftigen Lebensbedingungen nachgedacht. … Lange betrachtet ihn der Alte in verlorener Anbetung.

Das zerstörte Leben des Leonhart, seine psychische Auslöschung, lassen sich auch durch die fürsorglichen Anstrengungen des Vaters nicht mehr heilen. Voller Stolz überreicht der Alte dem Sohn ein Vermögen, eine hohe Summe Geldes, die er sich vom Mund abgespart hat – ohne einen Dank zu erhalten, auch dazu ist der Sohn nicht mehr fähig. Selbst an eine komplette Neueinkleidung hat der Alte gedacht – auch die wird nur hingenommen. In dieser Gabe liegt wohl der letzte Sinn seines Lebens; er stirbt im Sessel, auch an der letzten Enttäuschung.

Ein mehrfach gebrochenes Vater-Sohn-Verhältnis, tragisch, entfremdet, asymmetrisch, jedoch in der Verkehrung, dass der Vater nahezu devot dem Sohn alles zugetragen hat, was ihm möglich war, und der Sohn ihn mit gefrorener Seele abblitzen lässt, weil in ihm jegliches Gefühl ausgelöscht ist.

Drei sehr verschiedene Fälle, in denen es um Angehörige der älteren und der jüngeren Generation geht: vom zuletzt geschilderten unterscheidet sich der Vater-Sohn-Konflikt bei den Andergasts ums Ganze. Zwar steht am Ende auch hier die Zerrüttung. Doch die asymmetrische Herrschaftsbeziehung aufgrund traditionell autoritären Rollenverständnisses, die dem Vater die Gefolgschaft des Sohnes garantieren sollte, wird durch das autonome Handeln des Sohnes unterminiert und nicht nur infrage gestellt, sondern sogar aufgekündigt. Bei dem Verhältnis Etzels zu Waremme verhält es sich wiederum different: Zwar war der Ruhm des Professors längst erloschen, als der Junge ihm begegnet, doch er hatte es immer noch mit einem Giganten des Geistes zu tun. Es bedurfte der Aufbietung aller Fähigkeiten und Tugenden des Jüngeren, damit der ungleiche Kampf zugunsten Davids ausgehen konnte.

2. Leonhart Maurizius als Kronzeuge des Justizsystems

Der Roman sollte schon deswegen zur Pflichtlektüre jedes (angehenden) Juristen gehören, weil er die erschütternden Erfahrungen eines zu lebenslänglicher Haft Verurteilten dokumentiert, etwa bei der Frage des Fehlurteils; oder welche Mechanismen der Macht in den unteren Chargen eines Zuchthauses greifen, Demütigungen, die zur Zerstörung einer Person führen können; oder was mit einer Person geschieht, die diesem System vollständig ausgeliefert ist. Die Aussagen des Leonhart Maurizius stehen nicht nur für die Wilhelminische Ära, die benannten Strukturen und ihre Wirkungen auf das Subjekt sind wohl von überzeitlicher Gültigkeit.

Die Gespräche zwischen dem Herrn Oberstaatsanwalt und Maurizius weisen eine innere Dynamik auf, dergestalt, dass der Insasse diese anfänglich voller Aversion, Misstrauen und Widerwillen eingeht, während Andergast zunächst aus kühler Distanz argumentiert, unterschwellig aber auch mit einer Spur von Schuldgefühl; im Laufe der Sitzungen, die über Stunden und Tage gehen, erfolgt eine Art Annäherung, jedenfalls ein Wandel im Binnenverhältnis der ungleichen Gesprächspartner. Maurizius kommt aus der Deckung heraus und öffnet sich, Andergast zeigt mehr und mehr Verständnis und Verstehen bis hin zum Erstaunen über die Gedächtnis- und Verstandesschärfe Leonharts.

Am Anfang steht die Frage nach dem fehlenden Geständnis im Raum, an dessen Stelle das Schweigen des Insassen zu verzeichnen war; dann geht es um die Entblößung des Sträflings im doppelten Sinn und das Ausmaß an Erniedrigung durch die Wächter und Wärter. ‚Geschwiegen‘, spricht er vor sich hin und ballt die Fäuste an den schlaff hängenden Armen, ‚was bleibt einem schließlich übrig als zu schweigen. Das ganze Verfahren hat ja keine andere Absicht, als die Menschenwürde zu zertreten. Man kann sich nur durch Schweigen helfen. Der Trotz verhärtet einen, erstickt einen, am Trotz verstummt man, das einzige, womit man noch ein trauriges bißchen Menschenstolz retten kann, ist der Trotz.‘… Herr von Andergast wirft ein, abermals sehr ruhig, er habe noch keinen gesehen, der sich auf die Dauer in seine Trotzigkeit verbeiße, wenn es um den Kopf gehe, um Leben und Seligkeit; das sei eben der Sinn des von Maurizius so verächtlich kritisierten Verfahrens, daß es den Beschuldigten von seiner Eitelkeit entblöße, damit er gleichsam nackt dastehe, nackt vor der Tat, nackt vor dem Richter. Maurizius lacht hämisch durch die Nase. ‚Wundervoll‘, ruft er heiser, ‚wundervoll getüftelt! Nackt vor dem Justizwachmann, nackt vor dem Polizeikommissar, nackt vor dem Schließer im Untersuchungsgefängnis, nackt vor jedem Schreiber. Aber das ist es gar nicht, das Nacktsein, weit gefehlt, das ist es gar nicht.‘ Er stellt sich in den Winkel der Mauer und agiert mit fahrigen Gesten. … Ein Öffnen und Wiederverkrampfen der Hände ballt gleichsam zusammen, was er, vom Moment der Verhaftung bis zu dem der Verurteilung, an unvergeßlicher Erniedrigung aushalten mußte. Der rohe Kasernenton untergeordneter Organe oder, schlimmer noch, ihre augenzwinkernde Vertraulichkeit. In ihren Machtbereich geraten heißt jeden Anspruchs auf Respekt verlustig werden. Verfeinerung fordert ihren Hohn heraus, geistige Überlegenheit ihren Haß. Leistung, Verdienste gelten nichts mehr, was du bis gestern gewesen bist, ist ausgetilgt. Endlich können sie selber einen von denen kujonieren, die sonst das Privileg besitzen, sie zu kujonieren, und sie tun es mit boshafter Lust. Er leugnet seine Schuld? Kniffliges Manöver. Verdacht ist Verdacht. Verdacht ist so gut wie Beweis. Hierin überbieten sie womöglich noch die Vorgesetzten, da ja nach unten hin die Verantwortungen sich mindern. Bei ihnen kommt das Klassen-Ressentiment hinzu, sie sind überzeugt, daß die Reichen und die Gebildeten wider die Armen und die Unwissenden trotz aller verkündeten Gleichheit vor dem Gesetz heimlich verschworen sind, und so wollen sie ihr Mütchen kühlen, gedeckt von demselben Gesetz.

Tiefer Einblick ins Justizsystem

Wassermann verschafft den Lesenden durch Leonharts Erfahrungen einen tiefen Einblick in das Justizsystem, Abteilung Strafjustiz. Am eigenen Leib hat er erfahren, dass und wie die Menschenwürde erniedrigt, wenn nicht ausgelöscht wird; dass sich der Häftling zu entblößen hat, die Nacktheit hier vor allem auch als Schutzlosigkeit verstanden, und mit der Entblößung die Erniedrigung betrieben wird, gerade von denen, die zu den Unterprivilegierten zählen: sie treten nach unten, weil sie von oben selbst getreten werden, aus Klassen-Ressentiment. Dieser soziale Mechanismus ist gut und scharf beobachtet, erkannt und erklärt.

Zu einem späteren Zeitpunkt, nachdem Andergast die Aussicht auf Begnadigung und damit die wiederzuerlangende Freiheit an Maurizius herangetragen hatte, gerät der Häftling in psychische Dissonanzen. Aus dieser Desorientierung heraus sieht er sich jedoch auch zu Reflexionen darüber veranlasst, was aus ihm als Mensch in den fast zwanzig Jahren der Haft geworden ist. Manche sagen …, es ist gar nicht so schlimm, jedes Individuum paßt sich an seine Bedingungen an, Gewöhnung ist alles, die Zustände werden von Jahr zu Jahr besser, die Gesetzgebung beugt sich dem Geist der Zeit, und dergleichen mehr. Ahnungslos. Alles Unrecht und Leiden der Erde hat seinen Grund darin, daß Erfahrungen nicht übermittelt werden können. Höchstens mitgeteilt. Zwischen dem Zugemessenen und dem Unerträglichen liegt der ganze Weg der Erfahrung, den immer nur einer allein für sich gehen kann. So wie immer nur einer allein seinen Tod stirbt und keiner vom Tod etwas weiß. Nicht so schlimm … nein. Lange Zeit denkt man: nicht so schlimm. Wäre man nicht seelisch, geistig, bürgerlich, gesellschaftlich, als Mensch und Sohn und Vater und Mann erledigt, das Übrige wäre wahrhaftig nicht so schlimm.

Leonhart fährt fort mit den erlittenen Qualen; als erstes spricht er von der Qual der Zeit und der Gleichzeitigkeit als Vorstellung davon, was sich im selben Moment, in dem er daran denkt, jenseits der Zuchthausmauern alles zuträgt ; dann die Wenn-und-Hätte-Qual, also die Selbstzweifel und die vorgestellten Alternativen im Handeln, damit es erst gar nicht zu der Tat gekommen wäre; der Qual im Konjunktiv schließt sich die Erfahrung des absterbenden Willens und Wollens an: Zwanzigmal am Tag ist einem, als könne man’s nachholen und wiedergutmachen, und wenn man dann zum Bewußtsein kommt, wie unmöglich es ist, ein für allemal unmöglich, ist’s ein rasendes Aufknirschen gegen das Unmögliche. Das gewöhnt sich am schwersten: der gefesselte Wille, nein, das ist dumm ausgedrückt: daß man nicht mehr wollen kann. Das Organ in einem, das will, verkümmert. … Das aufregendste dabei ist, das mit dem Wollen auch die Worte verfaulen, mit denen man will. Alles ist ja so eingeschränkt, das Auf und Ab, der Bereich leer, kein Wunsch, kein Hindrängen, bloß das gemeine Bedürfnis wagt sich vor, im Innern spinnt das Hirn, kocht und spinnt bis zur Verzweiflung.

Und wenn es für das Wollen keine Sprache mehr gibt, wenn der Wille verkümmert, dann geht auch das Bewusstsein seiner selbst, die Ich-Identität verloren. Zwei- oder dreimal im Jahr bin ich aus dem Schlaf aufgefahren und hab geschrien: Ich? Ich mit einem Fragezeichen. Sonst nichts. Ich? Aber es ist so eine Sache mit den Ichs. Hören Sie mal den Leuten, die jahrelang im Hause sind beim Sprechen genau zu, und Sie merken, daß sie vor jedem Ich, das sie sagen, eine kleine Pause machen, wie wenn einer mit verbundenen Augen Angst hat zu stolpern, es hat mich immer sehr ergriffen.

Als Qual aller Qualen bezeichnet Maurizius schließlich das Erlöschen der Hoffnung und der Sehnsucht, des Sehnsuchtsbildes (von Anna), und er zitiert den Refrain aus dem Gedicht „Der Rabe“ von Edgar Allen Poe: Nimmermehr. Es ist ein Absterben ohne Tod.

Stilistische Brillanz, literarische Größe

Zweierlei ist diesen Ausführungen des Leonhart Maurizius zu entnehmen: Sie enthalten eine tiefe Wahrheit, eine der Erfahrung und eine der Reflexion über diese Erfahrung. Und sie sind von stilistischer Brillanz. Wie überhaupt der gesamte Roman von literarischer Größe ist, angefangen von der Dramatik des Falles, über die Charakterisierung der Personen bis zur Dynamik des Handlungsablaufs. Er liest sich wie ein Sittengemälde der Wilhelminischen Ära, die ihrem Untergang entgegensieht, und deren Institutionen von innen heraus zu faulen beginnen. Damit hat Jakob Wassermann ein Werk geschaffen, das gleichrangig mit Heinrich Manns Untertan und dem großen Romanen von  Joseph Roth Radetzkymarsch und Kapuzinergruft in der Literaturgeschichte seinen Platz hat.

 

[1] In Wikimedia habe ich eine ausführliche inhaltliche Betrachtung des Romans gelesen, die geeignet ist, sich ihn immer wieder zu vergegenwärtigen; auch treffende Zitate sind dort festgehalten.

[2] Um zu erfahren, ob es einen Melchior Ghisels wirklich gegeben hatte, recherchierte ich und fand eine hochinteressante Besprechung über diese wichtige Episode in Wassermanns Roman vom 30.01.1959 im ZEIT-Magazin, geschrieben von Günter Blöcker: Die Romanfigur Ghisels, der als Dichter und Denkerbeschrieben wird, dessen Haus Zufluchtsort aller geistig Bedrängten, Ringenden, Aufstrebenden, Ratlosen war, geht in Wirklichkeit auf Moritz Heimann zurück, der fast drei Jahrzehnte als Lektor und literarischer Leiter des S. Fischer Verlags tätig war.

 

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs hat Literatur- und Sozialwissenschaften studiert. Seit 2005 arbeitet sie als freie Autorin. Letzte Veröffentlichungen: Petra Frerichs: Vom Glück zu finden. In Schrift, Form, Farbe (2016); Joke und Petra Frerichs: Leben und Schreiben - was sonst? Ein Streifzug durch die Werkausgabe von Dieter Wellershoff (2014).


'Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius (Oktober 2016)' hat keine Kommentare

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