Boootsflüchtlinge

20.Juni: Weltflüchtlingstag – Kommen wir wirklich an unsere Grenzen?

Die plötzlichen und langandauernden Fluchtbewegungen Richtung Europa haben insbesondere das rechte Parteienspektrum in Deutschland auf den Plan gerufen. Da wird von „Asylflut“ oder auch „Asyltourismus“ gesprochen. In der Bundesregierung wurde der mögliche Show-down zwischen Kanzlerin und Bundesinnenminister erst einmal verschoben. Es wird lautstark über sogenannte Ankerzentren, nationale oder europäische Lösungen, den Masterplan des Bundesinnenministers und die Zurückweisung Geflüchteter an der Grenze diskutiert. Der Weltflüchtlingstag am 20.Juni zeigt aber mit nüchternen Zahlen, wie sich die weltweite Tragödie von immer größerem Ausmaß entwickelt.

Alle zwei Sekunden wird ein Mensch zur Flucht gezwungen

Die aktuellen Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), veröffentlicht in den “Global Trends“ des UNHCR, schreiben den Negativtrend der letzten Jahre fort: waren es 2016 noch 65,6 Millionen Menschen, haben im vergangenen Jahr 68,5 Millionen Menschen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung Schutz gesucht. Hinter dieser unvorstellbaren Zahl stehen Schicksale, die nicht hinter der Statistik verblassen dürfen.

In Deutschland entsteht in der aktuellen Debatte der Eindruck, unser Land sei von dieser Entwicklung ganz besonders betroffen. Wir brauchen aber nicht die große Erzählung von der „Willkommenskultur“, um diesen Stimmen etwas entgegenzusetzen. Die Zahlen sprechen für sich: Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind weltweit über 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Der UNHCR-Repräsentant in Berlin, Dominik Bartsch, ordnet die aktuelle Diskussion durch Fakten ein: Pro Monat beantragen an den Grenzen weniger als 1000 Menschen Asyl. Und nur ein Bruchteil war zuvor in einem anderen EU-Land registriert. Die Zurückweisung würde somit nur eine kleine Gruppe direkt betreffen, so Dominik Bartsch.

Die eigentliche Krise findet nicht bei uns, sondern woanders statt

Wie viele Flüchtlinge aber hat Europa tatsächlich aufgenommen? 2,5 Millionen Menschen haben in Europa Schutz und die Chance auf eine bessere Zukunft gefunden. Aber auch das ist eine Tatsache: 84 % der Flüchtlinge weltweit werden von Ländern mit niedrigem oder mittlerem volkswirtschaftlichem Einkommen aufgenommen. Der größte Teil der geflüchteten Menschen ist innerhalb des eigenen Heimatlandes entwurzelt. Länder wie die Türkei, Pakistan oder der Libanon tragen die Hauptlast der weltweiten Fluchtbewegungen – die eigentliche Krise findet – entgegen der Wahrnehmung vieler Bürgerinnen und Bürger – also nicht bei uns, sondern woanders statt.

Zwei Drittel der Flüchtlinge auf der Welt kamen aus nur fünf Ländern:

Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia. Die überwältigende Mehrheit dieser Flüchtlinge fand Sicherheit in der Nähe ihrer Heimatländer, denn neun von zehn Ländern, in denen die meisten Flüchtlinge weltweit leben, sind Nachbarn der fünf Herkunftsländer. Jeder sechste im Libanon ist ein syrischer Flüchtling, jeder dritte in Jordanien und jeder dritte in der Türkei. Zusammenleben im globalen Kontext hat eine völlig neue Dimension angenommen. Und dennoch scheinen die größten Krisen der Welt in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle mehr zu spielen. Kaum jemand berichtet noch über Länder wie den Jemen, den Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, Somalia, Bangladesch/Myanmar oder Venezuela. So geraten beispielsweise 4,5 Millionen Binnenvertriebene in der DR Kongo einfach in Vergessenheit. Die Jemen-Krise erreicht mit 22 Millionen Menschen einen traurigen Höchstwert. Die Hintergründe des Konfliktes, die wechselnden Allianzen und Kontrahenten sind komplex und für viele nicht mehr nachvollziehbar. Trotz der humanitären Katastrophe im Land, hat der Jemen rund 281.000 Flüchtlinge, hauptsächlich aus Somalia, aufgenommen und gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Öffentlichkeit erfährt davon wenig, denn aufgrund der Gefahrenlage reisen Journalisten nur selten in das Land. Der UNHCR gehört zu den wenigen verbliebenen Hilfsorganisationen im Jemen.

Entsprechend wachsen die Anforderungen an den UNHCR und seine nationalen Partner. In Deutschland ist das die UNO-Flüchtlingshilfe. Sie mobilisiert die Zivilgesellschaft, um die weltweiten, lebensrettenden Einsätze des UNHCR, aber auch Projekte für Geflüchtete in Deutschland, finanziell zu unterstützen. Durch Informationen über Flucht, Fluchtschicksale und Fluchtursachen will sie zur dringend notwendigen Versachlichung der Debatte beitragen.

Globaler Pakt für Flüchtlinge

Dass der UNHCR von den Vereinten Nationen mit der Ausarbeitung eines umfassenden Rahmenplans für Flüchtlingsmaßnahmen beauftragt wurde, weckt die Hoffnung auf eine Kehrtwende. Der globale Pakt für Flüchtlinge, ist ein erster, wichtiger Meilenstein im nachhaltigen Umgang mit lang andauernden Fluchtbewegungen. Mit dem globalen Pakt sollen sich die UN-Mitgliedstaaten zu einer gerechten und globalen Verantwortungsteilung bekennen und anerkennen, dass Flüchtlingsschutz und Unterstützung der Aufnahmestaaten eine gemeinsame Verantwortung ist.

So weitergehen wie bisher, kann es nicht: Vergessene Krisen werden sich eines Tages in Erinnerung rufen, denn Menschen ohne Perspektive machen sich auf die Suche nach einer besseren Zukunft.


Zum Weltflüchtlingstag am 20.6. ruft die UNO-Flüchtlingshilfe, der deutsche Partner des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zur Unterstützung auf – für die weltweite Hilfe des UNHCR, aber auch für Projekte in Deutschland. Mit der Petition #WithRefugees wird eine eindeutige Botschaft an die Regierungen der Welt geschickt – mehr Solidarität mit Geflüchteten und für eine faire Verteilung der Verantwortung. Im Netz wird in einer Blogparade unter #WithRefugees Position bezogen.


Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei, http://www.navy.mil/view_image.asp?id=24188

 

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Peter Ruhenstroth-Bauer

....ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe (www.uno-fluechtlingshilfe.de), dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR). Zuvor war er u.a. Stellvertretender Chef des Bundespresseamtes und als Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Er ist Lehrbeauftragter für Politische Kommunikation/Regierungskommunikation an der Universität Potsdam und der Hochschule Magdeburg.


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