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Der Bundeskanzler und die angeblich arbeitsfaulen Deutschen: Vorbild Schweiz?

Christoph Habermann Von Christoph Habermann
29. Mai 2026
Hängematte im Garten

Die Deutschen sollen mehr arbeiten. Seit Beginn seiner Amtszeit wiederholt Bundeskanzler Friedrich Merz diese Aufforderung immer wieder. Manchmal unterstreicht er sie mit der Behauptung, in der Schweiz arbeiteten die Beschäftigten 200 Stunden im Jahr mehr als in Deutschland.

Woher diese Zahl kommt, sagt er nicht. Woher auch immer sie kommt, aus der amtlichen Statistik Deutschlands oder der Schweiz kommt sie nicht.

Das deutsche Statistische Bundesamt gibt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit im Jahr 2024 in Deutschland mit 34,3 Stunden an, in der Schweiz sind es 35,2 Stunden. Aufs Jahr gerechnet sind das etwa 42 Stunden mehr.

Das Schweizerische Bundesamt für Statistik gibt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit für das Jahr 2025 in der Schweiz mit 32,3 Stunden an, also zwei Stunden in der Woche weniger als in Deutschland.

Schaut man sich die Arbeitszeiten in den europäischen Ländern an, stellt man fest: Am längsten arbeiten die Beschäftigen in den armen Ländern, am kürzesten in den reichen Ländern.

Ganz hinten bei Einkommen und Wohlstand, aber ganz vorne bei langen Arbeitszeiten liegen Bulgarien, Polen, Rumänien, Griechenland und Serbien.

Ganz vorne bei Einkommen und Wohlstand, aber ganz hinten bei den Arbeitszeiten liegen die Niederlande, Dänemark, Deutschland Norwegen und die Schweiz.

Das  hängt entscheidend an der unterschiedlichen Produktivität der Arbeit und an der unterschiedlichen Qualität der sozialen Sicherungssysteme. Dazu kommt der hohe Anteil von Teilzeit-Beschäftigten in den reichen Ländern.

Männer gehen in der Schweiz übrigens weiter mit 65 Jahren in Rente und Frauen ab 2028 auch.

Wenn der Bundeskanzler also meint, die Deutschen sollten so viel arbeiten wie die Schweizerinnen und Schweizer, dann muss er sich fragen lassen, warum sie dann nicht auch mit 65 Jahren in Rente gehen können.

Während der Bundeskanzler den Deutschen viel fleissigere Schweizerinnen und Schweizer als leuchtendes Beispiel vorhält, ist der Präsident  des Schweizerischen Arbeitsgeberverbands ganz anderer Meinung.

Auf die Frage in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 23. Mai 2026, ob in der Schweiz alle grundsätzlich länger arbeiten sollten, antwortet Severin Moser: „Ja, natürlich. Wir als Gesellschaft.“

Dem Schweizer Arbeitgeber-Präsidenten ist das, was der Bundeskanzler für vorbildlich hält, bei weitem nicht genug. Offenbar gilt der Grundsatz: Egal, wie lange tatsächlich gearbeitet wird, nie wird lange genug gearbeitet.

Wieder einmal zeigt sich: Ginge es nach dem Willen der Arbeitgeber-Verbände und ihrer politischen Unterstützung, dann würden sie am liebsten die für sie jeweils günstigsten Regelungen aus allen Ländern miteinander kombinieren: Längere Arbeitszeiten, niedrigere Löhne, weniger Steuern und geringere Beiträge zur den sozialen Sicherungssystemen, gute öffentliche Infrastruktur und möglichst viel öffentliches Geld für die Unterstützung von Forschung und Entwicklung.

Was Arbeitgeber-Verbände sich als Schlaraffenland für Unternehmen vorstellen, liefe darauf hinaus, wirtschaftlichen und technischen Fortschritt nur einer kleinen Minderheit zugute kommen zu lassen. Die grosse Mehrheit derer, die das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften, die Güter herstellen und Dienstleistungen erbringen, ginge leer aus. Sozialen Fortschritt gäbe es nicht mehr.

Dass das auch für die meisten Unternehmen keine gute Zukunftsperspektive ergäbe, wissen die Klügeren in Unternehmen, in der Wirtschaftswissenschaft und auch einige in Wirtschafts-Verbänden. Die sind aber leider in der Minderheit.

Die Mehrheit hat noch immer nicht verstanden, dass Autos keine Autos kaufen und auch KI-Programme keine KI-Programme. Die Mehrheit tut auch weiter so, als seien Menschen nichts anderes als Arbeitskräfte, Produktionsfaktoren, die möglichst lange und möglichst günstig genutzt werden sollten.

Dass die Wirtschaft gerade wegen ihrer grossen Bedeutung dienende Funktion für die Menschen haben muss, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Tatsächlich ist es aber ein Ziel, das immer wieder und unter immer wieder neuen Bedingungen erkämpft werden muss.

 

 

 

 

 

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