Als im Frühjahr 2025 die ersten chinesischen Exportbeschränkungen für Seltene Erden in Kraft traten, wurde dies im Westen als Drohung gelesen. Gut ein Jahr später zeigt sich, dass diese Lesart zu kurz greift. Peking hat kein pauschales Embargo gegen die westliche Rüstungsindustrie verhängt, sondern etwas strategisch Wirksameres aufgebaut: ein gestaffeltes Kontrollsystem, mit dem sich Lieferungen kritischer Güter je nach politischer Lage verzögern, verengen oder gezielt blockieren lassen — von der breiten Materialkontrolle bis zur chirurgischen Sanktion einzelner Unternehmen. Die Frage ist damit nicht mehr, ob China seine Rohstoffdominanz als Machtinstrument einsetzt, sondern wie weit diese Kontrolle reicht und über welche Hebel sie organisiert ist.
Von der Rohstoffmacht zur Genehmigungsmacht
China kontrolliert nicht nur große Teile der Förderung Seltener Erden, sondern vor allem ihre Verarbeitung — rund neunzig Prozent der weltweiten Trennkapazitäten liegen dort. Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit bei den schweren Elementen wie Dysprosium und Terbium, die für Hochleistungsmagnete und militärische Anwendungen unverzichtbar sind und für die es außerhalb Chinas praktisch keine industrielle Trennkapazität gibt.[1]
Im April 2025 führte Peking für sieben dieser Elemente und diverse Magnetmaterialien eine Exportlizenzpflicht ein (MOFCOM-Bekanntmachung Nr. 18), deklariert als Reaktion auf US-Zölle und -Halbleiterkontrollen.[2] Seitdem genügt es nicht mehr, kaufen zu wollen: Exporteure müssen über eine Endverbleibserklärung offenlegen, wer der Endnutzer ist, wofür die Materialien verwendet werden und in welche Lieferkette sie eingebunden sind. Das Verfahren läuft zweistufig über Provinz und Handelsministerium; eine gesetzliche Frist gibt es nicht, in der Praxis dauerten Genehmigungen zwei bis vier Monate.[3] Damit hat sich Chinas Machtposition verschoben — Peking kontrolliert nicht mehr nur die Produktion, sondern den Zugang.
Warum die Rüstungsindustrie im Zentrum steht
Seltene Erden stecken in praktisch allen modernen Waffensystemen: Kampfflugzeugen, Raketen, Drohnen, Radar- und Sonaranlagen, Präzisionsmunition, Satellitentechnik. Ein einziges F-35-Kampfflugzeug enthält mehrere hundert Kilogramm.[4] Gerade deshalb ist die Endverwendungskontrolle das scharfe Instrument: China muss kein generelles Embargo verhängen, es genügt, Genehmigungen bei militärischer Nutzung zu verweigern oder die Verfahren hinauszuzögern, bis Lieferketten unter Druck geraten. Die Kontrolle wirkt über die Bürokratie, nicht über die offene Konfrontation.
Die zweite Eskalationsstufe — und ihre Aussetzung
Im Oktober 2025 verschärfte Peking das Regime deutlich (Bekanntmachungen Nr. 61 und 62): fünf weitere Elemente unter Kontrolle, Anträge für militärische Endverwender automatisch abgelehnt. Bemerkenswerter noch war der extraterritoriale Anspruch — Produkte mit einem Anteil chinesischer Rohstoffe von nur 0,1 Prozent oder hergestellt mit chinesischer Verarbeitungstechnologie sollten selbst dann lizenzpflichtig werden, wenn sie außerhalb Chinas gefertigt sind. Eine bewusste Spiegelung jener Instrumente, die die USA seit Jahren im Technologiesektor nutzen.[5]
Diese Verschärfung wurde nach dem Treffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump im Herbst 2025 für ein Jahr ausgesetzt — bis zum 10. November 2026, im Gegenzug zur Aussetzung amerikanischer Kontrollen.[6] Hier ist Präzision wichtig, weil die öffentliche Debatte daraus eine Entwarnung macht: Ausgesetzt ist allein das Oktober-Paket. Das Lizenzregime vom April 2025 läuft unverändert weiter; Anträge für ausländische Militärnutzer werden weiterhin abgelehnt.[7] Die permanente Unsicherheit ist also nicht bloß angedrohtes, sondern geltendes Recht — und Peking hat demonstriert, dass es das schärfere Instrument jederzeit reaktivieren kann.
Der zweite Hebel: die gezielte Sanktion einzelner Unternehmen
Während der eine Hebel ausgesetzt war, aktivierte China im April 2026 einen zweiten. Am 24. April setzte das Handelsministerium erstmals europäische Unternehmen auf seine Exportkontrollliste (Bekanntmachung Nr. 20): den deutschen Sensor- und Radarspezialisten Hensoldt, die belgischen Waffenhersteller FN Herstal und FN Browning sowie vier tschechische Akteure, darunter Omnipol und Excalibur Army. Für sie dürfen chinesische Exporteure keine Dual-Use-Güter mehr liefern; auch der Transfer chinesischen Ursprungs über Drittländer ist untersagt, Ausnahmen nur auf Antrag.[8]
Entscheidend ist die Begründung — hier verläuft die Trennlinie zum Rohstoffregime. Peking nennt nationale Sicherheit und Nichtverbreitungspflichten, konkret die angebliche Beteiligung der Firmen an Waffenverkäufen an Taiwan.[9] Die europäische Listung ist damit kein weiterer Fall der Seltene-Erden-Politik, sondern ein anderes Instrument mit anderer Logik: keine Kontrolle über Materialklassen und Endverwendungen, sondern über benannte Akteure und ihre Netzwerke, ausgelöst durch ein außenpolitisches Signal. Sie reiht sich in eine Serie ein, die zuvor US-Konzerne wie Lockheed Martin und General Dynamics, taiwanesische Zulieferer und Anfang 2026 rund zwanzig japanische Unternehmen traf — durchgehend auf der Taiwan-Achse.[10] Die Marktreaktion auf die Hensoldt-Listung war unmittelbar, der Umsatzeffekt für das Unternehmen mit geringem China-Geschäft hingegen klein. Genau das ist der Punkt: Die Wirkung liegt nicht im entgangenen Geschäft, sondern in der Verwundbarkeit der vorgelagerten Lieferketten — und im Signal an alle anderen.
Keine Blockade, sondern Unsicherheit
Die Debatte fragt meist, ob China einen vollständigen Lieferstopp verhängt habe. Das verfehlt die Strategie. Ein Totalembargo wäre aus Pekinger Sicht kontraproduktiv: Es würde alternative Lieferketten beschleunigen, neue Förderprojekte rentabel machen und die westliche Gegenreaktion verschärfen. Überlegen ist die kalkulierte Unsicherheit. Weiß ein Unternehmen nicht, ob die Genehmigung in zwei Wochen, in drei Monaten oder nie kommt, entstehen die Kosten bereits im Vorfeld — erschwerte Produktionsplanung, teure Lagerhaltung, verzögerte Investitionen. Dass die chinesischen Ausfuhren der schweren Elemente trotz formaler Aussetzung rund fünfzig Prozent unter dem Niveau vor den Beschränkungen lagen, zeigt, dass diese Wirkung längst eingetreten ist.[11]
Ein gestaffeltes System
Damit lässt sich der Befund formulieren. China verfügt nicht über ein Druckmittel, sondern über ein Spektrum substituierbarer Instrumente: Am einen Ende die breite Materialkontrolle über Lizenzpflicht und Endverwendung, am anderen die gezielte Sanktion einzelner Akteure über die Exportkontrollliste, dazwischen extraterritoriale Reichweite und die Verschleppung von Verfahren. Peking kann den Aggregatzustand frei wählen — und tat dies im Frühjahr 2026 sichtbar, indem es den einen Hebel aussetzte und nahezu zeitgleich den anderen gegen europäische Firmen scharfstellte. Die Verschränkung von Materialmacht und geopolitischer Signalwirkung ist dabei kein Nebeneffekt, sondern der Kern: Die Taiwan-Begründung macht explizit, dass die Kontrolle über industrielle Vorprodukte zur außenpolitischen Sprache wird.
Die eigentliche Bedeutung — und Europas Verwundbarkeit
Der Vorgang wird gern als Rohstoffpolitik beschrieben. Tatsächlich geht es um etwas Grundsätzlicheres: China nutzt seine Stellung bei kritischen Materialien, um Einfluss auf die materiellen Voraussetzungen moderner Industrie- und Militärsysteme zu gewinnen. Im Zentrum steht nicht die Kontrolle über einzelne Rohstoffe, sondern über die Bedingungen ihrer Nutzung: Wer in welcher Menge, zu welchem Zeitpunkt und für welchen Zweck Zugang erhält, darüber entscheidet zunehmend ein politisches Genehmigungssystem. Entscheidend ist nicht mehr die Fähigkeit, Rohstoffe vollständig vorzuenthalten — das wäre plump und selbstschädigend —, sondern die Fähigkeit, den Zugang jederzeit zu dosieren und an politische Bedingungen zu knüpfen.
Für Europa folgt eine unbequeme Erkenntnis. Die Debatte über strategische Autonomie kreist um Verteidigungsausgaben und Beschaffungsprogramme; militärische Fähigkeit beginnt aber weit früher, bei den industriellen Lieferketten. Wie tief die Abhängigkeit reicht, lässt sich beziffern: Ökonomen der Europäischen Zentralbank schätzen, dass über achtzig Prozent der großen europäischen Unternehmen nicht mehr als drei Zwischenhändler von einem chinesischen Produzenten Seltener Erden entfernt sind — oft über US-Firmen als Mittler —, und dass die meisten kaum Vorräte angelegt haben.[12] Die EU bezieht rund achtundneunzig Prozent ihrer Magnete aus China; als Peking 2025 die Lizenzen anzog, brachen die Magnetausfuhren um drei Viertel ein und mehrere europäische Autohersteller mussten die Produktion drosseln.[13] Die Internationale Energieagentur beziffert das Risiko einer vollständigen Reaktivierung der Kontrollen auf 6,5 Billionen Dollar jährlich gefährdeter Wirtschaftsleistung außerhalb Chinas.[14] Europäische Diversifizierungsprojekte kommen voran, werden aber frühestens gegen Ende des Jahrzehnts spürbar entlasten.
Die chinesische Politik gegenüber Seltenen Erden ist deshalb mehr als ein Handelskonflikt. Sie ist ein Lehrstück dafür, wie sich geopolitische Macht im 21. Jahrhundert über die Kontrolle von Lieferketten, Verarbeitungskapazitäten und materiellen Reproduktionsbedingungen organisiert — nicht über die Drohung des großen Stopps, sondern über die alltägliche Verfügung darüber, wer unter welchen Bedingungen produzieren darf.
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Quellen
[1]: Zur chinesischen Dominanz bei Trennung und Verarbeitung sowie zur Bedeutung schwerer Seltener Erden: World Economic Forum, „From chips to turbines: How Europe depends on rare earths”, 29.10.2025, <https://www.weforum.org/stories/2025/10/from-chips-to-turbines-europe-depends-on-critical-raw-materials/>
[2]: MOFCOM-Bekanntmachung Nr. 18 (2025), Lizenzpflicht für sieben mittlere/schwere Seltene Erden (Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium, Yttrium). Überblick: China Briefing, „China’s Rare Earth Export Controls”, 12.11.2025, <https://www.china-briefing.com/news/chinas-rare-earth-export-controls-impacts-on-businesses/>
[3]: Zu Endverbleibserklärung, zweistufigem Verfahren und Bearbeitungszeiten: Taylor Wessing, „China’s Rare Earth Export Controls”, 07.07.2025, <https://www.taylorwessing.com/en/insights-and-events/insights/2025/06/chinas-rare-earth-export-controls> ; Bearbeitungsdauer zwei bis vier Monate: rare-earth-mining.com, „China Rare Earth Export Controls: Essential Buyer Guide”, 16.04.2026, <https://rare-earth-mining.com/china-rare-earth-export-controls/>
[4]: Zum Materialgehalt moderner Waffensysteme und zur F-35: gängige Schätzungen u. a. bei East Asia Forum, „China leverages paperwork to ration rare earths”, 20.11.2025, <https://eastasiaforum.org/2025/11/20/china-leverages-paperwork-to-ration-rare-earths/>
[5]: Oktober-Verschärfung (Bekanntmachungen Nr. 61/62), fünf zusätzliche Elemente, automatische Ablehnung militärischer Endverwender, 0,1-Prozent-Regel mit extraterritorialer Reichweite: China Briefing (s. Anm. 2); Mondaq, „China Tightens Controls On Rare Earths”, 21.10.2025, <https://www.mondaq.com/china/…/china-tightens-controls-on-rare-earths-legal-risk-compliance>
[6]: Aussetzung des Oktober-Pakets für ein Jahr bis 10.11.2026 im Gegenzug zur US-Aussetzung: Mainrich Magnets, „2025 China Magnet Ban Explained”, 08.11.2025, <https://mainrichmagnets.com/china-magnet-export-ban-2025-update> ; China Briefing (s. Anm. 2).
[7]: April-2025-Regime nie ausgesetzt, militärische Endverwender weiterhin ausgeschlossen: TechTimes, „China Rare Earth Export Controls: April Curbs Still Bite After Beijing Summit”, 26.05.2026, <https://www.techtimes.com/articles/317208/20260526/china-rare-earth-export-controls-april-curbs-still-bite-after-beijing-summit.htm>
[8]: MOFCOM-Bekanntmachung Nr. 20 (2026), sieben EU-Einheiten (Hensoldt, FN Herstal, FN Browning, Omnipol, Excalibur Army, VZLU Aerospace, Spaceknow), sofortige Wirkung, Drittland-Transferverbot: MLex, 24.04.2026, <https://www.mlex.com/mlex/trade/articles/2469458> ; Defence Matters, 25.04.2026, <https://defencematters.eu/china-targets-european-defence-firms-with-dual-use-export-controls/>
[9]: Taiwan-Begründung (nationale Sicherheit, Nichtverbreitung, angebliche Waffenverkäufe an Taiwan): Berliner Zeitung, „China verhängt erstmals Sanktionen gegen europäische Rüstungsfirmen”, 25.04.2026, <https://www.berliner-zeitung.de/article/china-verhaengt-erstmals-sanktionen-gegen-europaeische-ruestungsfirmen-wegen-taiwan-geschaeften-10032648>
[10]: Vorlauf der Listungen (US-Konzerne, taiwanesische Zulieferer, ~20 japanische Firmen Anfang 2026): Berliner Zeitung (s. Anm. 9).
[11]: Ausfuhren von Yttrium, Dysprosium und Terbium rund 50 % unter dem Niveau vor den Beschränkungen: TechTimes (s. Anm. 7).
[12]: EZB-Schätzung: über 80 % der großen europäischen Unternehmen höchstens drei Zwischenhändler von einem chinesischen Produzenten entfernt, kaum Vorräte: EZB-Wirtschaftsbericht, „How vulnerable is the euro area to restrictions on Chinese rare earth exports?”, 23.09.2025, <https://www.ecb.europa.eu/press/economic-bulletin/focus/2025/html/ecb.ebbox202506_01~44d432008e.en.html>
[13]: 98 % Magnetabhängigkeit, Einbruch der Magnetausfuhren um drei Viertel, Produktionsstopps bei Autoherstellern: World Economic Forum (s. Anm. 1).
[14]: IEA-Bericht (April 2026, im Rahmen der französischen G7-Präsidentschaft): 6,5 Billionen Dollar jährlich gefährdeter Wirtschaftsleistung außerhalb Chinas: zitiert nach TechTimes (s. Anm. 7).
Zum Autor: Arno Gottschalk (geboren 1956), Studium der Wirtschaftswissenschaften in Marburg und Bremen. Diplom-Volkswirt. Ab 1975 Aufbau und Leitung des Bereichs Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bremen. Seit 2011 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft (Stadt und Land). Seit 2019 Sprecher der SPD-Fraktion für Haushalt und Finanzen. Mitglied des Fraktions- und Landesvorstands der SPD. Beschäftigt sich seit langem auch mit Fragen von Militär und Rüstung.
Bildquelle: Wikipedia, Wing, Die Neun-Drachen-Mauer in der Verbotenen Stadt in Peking, China, CC BY-SA 3.0












