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Jetzt rollt der Ball – Ich drücke Deutschland die Daumen

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
11. Juni 2026
Zwerg im Deutschlandtrikot und schwarz-rot-goldener Mütze auf einer Wiese

Es ist alles gesagt, nur nicht von allen. Ein Satz, der an Johannes Rau, den legendären SPD-Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten erinnert, weil er oft auf Parteitagen das letzte Wort hatte, die Schlussrede hielt. Ich zitiere die Worte des Wuppertalers, nicht weil Rau, der gelernte Buchhändler und Menschenfischer, ein Fußball-Fan gewesen wäre, das war eher Franz Müntefering, der Sozialdemokrat aus dem Sauerland und einstige SPD-Chef und Minister. Ich schreibe das, um nach all den anderen Autoren, die schon über das Ereignis berichtet haben und dies meistens negativ,  auf die heute beginnende Fußball-WM hinzuweisen. Die größte aller Zeiten, ausgetragen in drei Ländern, Mexiko, Kanada, den USA. Es ist zugleich das zeitlich längste Weltturnier, es dauert sechs Wochen, 48 Länder nehmen teil. Es werden die Spiele sein mit den teuersten Karten ever, die Tickets kosten zum Teil jeweils mehrere tausend Dollar, für einen Platz im Endspiel muss man schon Millionär sein, wenn man den Sieger live erleben will. Am Volkssport Fußball wollen sie alle verdienen, natürlich die Fifa, der DFB, die Franzosen wie die Spanier, die Engländer, die Verkehrsunternehmern, die Hotelbetreiber. Ich kann nicht alle aufzählen, es sind zu viele, die die Taschen aufhalten.

Ab heute rollt der Ball, der im übrigen aus Pakistan kommt, ein Land, das im Hockey international eine Nummer ist, aber im Fußball eher auf dem Niveau eines Entwicklungslandes spielt. Es ist alles gesagt zu diesem Turnier, alles, was den Ruf dieses schönes Sportes in Verruf bringen kann, wegen der Gier, wegen Infantino, wegen Trump. Macht und Moneten, die Mafia und welche üblen Vergleiche auch immer herhalten müssen, um das Milliarden-Geschäft der Fifa zu beschreiben. Dass Infantino im Herzen ein Fußballer sein will, mag stimmen, aber dass der Mann in seinem Geschäft mit dem runden Leder(?) keine Skrupel kennt, wenn sich höhere Umsätze mit dem Fußball machen lassen, weiß man zur Genüge. Erinnert sei an den Friedenspreis, der er seinem Geistes-Freund in Washington verlieh. Abscheulich.

Der Schweizer Joseph Blatter, in seinen Amtszeiten als Fifa-Chef wirklich kein Mann von Traurigkeit oder gar Zurückhaltung, war im Vergleich zum heutigen Präsidenten ein Waisenknabe, fast ein ehrbarer Kaufmann. Man wünschte sich ihn, den man früher eher verwünschte, zurück auf den Fifa-Stuhl. Ja, mancher Zweifler würde sich heute am liebsten bei Blatter entschuldigen. Diego Maradona, als die Hand Gottes verschmäht, weil er, der doch so filigran den Ball mit den Füßen behandelte, nahm im Ernstfall die Hand zur Hilfe, um das Runde ins Eckige zu befördern. Und dieser Maradona, der selber mit dunklen Geschäften in Verbindung gebracht wurde, hatte die Funktionäre des Weltverbandes einst „als die Herren von der Mafia“ beschimpft. „Es wird der Tag kommen, an dem sich die Mafia gegen solche Vergleiche verwahrt- wegen Rufschädigung“. Schreibt der Fußball-Experte und Journalist Philipp Selldorf in der SZ zum Beginn der Fußball-WM.

Ich bin Fußball-Fan

Ich bekenne, dass ich ein Fan des Fußballs bin, ich habe als Kind und Jugendlicher ganz ordentlich gekickt in einem Verein der Bezirksliga, Schwarz-Weiß Meckinghoven, wir wurden als A-Jugend immerhin zweimal hintereinander Pokalsieger des Kreises Recklinghausen. Fußball. das war unser Leben als Kinder des Reviers, wir traten nicht nur gegen richtige Bälle, die rar waren nach dem Krieg, also nahmen wir leere Büchsen, in denen vorher Erbsen oder Früchte enthalten waren. Auch Lumpen, zusammengebunden aus alten Klamotten, die keiner mehr tragen wollte, waren unser Ball-Ersatz. Natürlich hatten wir am Anfang keine Fußballschuhe, die waren viel zu teuer. Die ersten Schuhe bekam ich von einem alten Schuster im Dorf, der ausgemusterte Schuhe flickte und Stollen, die er selber aus Leder geschnitten hatte, auf die Sohlen nagelte.

Die Fußball-WM 1954- wir hatten keinen Fernseher- hörte ich im Rundfunk, vor allem die Spiele gegen Jugoslawien, gegen Österreich(6:1 gewonnen), die Schmach gegen Ungarn in der Vorrunde(Deutschland verlor 8:3), das Endspiel sah ich dann im Fernsehen in unserer Vereinskneipe, auf der Fensterbank durften wir Schüler zuschauen. Das Fernsehbild war im Vergleich zu heute minimal, das Lokal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Begeisterung war riesengroß, es folgte nach den schnellen Toren der Ungarn durch Puskas und Czibor die Enttäuschung, dann der Anschlusstreffer durch Max Morlock, der Ausgleich durch Helmut Rahn, bei Halbzeit stand es 2:2. Dann höre ich heute noch die Stimme von Herbert Zimmermann, als Hans Schäfer den Ball zu Rahn spielte und der Essener Rechtsaußen „müsste schießen, schießt, Tor“. Mit dem linken Fuß hatte der Boss, wie man ihn nannte, den Ball ins lange Eck gedonnert. Ich sehe die Menschen noch, wie sie aufspringen, schreien, jubeln, mit Bier anstoßen.

Aber das Spiel war noch nicht zu Ende, die Ungarn, damals die beste Mannschaft der Welt, über Jahre ungeschlagen, drängten die Deutschen in den eigenen Strafraum, schossen aufs Tor, Toni Turek hielt. Zimmermanns Stimme überschlug sich, als er den Torhüter aus Düsseldorf zum „Fußball-Gott“ erkor. Wir waren Weltmeister. Das klingt heute sehr national, war es auch, ein Erfolg eines Landes, das neun Jahre zuvor den selbst angezettelten Weltkrieg verloren hatte, was Jahrzehnte später Bundespräsident Richard von Weizsäcker ummünzte in eine „Befreiung“ von der Nazi-Diktatur.

Der Sieg in Bern

Der Sieg im Berner Wankdorfstadion wurde zum Wunder von Bern hochgejubelt, Helmut Rahn war der Held, das Ganze später verfilmt. Ich kenne heute noch die Aufstellung auswendig: Turek, Posipal, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich, Mai, Rahn, Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter, Schäfer. Trainer war Sepp Herberger. Zum Vergleich: Die Weltmeister-Mannschaft von München 1974 kenne ich nicht mehr, ebenso wenig die Elf, die 1990 in Rom den Titel gewann oder die Mannschaft, die 2014 Weltmeister in Rio de Janeiro wurde. Manuel Neuer, ja den kenne ich, der Mann kommt ja auch aus Gelsenkirchen, hat für Schalke gespielt, ehe er zu den Bayern wechselte.

Wenn erstmal der Ball rollt, wird über den Fußball geredet, so ähnlich hat sich Rudi Völler geäußert zu all den negativen Geschichten rund um die Fußball-WM. Wie früher halt. Man denke an die WM 1958 in Schweden, als die deutsche Mannschaft im Halbfinale gegen Schweden verlor, der Düsseldorfer Verteidiger Erich Juskowiak flog vom Platz, er hatte den schwedischen Rechtsaußen Hamrin, der ihn provozierte,  mehrfach gefoult. Mit Heja-Heja-Rufen feuerten die Schweden ihre Kicker frenetisch an, die Atmosphäre während des Spiels war ziemlich aufgeheizt, um nicht zu sagen vergiftet. Später sprach man von der „Schlacht von Göteborg“. Die WM in Schweden war die Geburtsstunde des brasilianischen Fußball-Genies Pele.

Denken Sie an die WM in England, das Endspiel 1966, das dritte, sogenannte Wembley-Tor, das keines war, aber als solches anerkannt wurde. Franz Beckenbauer spielte seine erste WM, Uwe Seeler war der Kapitän, Hans Tilkowski, der Mann aus Herne, der dann Torwart des BVB war, hütete das Tor, der Kölner Weber köpfte den entscheidenden Ball, der von der Latte zurücksprang, über das Tor. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst entschied nach Befragung des russischen Linienrichters Bahramow auf Tor für England. England gewann schließlich 4:2 nach Verlängerung.

Spiele am Abend

Die Spiele der WM in diesem Sommer finden am Abend statt, oft zu sehr später deutscher Zeit. Wie bei der WM in Mexiko 1970. Abend für Abend Fußball bis zum Einschlafen. Aber spannend war es. Da war die Partei gegen England, die Deutschland 3:2 gewann, und dann das Spiel gegen Italien, das als Jahrhundertspiel in die Geschichte einging. Wir fieberten vor dem Fernseher mit, konnten aber nicht verhindern, dass Italien das Halbfinale mit 4:3 für sich entschied.

Oder reden wir über die WM 1974 in Deutschland. Über das Spiel DDR gegen die BRD, das die DDR mit 1:0 gewann, Torschütze war Jürgen Sparwasser. Ich habe das Spiel am 22. Juni nicht gesehen, weil ich mit meiner Frau ein Theaterstück in den Ruhrfestspielen in Recklinghausen angesehen habe. Die Enttäuschung war groß, ausgerechnet gegen Ostberlin verlieren! Die DDR schlägt den Klassenfeind, hieß es, sechs Wochen, nachdem der Spion Günter Guillaume den Sturz des Kanzlers Willy Brandt mit ausgelöst hatte.  Die Nation war geschockt. Man hatte auf Beckenbauer gesetzt, Sepp Maier, Gerd Müller, Berti Vogts, Rainer Bonhof, Wolfgang Overath, Jürgen Grabowski, Klaus Hölzenbein, den Abräumer „Katsche“ Schwarzenbeck, Paul Breitner, Uli Hoeneß. Das Endspiel gewann die Mannschaft von Trainer Helmut Schön gegen die Niederlande mit 2:1, der Schütze des Siegtores war wie gewohnt Gerd Müller. Erinnern Sie sich noch an die Wasserschlacht in Frankfurt gegen Polen. Wie oft blieb der Ball im Wasser liegen!

Die WM in Argentinien 1978 ist vielen nicht so in guter Erinnerung, was auch daran liegen mag, dass die deutschen Titelverteidiger gegen Österreich mit 2:3 verloren, Hans Krankl schoss das entscheidende Tor, der Wiener Rundfunk-Reporter Edi Finger wurde beinahe „narrisch“ und wollte sich zusammen mit seinen Landsleuten „a Viertel einschenken“. Politisch ist bei mir hängengeblieben, dass der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger den früheren NS-Wehrmachtsoffizier und glühenden Hitler-Verehrer, Hans-Ulrich Rudel, im deutschen Quartier in Ascochinga empfing, was einen Skandal in Deutschland auslöste. Rudel war nach dem Krieg nach Argentinien geflohen und galt doch als Idol der Neonazi-Szene. In Argentinien herrschte zu der Zeit eine blutige Militärdiktatur.

Oder nehmen wir die WM 1982 in Spanien. Bei dieser WM war die sogenannte „Nacht von Sevilla“ das Spiel, das viele beeindruckte. Im Halbfinale besiegte Deutschland Frankreich nach einem 3:3 nach Verlängerung im Elfmeterschießen mit 5:4. Der deutsche Torwart Toni Schumacher(1. FC Köln) war durch sein aggressives Spiel aufgefallen. Erst rempelte er den französischen Spielmacher Platini rüde an, dann rammte er beim Aufnehmen des Balles im Fünf-Meter-Raum den gestürzten Spieler Didier Six und drückte diesen zu Boden. Und schließlich räumte er den Stürmer Battiston brutal ab, indem er hoch in den Spieler reinsprang, sich in der Luft drehte und Battiston mit seinem Becken traf. Durch die Wucht fiel Battiston zu Boden und blieb regungslos liegen. Der Ball, von Battiston über Schumacher gelupft, verfehlte das Tor. Der Schiedsrichter wertete die Attacke des deutschen Torwarts nicht als Foul, obwohl der französische Stürmer mit angebrochenem Halswirbel und einer Gehirnerschütterung ausgewechselt wurde.

Rambo Schumacher

Bei aller Begeisterung für den Fußball: Ich hätte Schumacher die rote Karte gezeigt. Das Verhalten Schumachers war mindestens unsportlich, zumal er sich, während der Franzose am Boden lag, um den Spieler nicht kümmerte, sondern Dehnübungen machte und sich darauf vorbereitete, den Abstoß vom Tor auszuführen. Auf den späteren Hinweis eines Journalisten, Battiston habe bei der Attacke Schumachers Zähne verloren, entgegnete  der Kölner: „Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich gern.“ Später hat sich Schumacher bei Battiston entschuldigt.

Die WM in Rom 1990 habe ich zum Teil im Urlaub in der Türkei erlebt in einem Ferien-Hotel. Dort war ein großer Bildschirm aufgestellt und am Abend saßen dann Hunderte vor allem deutsche Touristen vor der Leinwand und bejubelten die Siege der deutschen Kicker über England und die Niederlande. Die Begeisterung war groß, vor allem Lothar Matthäus spielte überragend, Rudi Völler gehörte zur Truppe wie Illgner(Torwart), Littbarski, Hässler, Klinsmann, Augenthaler, Buchwald, Kohler, Brehme, der im Finale den Elfmeter verwandelte. Es war das Turnier kurz nach dem Mauerfall. Während des Turniers wurde Rudi Völler vom holländischen Spieler Frank Rijkaard angespuckt. Beide Spieler wurden später vom Platz gestellt. Franz Beckenbauer war der Trainer, der Teach-Chef. Sein Motto: „Gehts naus und spielts Fußball.“

Auf den Titelgewinn in Rom folgte die Enttäuschung beim Turnier in Amerika 1994.

Berti Vogts, der Trainer, wird sich erinnern wie Stefan Effenberg, der den deutschen Fans den Stinkefinger zeigte und von Vogts vom Team verbannt wurde. 2006 fand das Sommermärchen statt, Deutschland war der Gastgeber und zeigte sich von seiner freundlichen Seite, das ganze Land war fußball-begeistert und gut gelaunt, fröhlich wie selten, die Welt wunderte sich über ein Land, das nie so locker war wie damals. Mit dieser Laune sähe die Republik heute anders aus!

Mach ihn!

Deutschland und der Fußball. Denken Sie an die Siege in Brasilien 2014, das 7:1 über den Gastgeber, der in Grund und Boden gespielt wurde. Götze, der BVB-Stürmer, schoss das Siegtor gegen Argentinien. Der Fernseh-Reporter rief, oder besser schrie ihm zu, als er den Ball kurz vor dem Tor mit der Brust stoppte: „Mach ihn“!! Und Götze machte ihn, gemeint das Tor zum Sieg. Lassen wir die Turniere in Russland 2018 und in Katar 2022, Deutschland schied in der Vorrunde aus.

Jetzt kommen Mexiko, Kanada, die USA. Also ich freu mich drauf, hoffe auf gute Spiele und darauf, dass Deutschland weit kommt. „Halbfinale“, habe ich gegenüber Freunden getippt und die Antwort erhalten: „Und wovon träumst Du nachts?“ Meine Antwort: „Vom WM-Titel, Manuel Neuer hält wie ein Weltmeister, Kimmich organisiert die Abwehr und Musiala, Wirtz und Havertz spielen die Gegner in Grund und Boden und machen die Buden.“ Einverstanden? Es wäre der fünfte Stern. Wir schauen mit Freunden, vorher gibt es Spargel mit Schinken, Kartoffeln und Sauce hollandaise. Dazu trinken wir einen Silvaner aus Franken. Auf dem Tisch liegen schwarz-rot-goldene Servietten und kleine Fahnen in deutschen Farben, ich trage an dem Abend schwarz-rot-goldene Socken. Mit einer Tröte-auch in den deutschen Farben- werden die Tore der Deutschen gefeiert. Wir drücken den Deutschen die Daumen, dass sie gewinnen. Meinetwegen: Dass wir gewinnen. Drücken Sie doch einfach mit!

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