Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron liebt den großen Auftritt. Er wählt Worte, die auf die Geschichtsbücher zielen, und weckt Erwartungen, die Lichtblicke in Krisenzeiten schaffen sollen. Der bevorstehende G7-Gipfel in Évian jedoch wird die Erwartungen nicht erfüllen. Gastgeber Macron, der das Treffen in dem Kurort als Höhepunkt der französischen G7-Präsidentschaft inszenieren wollte, muss schon froh sein, wenn ihm ein diplomatisches Desaster erspart bleibt.
Die Gefahr geht natürlich vom aggressiven und unberechenbaren US-Präsident Donald Trump aus. Dessen Unfähigkeit zur Kooperation auf Augenhöhe, sein Hang zur Demütigung der europäischen Partner, seine Geringschätzung internationaler Gemeinsamkeit macht jeden Gipfel zu einem Pulverfass. Ein Eklat, ein ernsthaftes Zerwürfnis gar sind unausgesprochene Drohungen, die jede Entschlossenheit im Kampf gegen die vielfältigen Krisen dämpfen, wenn nicht lähmen.
Daran wirkt auch mit, dass der Zusammenhalt der Europäer zu wünschen übrig lässt, die neben Kanada und Japan die Gruppe der Sieben prägen. Fünfzig Jahre nach der Gründung der G6 in Rambouillet, aus der dann die G7 hervorging, hat sich das informelle Bündnis „im Grunde zu einem Anachronismus“ entwickelt, wie Axel Berger von IDOS, dem German Institute of Development and Sustainability mit Sitz in Bonn, vor Journalisten analysiert. Weder die wirtschaftliche Stärke, noch die sicherheitspolitische Bedeutung der Sieben knüpfen an zurückliegende Jahrzehnte an.
Um den eigenen Bedeutungsverlust aufzufangen, laden die G7 Gäste zu ihren Gipfeltreffen ein, in Évian sind Brasilien, Indien, Kenia, Südkorea und Syrien dabei; nicht Südafrika, dagegen hatte Trump sich gesperrt. Dennoch bleibt das Potenzial deutlich hinter dem der G 20 zurück, und einer der Sieben, der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, hat das offenbar vor Augen. Seine jüngste Regierungserklärung, die dem G7-Gipfel und dem direkt anschließenden Europäischen Rat in Brüssel gewidmet war, beließ es bei einer Randnotiz zu Évian. Nationale Fragen nahmen allein zeitlich den weitaus größeren Anteil ein.
Das zeugt von einer gehörigen Portion Ignoranz gegenüber den globalen Krisen unserer Zeit, und darin liegt ein Kern des Problems. Denn niemand wird diese Krisen im nationalen Alleingang bewältigen können, und das ganze Ausmaß ist noch gar nicht abzusehen. Die Wissenschaftler von IDOS (früher DIE) wiesen im Vorfeld des G7-Gipfels auf akut drohende Entwicklungen hin, insbesondere eine Nahrungsmittelkrise, die das Leben von Millionen Menschen gefährdet, die soziale Unruhen befeuert, politische Stabilität kosten und gewaltsame Konflikte schüren wird.
Die Sperrung der Straße von Hormus treibt die Preise in die Höhe, der globale Handel ist empfindlich getroffen, Öl und Düngemittel werden knapp. Klimawandel, Wasserknappheit, Energiekosten und Inflation verschärfen die Hungergefahr in einer Weise, dass IDOS mit Blick auf die Hormus-Blockade von einem Verstoß gegen das Völkerrecht, einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit spricht.
Macron hatte angekündigt, die Verringerung der globalen Ungleichgewichte zu einem der Schwerpunkte der französischen G7-Präsidentschaft zu machen. „Räuberischer Wettbewerb, industrielle Überkapazitäten, Unterinvestition, Überschuldung und Deregulierung, der Rückgang der internationalen Solidarität sowie die Schwäche privater Investitionen in den Entwicklungsländern: All diese Ungleichgewichte gefährden den Wohlstand und die wirtschaftliche Stabilität der Nationen, führen zu erheblichen Spannungen und untergraben den Geist der Zusammenarbeit zwischen den Völkern“, hieß es in seiner Erklärung zu Beginn des Jahres.
Der Präsident sprach sogar von einer Selbstverpflichtung und kollektiven Verantwortung im Kampf gegen die Ungleichheit. Doch nach allem, was abzusehen ist, wird der Gipfel von Évian mit einem dürftigen Kommuniqué enden. Klimapolitisch sieht der stellvertretende IDOS-Direktor Axel Berger die Gefahr eines Rückfalls hinter frühere Beschlüsse. Er appelliert an die Bundesregierung, hartnäckig und standhaft zu bleiben. Vom Bundeskanzler erwartet er mehr persönliches Engagement, um das Thema überhaupt noch auf der Agenda zu halten. Und schließlich bringt der Wissenschaftler die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ins Spiel, die in der Agenda 2030 festgelegt sind. Kurz vor dem Zieljahr fällt die Bilanz des Erreichten ernüchternd aus. Da brauche es starke Stimmen für neue Anstrengungen. Von der G7 sind die in naher Zukunft wohl kaum zu erwarten. Die Präsidenschaft geht im kommenden Jahr an die USA über.












