Endlich! Die nächste Sau wird durchs journalistische Berliner Dorf getrieben. Wusste die Blase vor Wochen, dass die Ablösung von Friedrich Merz als Kanzler bei der Union unmittelbar vor der Tür stehe, so richtet sich jetzt der Fokus auf die SPD. Erst wusste der Spiegel: „Jetzt reden sie schon wieder über neue Chefs.“ Dann orchestrierte die Bild, die sich beim Treiben nie lange bitten lässt: „In der SPD wird jetzt über einen Cheftausch getuschelt.“
Das hört sich danach an, als hätten das Magazin und das Boulevardblatt neue exklusive Erkenntnisse über die Stimmungslage der Sozialdemokraten. Genau betrachtet wird aber nur alter Brei breit getreten. Dass Lars Klingbeil in der Partei nicht beliebt ist, dokumentiert sein desaströses Wahlergebnis auf dem Parteitag im letzten Jahr: Nur knapp 65 Prozent der Delegierten stimmten für ihn.
Dass die Partei bei 11 bis 12 Prozent in den Umfragen in einer desaströsen Lage ist, zu dieser Analyse bedarf es keiner Tuschelei. Dass Panik ausbrechen könnte, wenn die Partei bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im Herbst an der Fünf-Prozent-Klausel und Manuela Schwesig in Mecklenburg-Pommern als Ministerpräsidentin scheitern würde, dafür bedarf es keiner vermeintlich exklusiven Recherchen.
Die Sau muss durchs Dorf und Schlagzeilen sind das Lebenselixier im Überlebenskampf um Klicks und Auflagen. Also: Bei Lichte betrachtet gibt es in der SPD nichts Neues. Personelle Spekulationen sind immer ein Quell journalistischer Freuden. Und die Sehnsucht der SPD nach einer anerkannten, geachteten und kompetenten Parteiführung ist seit Monaten ein Dauerprogramm. In dieser Woche hat es sich emotional entladen. Bei der traditionellen Spargelfahrt des eher pragmatisch konservativen Seeheimer Kreises auf der Spree stand Co-Parteichef Lars Klingbeil freundlich begrüßt am Rednerpult, aber das versteckte Signal war ein anderes: Der im Ranking beliebteste deutsche Politiker, Verteidigungsminister Boris Pistorius stand auf den Tischen.
Nicht persönlich, sondern in Gestalt einer Tasse mit seinem Konterfei. Das ist seit Jahren die höchste Auszeichnung, die die Seeheimer zu vergeben haben. Wen sie verehren, bekommt eine Tasse – postum oder lebend: Willy Brandt hat eine, natürlich, Helmut Schmidt, Johannes Rau, Peter Struck, Hans-Jochen Vogel oder auch die ehemalige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt. Um nur einige zu nennen. Und jetzt ist Pistorius in diese originelle „Hall of Fame“ der SPD-Konservativen aufgenommen worden. So ist das: Erst mit einer Tasse im Schrank hat man den Seeheimer Eignungstest als großer Sozialdemokrat bestanden.
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Ein journalistischer Glaubenskrieg zieht herauf. Was darf die KI? Darf sich ein Autor Texte von der künstlichen Intelligenz schreiben lassen und seinen Namen als Urheber darüber setzen? Ausgangspunkt der Debatte: Ein Text über die Gefährdungen sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche, den der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) im letzten Jahr für die FAZ schrieb. Die Zeitung, hinter der ja ein kluger Kopf stehen soll, will jetzt erkannt haben, dass nicht Voigts Kopf, sondern die KI der Urheber war – und löschte den Text ihrem journalistischem Selbstverständnis folgend auf ihrem Internet-Auftritt.
Überheblich tat Matthias Döpfner, der eigenwillige Chef des Springer-Konzerns, das als „Postkutschen“-Journalismus ab, verteidigte nicht nur den Einsatz von KI beim Schreiben, sondern: Er verkündete stolz, kein einziges Wort des Pamphlets gegen die Frankfurter Journalisten selbst geschrieben zu haben. Alles formuliert aus den unendlichen Weiten der Tech-Daten.
Soll das die Zukunft des Journalismus sein? Hoffentlich nicht! Es sei denn, man begegne dem rechten Geschreibsel mancher Springer-Autoren mit dem gleichen Zynismus wie der Bild-Schreiber Harald Martenstein. Der kommentierte die KI-Künste des thüringischen Ministerpräsidenten gewohnt Politik-verachtend: „Vielleicht ist es für den Staat sogar besser, wenn bestimmte Politiker auf die Künstliche Intelligenz zurückgreifen als auf die eigene.“
Na ja: Vielleicht – oder sollte man sagen – sicher ist es für die Leser ja sogar besser, wenn bestimmte Konzernchefs oder Schreiber des Springer-Verlags …!!!
Dass nicht nur die FAZ allergisch auf die KI als Autor reagiert, bewies in diesen Tagen auch der Berliner Tagesspiegel. „In eigener Sache“ entschuldigte er sich reumütig, dass eine Reihe von Meinungsartikeln ihres Ex-Chefredakteurs und Herausgebers Stephan-Andreas Casdorff von KI geschrieben wurde. Die Artikel wurden gesperrt und Casdorff, der Editor-at-Large (was auf gut Deutsch heißt: über alles schreiben zu dürfen, was einem in den Sinn kommt oder eben auch nicht) wurde aufgefordert, „alle publizistischen Aktivitäten für den Tagesspiegel bis auf Weiteres ruhen zu lassen“.
Schade! Unrühmlicher Imageverlust eines Journalisten, der das Berliner Blatt über Jahre geprägt hat. Die glasklare Reaktion des Verlags eine Warnung an alle, die nicht Döpfner heißen und die KI als Autor verehren: Führe uns nicht in Versuchung!
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Scheiffer (Waldmaler.de)












