Rassisten sind hässlich

Alltäglicher Rassismus auch in Deutschland

Barack Obama hat im ersten Teil seiner Autobiographie(im Blog-der-Republik besprochen) vom alltäglichen Rassismus in den USA geschrieben- aus eigenem Erleben. Dass er seinen Ausweis vorzeigen musste, sein weißer Studienfreund aber nicht, dass er Probleme bei der Wohnungssuche hatte, der weiße Konkurrent nicht. Ja, er musste es sich gefallen lassen, dass sein Amtsnachfolger den USA-Präsidenten Obama zwang, die Geburtsurkunde aus Hawai anzufordern und der Öffentlichkeit zu präsentieren, weil Trump behauptet hatte, Obama sei gar nicht in Amerika geboren. Sich über diesen Rassismus zu empören, ist das eine, das andere ist, dass wir keinen Grund haben, mit dem Finger Richtung Washington zu zeigen. Rassismus ist hier bei uns auch verbreitet. Im „Tagesspiegel am Sonntag“ lese ich eine Geschichte über einen Exil-Kubaner, der im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick als Arzt „die Pandemie in Schach hielt“, wie die Zeitung anerkennend schreibt, „bis ihm ein AfD-Stadtrat in die Quere kam“.

Die Geschichte des Dr. Denis Hedeler ist bemerkenswert und liefert Einblicke in den Alltag in Deutschland. In der Zeitung hat sie die Überschrift: „Der Rassismus-Infekt.“ Hedeler(51) stammt aus Havanna, Ende der 1990er Jahre kommt er nach Berlin. Mit Hilfe von „Ärzte ohne Grenzen“ und einem Touristenvisum für Deutschland gelingt ihm der Abschied von Kuba, im Grunde gegen den Willen der Regierung Castro. Hedeler, ein schwuler Mann, will ein freieres Leben führen. Er lernt die quirlige Hauptstadt Berlin kennen und lieben. Es folgt ein Wechsel nach Bremen, Deutsch-Kurse, mit „Ärzte ohne Grenzen“ ein Einsatz in Angola und anderes mehr. 2018 bewirbt er sich als Hygienereferent und stellvertretender Amtsarzt in Treptow-Köpenick. Der dortige Arzt steht vor seiner Pensionierung und ist froh, dass Dr. Hedeler die Stelle antritt. Es stört Hedeler zu der Zeit auch nicht, wie der Tagesspiegel berichtet, als ein Mann ihm erzählt, dass ein AfD-Politiker das Gesundheitsamt in Treptow-Köpenick leitet.

Alles scheint zu laufen, bis die Pandemie auch Berlin erschüttert. Und ab dann beginnen die Probleme mit AfD-Stadtrat Bernd Geschanowski, weil der die Maßnahmen des Amtsarztes für übertrieben hält, so das Berliner Blatt. Oder grundsätzlich:  Weil die AfD die ganze Pandemiepolitik nicht nur in Berlin und in Treptow-Köpenick, sondern bundesweit „für eine Gängelung der Bürger“ hält. Es kommt zu Auseinandersetzungen, Geschanowski fordert ein Disziplinarverfahren gegen Hedeler, wozu es nicht kommt, der AfD-Stadtrat soll Hedeler in einem Vier-Augen-Gespräch aufgefordert haben, an seiner „Außendarstellung“ zu arbeiten und habe dabei auf seine braune Haut gezeigt, berichtet Hedeler später. Er sieht darin eine rassistische Entgleisung.

Fristlose Kündigung

Hedeler scheitert bei der Bewerbung um die Amts-Arzt-Stelle, nimmt sich einen Anwalt. Er bewirbt sich erneut, man macht ihm klar, er erfülle nicht die geforderten formalen Voraussetzungen. Er geht an die Öffentlichkeit, weil er vermutet, dass er als schwuler Arzt, als Asylbewerber nach Deutschland gekommen, nicht in das Weltprofil der AfD passe. „Ich fordere Gerechtigkeit“, zitiert die Zeitung Dr. Hedeler. Geschanowski weist alle Vorwürfe zurück, weist daraufhin, dass das schwierige Verhältnis zu Hedeler auf dessen „wiederholter Arbeitsverweigerung“ beruhe. Hederer behauptet, aus dem Umfeld von Geschanowski habe er sich Fragen gefallen lassen müssen wie: „Wo haben Sie eigentlich studiert?

Ende November wird Hedeler als stellvertretender Amtsarzt abgesetzt, Mitte Dezember fristlos gekündigt. Geschanowski habe diese Kündigung „wie eine gewonnene Schlacht verkündet“, beschreibt der Reporter des Blattes den Stil des Auftritts des AfD-Stadtrats. Wörtlich zitiert er Geschanowski mit den Worten:“Herr Hedeler hat seine Herkunft, seine Hautfarbe und seine sexuelle Identität instrumentalisiert und gezielt als Mittel eingesetzt, um damit einen Vorteil zu erzielen.“ Hedeler habe eine „öffentliche Rufmordkampagne“ gegen ihn als Person geführt.

Hedeler arbeitet inzwischen, so der Tagesspiegel, als Amtsarzt von Dahme-Spreewald. Dort sei man froh, heißt es in der lesenswerten Reportage weiter, einen „ausgewiesenen Pandemie-Experten gewonnen zu haben.“ Die Stelle des Amtsarztes in Treptow-Köpenick sei immer noch nicht besetzt. Rassismus in Deutschland.

Wahrheit schwer zu verkraften

Ich habe diese Reportage aus dem Berliner „Tagesspiegel“ ausführlich zitiert, weil sie deutlich macht, mit welchen Problemen Ausländer, auch wenn sie qualifiziert sind, immer noch zu kämpfen haben, weil sie mit Vorurteilen leben müssen, die vor allem von einer Partei, der AfD, geschürt werden. Dass alle Menschen frei seien und gleich, steht zwar in der Verfassung, in der es im Artikel 1 heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aber im Alltag sieht es anders aus. Als Bundespräsident Johannes Rau unmittelbar nach seiner Wahl 1999 in einer kurzen Rede sich für das Vertrauen bedankte und exakt diesen Artikel 1 zitierte und dazu erklärte: „Es heißt, die Würde des Menschen ist unantastbar, es heißt nicht, die Würde des Deutschen ist unantastbar“, erntete er Beifall von seiner Partei der SPD, den Grünen und der FDP, Unions-Wahlfrauen und -männer dagegen machten mit ihrem Grummeln und Murren ihren Unmut deutlich. Die Wahrheit ist gelegentlich schwer zu verkraften.

Ein Blick in die Statistik belegt den Alltags-Rassismus in Deutschland, Angriffe auf die Menschenrechte sind bei uns nicht so ungewöhnlich, wie wir uns das wünschen. Und zwar in der Schule und Hochschule, beim Arzt, bei der Polizei, bei der Stadtverwaltung, bei der Wohnungssuche, im Sport. Wir empören uns über Äußerungen eines Marcel Reif, weil der von Jung-Türken gesprochen hatte, um die Erfahrung von Fußballern wie Reus und Hummels zu betonen. Jung-Türken, das erinnert mich an die FDP der 50er Jahre, als die jungen Wilden der Freien Demokraten wie Willy Weyer und Walter Scheel die FDP liberaler und offener machen wollten, als es der Nationalliberale Erich Mende tat. Reif zu kritisieren, halte ich wirklich für völlig überzogen. Reif ist zweifelsfrei nicht mal im Ansatz ein Rassist oder Fremdenfeind. Was man vor vielen Jahren mit dem Schalker Spieler Gerald Asamoah machte- gegnerische Zuschauer verhöhnten ihn mit Affenlauten, das war eine Entgleisung, die uns damals aber gerade mal ein „unerhört“ wert war. Asamoah war deutscher Nationalspieler. Die Vorwürfe gegen einen wie Clemens Tönnies, vormals Aufsichtsratschef von Schalke 04, sind schon ein anderes Kaliber, zumal er, wie ich damals gehört habe, die schriftliche Rede auf dem Tag des Handwerks vom Blatt gelesen hatte. Der Satz, man sollte 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren, „dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn´s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, klingt dann schon mehr nach Rassismus. Und den Bayern Karl-Heinz Rummenigge kann man wegen seiner Äußerungen zur Spuck-Attacke des Gladbacher Spielers Thuram auf den Hoffenheimer Kicker Posch als Beispiel für Stammtisch-Rassismus deuten. (Rummenigge:“Was wäre passiert, wenn es umgekehrt passiert wäre- dann hätten wir wieder eine Rassismus-Debatte?“)

Nazis saßen in allen Behörden

2019 gab es laut Bundesinnenministerium 7909 rassistische Straftaten, etwas mehr als im Jahr zuvor, darunter Hasskriminalität, antisemitische und islamfeindliche Attacken, Pro Asyl notierte 1100 Übergriffe auf Asylsuchende und ihre Unterkünfte, darunter Brandanschläge. Gewaltbereite Menschen hetzten ihre Hunde auf Flüchtlinge, es gibt No-Go-Areas in einigen Orten Ostdeutschlands, aber auch in Teilen von Dortmund und Berlin. Wir streiten darüber, ob wir Straßen umbenennen sollen, wie zum Beispiel die Mohren-Straße in Berlin. Spaßvögel haben Pünktchen drüber gemalt und Möhren draus gemacht. So einfach ist das nicht. Zumal das Problem schon tiefer liegt, der Kolonialismus hatte auch in Deutschland und mit deutscher Mitwirkung seine Auswüchse. Man denke nur an den Völkermord an den Hereros und Namas Anfang des 20. Jahrhunderts. Oder an Debatten im Deutschen Bundestag. So am 12. März 1952. Die CDU-Abgeordnete Luise Rehling sprach von den Besatzungskindern und nannte sie „Negermischlinge, die ein menschliches und rassisches Problem besonderer Art darstellen.“ Aber damals waren die Vorbehalte gegen alles Fremde groß, auch gegen die Amerikaner, die als Besatzer empfunden wurden. Es war die Zeit, da „die größte Fraktion im Bundestag die der ehemaligen NSDAP-Mitglieder“ gewesen wäre. Nazis saßen quasi überall, auch in den Länderparlamenten, in allen Behörden und Ministerien, „sie saßen zu Gericht, in manchen Fällen sogar über ihre ehemaligen Opfer“(Willi Winkler: Das braune Netz) Und es dauerte noch Jahrzehnte, ehe Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 die Kapitulation von Nazi-Deutschland keine Niederlage, sondern eine Befreiung nannte, Befreiung von der braunen Diktatur durch die Alliierten, die Russen, die Amerikaner, Franzosen und Briten.

Die rechtspopulistische AfD macht Politik gegen Ausländer, durch die Flüchtlingskrise gelangte sie mit ihren deutschen Parolen in alle Parlamente, auch ins Europaparlament. In aktuellen Fragen hat diese Partei immer noch rund 9 Prozent der Wählerinnen und Wähler hinter sich. Mir ist das bunte Deutschland lieber als das dumpfe. Merkels „Wir schaffen das“ hat Deutschlands Ruf in der Welt, tolerant, offen und sozial zu sein auch gegenüber Geflüchteten, gut getan. Von rund 83 Millionen Menschen in Deutschland haben rund ein Viertel Migrationshintergrund, ein Drittel dieser Gruppe ist hier geboren. Wie übrigens der schon erwähnte Asamoah. Und auch Boateng, der Weltmeister, der für die Bayern spielt. Der übrigens anders, als es AfD-Gauland polemisierte, sehr beliebt ist.

Um auf den Anfang zurückzukommen, ein Vergleich, den ich von unserem früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann kenne. Der Essener SPD-Politiker, der wegen Konrad Adenauers Wiederbewaffnungspolitik die CDU verließ und dann über den Umweg der GVP zur SPD gewechselt war,  sagte einst: Wer mit dem Finger auf jemand anders zeigt, muss wissen, dass drei Finger derselben Hand auf ihn zurückweisen. 

Nimm Rassismus persönlich, empfiehlt eine Aktion gegen Fremdenfeindlichkeit. Persönlich, als wäre es ein Angriff auf deine Person. Rassismus spaltet wie Hetze und Hass. Versöhnen ist besser, Respekt vor einander, Rücksicht, Alle Menschen sind gleich. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch die deines Nachbarn, gleich welcher Herkunft er ist, welche Religion er hat und welche Hautfarbe er hat. Nein zu Rassismus. 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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