Als Tasmania gegen Schalke spielte

Mit Schalke geht es seit Wochen so, wie es jedem ergeht, der nicht trifft, außer als Fußgänger in Hundehaufen. Spott ist angesagt. Schalke jagt den Rekord von Tasmania, ist da zu lesen. Schalke auf den Spuren des alten Berliner Klubs. Gemeint ist natürlich, dass der einstmals so ruhmreiche Fußballverein aus Gelsenkirchen seit fast einem Jahr kein Spiel mehr gewonnen hat. Diesen traurigen Rekord gab es nur einmal, 1965 war es, als der Fuballklubs Tasmania 1900 Berlin 31 Spiele ohne Sieg blieb, die Schalker haben es erst auf 24 sieglose Partien gebracht. Aber die Saison ist ja noch jung, die Schalker sind auf der Überholspur.

Zur Wahrheit gehört, dass Tasmania damals zwar das erste Spiel der Saison gegen den Karlsruher SC mit 2:0 gewann, aber dann 31 Spiele sieglos blieb. Auch gegen Schalke verloren die Tasmanen. Ich war damals im Olympiastadion, es war der 17. Dezember 1965. Ich studierte in Berlin und hatte eine Bude in Dahlem bei einem Tabakverkäufer, ein älterer Herr, der sich im Fußball auskannte. Er selber war Anhänger von Tennis Borussia. Als er hörte, dass ich Schalke-Fan sei, schlug er vor, mich ins Stadion zu begleiten. Es war ein kalter Tag, nass, dunkel. Meiner Erinnerung nach verloren sich nur ein paar Zuschauer im riesigen Rund des Olympiastadions. Ob es wirklich 4000 waren, wie heute behauptet wird, wage ich zu bezweifeln. Es war keine Corona-Zeit.

Es war ein langweiliges Spiel, Schalke war um eine Winzigkeit besser und gewann mit 2:1. In der Berliner Mannschaft stand ein alter Bekannter, Horst Szymaniak. Der kam ursprünglich aus Oer-Erkenschwick, spielte dort für die SpVgg Erkenschwick, die mal der Oberliga West angehört hatte. Horst Szymaniak fiel schon als Schüler und Jugendlicher durch seine Spielkultur auf. Er war rechter Läufer, wie das damals hieß, und wechselte später zum Wuppertaler SV.  Dann zog es den „Schimmi“, so sein Spitzname, zunächst zum KSC, dann nach Italien, zu Catania, Inter Mailand und 1965 landete er eben bei Tasmania Berlin. Insgesamt 43 mal lief Szymaniak als Nationalspieler auf, bei der WM 1958 war er dabei, als die Mannschaft von Herberger Vierter wurde.

Der Mann spielte einen  gepflegten Ball, er stoppte das Leder oft mit der Brust, indem er sich weit nach hinten legte. Auch die Grätsche gehörte zu seinen Spezialitäten, aber er war ein faier Spieler. Bei den Berlinern stand er auf verlorenem Posten, hatte doch deren Mannschaft eher das Niveau einer Kneipen-Truppe. Es war neben Szymaniak kaum einer dabei, mit dem er einen Doppelpaß spielen konnte. Man muss bedenken, dass die Tasmanen quasi in die Bundesliga gehoben wurden, weil Hertha BSC aus der Liga geflogen war. Die Herthaner  waren wegen eines Handgeld-Skandals mit dem Zwangsabstieg bestraft worden.

Mitleid im Fußball gibt es selten. Hohn und Spott ist eher die Regel. Nach der jüngsten Niederlage gegen Wolfsburg schrieb ein Kollege: Schalke hält Tasmania-Kurs. Tasmania zittert um Sieglos-Rekord, lautete eine andere Zeile. Schalke hat schon den zweiten Platz in dieser Tabelle des Elends erreicht, hat alle anderen Mitstreiter wie Rotweiß Essen, Alemannia Aachen, 1860 München, den 1.FC Kaiserlautern hinter sich gelassen. Kurzer Einwand: Wo spielen die erwähnten Vereine seit Jahr und Tag?  Noch acht Spiele. So ist das im Leben. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich in Bonn gearbeitet habe. Jeden Montag war um 14.30 Uhr Bundespressekonferenz angesetzt. Schalke spielte in dem Jahr in der zweiten Liga, stand an letzter Stelle. Ein Kollege, der aus Essen stammt und BVB-Anhänger ist, immer für einen Spaß und Spott zu haben, rief quer durch den Raum: „Alfons, wie hat Schalke eigentlich in Münster gespielt?“ Alle lachten, weil jeder wusste, dass die Blauen 0:2 verloren hatten.

Bildquelle: KK nationsonline, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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