Davidstern

Antisemitismus in Deutschland: Mehr als nur die hässliche Seite von Dummheit!

Keine falsche Rücksichtnahme: Ich fürchte, dass die Auseinandersetzung mit den vielen Spielarten des Antisemitismus in Deutschland abermals verloren wird. Nicht verloren geht, sondern verloren wird.

Der Autorin Mirna Funk schreit jemand hinterher: „Rothschild!“  (Bonner General-Anzeiger vom 6.10. 2021. Lokalteil Bad Godesberg, Seite 22). Eine Kleinigkeit? Dummer Kerle Geschrei?

Es ist ein Codewort für Verleumder. Eher noch das Codewort. Rothschild ist das Stichwort, wonach es eine jüdische Verschwörung, eine weltumspannende geben soll. Klammer auf: In manchen Berichten wird nicht geschrieben „ist ein Codewort“, sondern da steht: „Gilt als…“  Bei wem gilt und bei wem ist? Für Adolf Nazi war immer klar: Da ist eine Weltverschwörung am Werke. Kann man in seiner auch in Deutschland mittlerweile neuaufgelegten Schwarte: „Mein Kampf“ nachlesen.

Dem Sänger Gil Ofarim wird das Einchecken im Leipziger „Westin“- Hotel faktisch verweigert, weil er eine Kette mit dem Davidstern um den Hals hängen hat. Auch nur eine Kleinigkeit?

Das Leipziger Hotel- Management hat zwei Beschäftigte von ihren Aufgaben entbunden, es will den Fall untersuchen, denn man wolle allen potenziellen Kunden unabhängig von Herkunft und Religion Unterkunft bieten. Selten fehlt in Berichten über solche „Vorfälle“ der Hinweis „nach eigenen Angaben“. Wer sollte ein solches Verhalten wie das der Angestellten am Hotel-Empfang denn auch melden wenn nicht Betroffene?

Vielleicht liest der in Deutschland geborene Manager Helmut Hoermann von diesem Skandal, um sich zu kümmern. Über ihn schrieb mal Die Welt: „Ein Mann, aus dem Guinness-Buch der Rekorde, Abteilung Hotellerie, kaum noch zu verdrängen, ist Helmut Hoermann, der nacheinander gleich vier große Ketten als Präsident führte: InterContinental, Hilton, Westin und Interhotels. Heute arbeitet er Tag für Tag gleichermaßen zielstrebig – um sein Golfhandicap zu verbessern.“

Vor wenigen Tagen haben sich sogenannte Fußball-Fans im Berliner Olympiastadion antisemitisch aufgeführt: Beleidigt, gepöbelt, eine Fahne mit dem Davidstern angezündet. Der Grund: Maccabi Tel Aviv spielte dort gegen Union Berlin. Der Staatsschutz ermittelt, es gab Festnahmen. Es gibt unter den „Eisernen“, wie sich Anhänger von Union bezeichnen also auch Braune.

So reiht sich eine antisemitische Tat an die andere. Wir haben uns daran gewöhnt. Passiert mal nichts, passiert doch etwas. Dann wird öffentlich darüber gestritten, ob eine Ärztin mit zumindest sehr zweifelhaften likes bezogen auf die Rolle der Juden in Palästina und mit sehr einseitigen Narrativen zum Thema im Kopf für das öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeiten darf.

Wird ein junger Mann oder eine junge Frau, ein Kind attackiert, weil man meinte, da sei Jüdisches auf der Straße, herrscht einige Tage Empörung. Geht es um die Beschäftigung einer jungen Frau mit sehr zweifelhaften Auffassungen setzen sich Hundertschaften aus dem Kreativbereich  empört in Bewegung. Das macht den  Unterschied zwischen Vergessen und nicht vergessen.

Mit dem Blick auf diesen Fall betritt man eine  höchst widersprüchliche und teils auch unappetitliche Szenerie, die bis zu Fridays for Future und deren Spitzenfrau und deren Sympathie für den BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) reicht.

Sportveranstaltungen mit israelischen Mannschaften zum Protest zu nutzen, das gehört übrigens mittlerweile beim BDS zur Tradition – mit Genugtuung wird darüber berichtet.

Was passiert, nachdem etwas passiert ist? Gibt es mehr als „Strafrechts-Klapse“ für Täter? Waren Täter zum Zeitpunkt der Tat nicht ganz klar? Eventuell irgendwie kulturell- religiös blockiert? Ja, war es überhaupt ein Fall von Antisemitismus oder „nur“ lebhafter Protest? Ein Urteil ist manchen in diesem Zusammenhang in lebhafter Erinnerung.

Die Jüdische Allgemeine berichtete: “Gegen zwei der drei Täter des Brandanschlags auf die Synagoge Wuppertal hat das Landgericht in der nordrhein-westfälischen Stadt in dem Berufungsverfahren höhere Strafen verhängt. Ein 30-jähriger Mann wurde zu zwei Jahren, ein 25-Jähriger zu einem Jahr und elf Monaten – jeweils auf Bewährung – verurteilt.“ Zuvor hatte das Amtsgericht der Stadt noch niedrigere Strafen verhängt. Die Allgemeine: …viel Kritik erfuhr der Richter zudem, als er Antisemitismus als Tatmotiv ausschloss. Der Anschlag auf ein jüdisches Gotteshaus sei nur eine Aktion gegen den Gaza-Krieg gewesen, gegen den es damals viele Proteste gegeben hatte.“

Der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Wuppertal, Leonid Goldberg, damals: „Das ist eine Einladung zur Wiederholung“.

Was sollen die Jüdinnen und Juden in Deutschland eigentlich tun? Sich daran gewöhnen, dass man sie für Repräsentanten einer Verschwörung hält, auf die die Nazis ihre Morde gründeten?

Den Davidstern in der Schublade lassen? Die Kippa nur daheim tragen oder in der Synagoge? Sollen sie ihre Namen wechseln, damit sie nicht in den Verdacht geraten könnten, Juden zu sein?

Daheim sein: Was ist denn dann noch daheim? Sollte man in Deutschland nicht sehr, sehr zurückhaltend mit Ratschlägen sein, wo Juden daheim sein können? Sollen sich Juden still und geduldig daran gewöhnen, dass sie beleidigt werden, sobald man ihre Religion bemerkt? Sollen sie sich auf Auswandern vorbereiten? Was viele in Frankreich getan haben? Es ist doch völlig irre, dass wir in Deutschland solches zulassen.

Wenn wir verhindern wollen, dass der Antisemitismus gewinnt, dann reicht es nicht, aufzuklären. Denn manche sind durch Aufklärung nicht  zu erreichen. Dazu ist es leider zu spät. Die Bundesregierung hat das im Übrigen bestätigt: „Antisemitische Verschwörungsmythen sind getarnt als vermeintliches Alltags- und Allgemeinwissen und quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen und Milieus verbreitet, auch in der bildungsbürgerlichen sogenannten `Mitte` der Gesellschaft.“

Quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen und Milieus. Es wird Zeit, dass das Strafrecht weiter geschärft wird. Wer sich antisemitisch aufführt, der muss die Antwort darauf richtig spüren.

Bildquelle: Pixabay, Bild von wal_172619, Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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