Absturz

Bittere Nachwehen beim DFB

Im Netz bieten enttäuschte Fans recht witzig den kompletten Trikotsatz der deutschen Nationalmannschaft für 2,75 Euro an. Den Preis kalkulieren sie mit 0,25 Euro Flaschenpfand mal 11. Adidas hatte vor Beginn der Weltmeisterschaft in Russland das Trikot in Höhe von 90 Euro auf den Markt gebracht. Nun nach dem sang- und klanglosen Ausscheiden des Deutschland-Teams wurde daraus Ramschware, die kaum noch gefragt ist. Der sportliche Misserfolg machte alle Blütenträume der Geschäftemacher, insbesondere auch des DFB, zunichte.

Katerstimmung nach der WM

Es herrscht bei den Verantwortlichen des deutschen Fußballs wahre Katerstimmung. Das gilt weniger für die Nationalspieler, die sich nach den blamablen Vorstellungen auf dem grünen Rasen das eine oder andere Statement des Bedauerns entlocken ließen, danach jedoch in den Urlaub an den Stränden ferner Regionen abreisten. Sie ließen ihren Trainer Joachim Löw und den Obermanager Oliver Bierhoff sowie den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel zunächst ziemlich ratlos zurück. Doch nur wenige Tage nach dem Balltreter-Desaster wurde der Totalschaden wie ein Mini-Unfall mit Blechschaden abgetan. Aus der DFB-Zentrale kam die Nachricht, dass Löw weiterhin Nationaltrainer bleiben will. Lange Zeit vor der Weltmeisterschaft war sein Vertrag bereits bis 2022 verlängert worden, weil die DFB-Oberen seinen Trainerqualitäten und – Künsten so sehr vertrauten. Ja, sie hielten es geradezu für selbstverständlich, dass Löw mit seinen satten und behäbigen Stars den nächsten Titel erspielen würde. Doch mit dem weiteren WM-Stern auf der Brust wurde es nichts – vor allem weil das gesamte Team kaum Bereitschaft zeigte, auf dem Spielfeld zu kämpfen und zu laufen. Vielmehr gewannen die Fußballfreunde den Eindruck, dass das gesamte Kollektiv eben keine echte Mannschaft war.

Überhebliche und pomadige Spieler

Allerdings hatten nicht nur die Experten des Fußballspiels bereits vor dem WM-Turnier den Eindruck, dass es mit Löws Truppe nicht optimal lief. Die Vorbereitungsspiele – etwa gegen Österreich und auch gegen Saudi-Arabien – glichen eher Trauerspielen mit mehr oder weniger willigen Balltretern. Die jungen und hungrigen Spieler waren vom Cheftrainer aus dem Kader gestrichen worden. Damit garantierte Löw den Özils, Khediras, Kroos & Co. die Stammplätze, die diese nur noch zu verwalten gedachten. Doch die Siege und Meisterschaften von gestern sind eben Vergangenheit. Sie lassen sich nur durch große Leistungen, neue Kombinationen und Formationen sowie hohe Treffsicherheit im Wettbewerb mit anderen Nationen, die sich fußballerisch in den letzten Jahren wesentlich verbessert haben, behaupten und wiederholen.

Was die deutschen Spieler an Überheblichkeit und Pomadigkeit in Russland boten, war nicht nur erschreckend, sondern allen Fans gegenüber eine dreiste Frechheit. Bereits im Vorfeld ereigneten sich läppische Vorgänge. Endlos lang wurde über den Torwart Neuer diskutiert und spekuliert, ob er denn nach seiner langen Verletzungspause überhaupt eingesetzt werden kann. Im Trainingslager bestand er den Härtetest; Löw & Co. kommentierten das mit einer solchen Freude, dass man den Eindruck hatte, der Weltmeistertitel sei damit bereits gewonnen. Neuer war gewiss nicht der schlechteste Spieler, aber es standen durchaus gleichwertige Keeper zur Verfügung.

Sieg und Punkte für Erdogan

Geradezu unprofessionell wurde im Vorfeld der Weltmeisterschaft gehandelt, als Gündogan und Özil dem türkischen Präsidenten Erdogan Trikots der deutschen Mannschaft überreichten. Niemand wird wohl jemals die Motivation der beiden Spieler zutreffend ergründen. Die Erklärung für diese Morgengabe an „ihren Präsidenten“ so kurz vor der Wahl in der Türkei hätten nur Özil und Gündogan geben können. Doch vor allem Özil blieb stumm. Da half auch wenig, dass die beiden, die sich einstig freiwillig für das deutsche Nationalteam entschieden hatten, danach dem fußballbegeisterten deutschen Bundespräsidenten noch ihre Aufwartung machten. Das Verhalten und die Erklärungen der DFB-Oberen fielen jedenfalls mehr als dürftig aus. Die Irritationen blieben groß

Özil als Sündenbock?

Nun nach der WM-Pleite wurde das Verhalten von Mesut Özil noch einmal kräftig aufgerührt – vom Manager Bierhoff und vom DFB-Präsidenten Grindel. Der Spieler geriet nun fast zum Sündenbock des gesamten Trauerspiels, zur traurigen Figur in dem längst verspielten Drama. Die Berater, von denen inzwischen Heerscharen für die Kicker und Funktionäre aktiv sind, haben Hochkonjunktur und machen recht gut Kasse. Doch zur Lösung der Probleme leisten sie keinen Beitrag; nur das Niveau der Verwirrung wird immer höher. Vielleicht hat der Vater von Mesut Özil, der früher der Berater war, Recht, wenn er seinem Sohn rät zurückzutreten. Nach den in Russland gezeigten Leistungen würde ihn auch niemand vermissen.

Nicht Mesut Özil allein ist der Spieler, der enttäuscht hat, sondern die Mehrheit in der deutschen Mannschaft hat grottenschlechte Leistungen in den Spielen gegen Mexiko, Schweden und vor allem auch gegen den Fußballzwerg Südkorea gebracht. Deshalb gilt es nach vorne zu blicken und einen Neuanfang zu wagen, denn die WM-Ergebnisse lassen sich ohnehin nicht korrigieren. Die DFB-Funktionäre müssen gemeinsam mit dem Bundestrainer LÖw eine Vorwärtsstrategie entwickeln, damit der deutsche Fußball auch im internationalen Wettbewerb in der Spitze mitspielen kann. Mit kleinkarierten Scharmützeln und dem Nachtarocken wird auf dem Platz kein Spiel zu gewinnen sein.

 

Bildquelle: Pexels, CCO

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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