Corona-Warn-App

Corona hautnah – Erfahrungen und Erkenntnisse

Bevor ich die folgende Geschichte jemandem erzähle, der fragt, warum ich zwei Tage abgetaucht war, habe ich sie einfach aufgeschrieben:

Dienstag: Unsere ältere Tochter ist als pädagogische Fachkraft für Inklusion an einer Gesamtschule in Köln tätig. Am späteren Nachmittag kommt ein Anruf ihres Hausarztes: Ihr Coronatest vom Vortag war positiv. Er hat das Ergebnis an das zuständige Gesundheitsamt gemeldet.

Verständlich, dass unsere Tochter aufgelöst ist, und wir sind natürlich zunächst einmal unsicher, was zu tun ist, trotz allen Vorwissens. Was nun? Die Informationen des Robert-Koch-Instituts sind eher wissenschaftliches Kauderwelsch und erhalten so gut wie keine praktischen Hinweise darauf, was man in einer solchen Situation eigentlich wissen und tun müsste. Die Hinweise und Erläuterungen in der Corona-Warn-App helfen auch nicht viel weiter, da sie sich sehr auf technische Fragen und das Verhalten bei möglichen Kontaktmeldungen beziehen. Die Merkblätter der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind dagegen gut. Sie erklären z. B. den Unterschied zwischen häuslicher Isolation (für positiv Getestete) und Quarantäne (für Kontaktpersonen) und wer in welche Kategorie fällt.

Vor zwei Tagen, also am Sonntag, war unsere Tochter nachmittags bei uns in Neuss zu Besuch, wegen des schönen Wetters teilweise draußen auf der Terrasse und, weil sie von Natur aus sehr vorsichtig ist, mit Abstand und ohne Begrüßungsküsschen etc. Meine Frau war anderthalb oder zwei Stunden mit ihr zusammen und eher nicht „Face to Face“. Ich selbst, weil ich nachmittags unterwegs war, habe sie vielleicht 15 oder 20 Minuten gesehen, aber ohne engen Kontakt.

Am Abend war unsere Tochter zurück zu Hause in Köln, um mit unserer jüngeren Tochter, die auch nicht mehr bei uns wohnt, und zwei Cousinen einen gemeinsamen Abend zu verbringen. Diese drei gelten ab jetzt als direkte oder Erstkontakte und werden deshalb unverzüglich in häusliche Quarantäne müssen. Alle drei sind von unserer Tochter informiert, ebenso wir ihre Schule.

Meine Frau ist, so unsere Einschätzung, anscheinend nicht unmittelbar gefährdet, wäre aber dennoch als Lehrerin an einer Grundschule gut beraten, sich erst testen zu lassen und das Ergebnis abzuwarten, bevor sie wieder zur Schule geht. Sie meldet sich deshalb bei ihrer Schulleiterin für die nächsten zwei Tage ab und geht in freiwillige Quarantäne. Ein letzter eigener Test liegt nur eine halbe Woche zurück und war negativ.

Ich selbst unterliege, so glauben wir, wohl keinen Beschränkungen, da ich nicht lange genug Kontakt mit meiner Tochter hatte, und das auch nur draußen auf der Terrasse. Aber das kann die App des Mobiltelefons ja nicht erkennen, und auch nicht, ob wir uns mit oder ohne Atemmaske getroffen haben. Meine Frau und ich halten trotzdem voneinander Abstand und ich übernachte im Gästezimmer. Wir werden uns am nächsten Tag testen lassen.

Mittwoch: Das Gesundheitsamt hat am Morgen bei meiner Tochter in Köln angerufen. Sie muss alle diejenigen privaten und beruflichen Kontakte „Face to Face“ der vier vorherigen Tage angeben, die länger als 15 Minuten andauerten. Damit sind meine Frau und ich hoffentlich raus, unsere Tochter, die Cousinen und zwei andere private Erstkontakte nicht. Symptome hat meine Tochter keine („einmal am Morgen gehustet“). Sie muss noch zehn Tage in häuslicher Isolierung bleiben, so das Kölner Gesundheitsamt.

Die Aufklärung über nur kurz zurückliegende Kontakte etc. ist nicht unbedingt einfach, aber machbar. Ein gewisses Problem ist der Zeitablauf. Die Identifizierung und Information der Kontaktpersonen durch Gesundheitsamt und Warn-App dauert natürlich seine Zeit. Das Gesundheitsamt meldet sich erst zeitversetzt, und die App muss gefüttert werden, was meine Tochter allerdings noch am gleichen Abend gemacht hat. Überhaupt hat sie sich sehr besonnen und adäquat verhalten, was dem Gesundheitsamt nach dessen eigener Aussage und ihrer Schule die Aufarbeitung erleichtert haben dürfte. Der Schulleiter hat noch am Vorabend entschieden, die Schule am nächsten Tag geschlossen zu halten.

Meine App steht auf Grün und bestätigt damit scheinbar ein niedriges Infektionsrisiko, also keine Risikobegegnung, die länger gedauert hat oder zu nah war. Ich hatte mein Mobiltelefon ständig bei mir, meine Frau eher nicht. Deshalb ist die grüne Farbe bei ihrer Corona-Warn-App weniger aussagekräftig. Die Apps unserer jüngeren Tochter und die der beiden Cousinen stehen auf Rot. Das hat also funktioniert.

Beide Töchter machen Einkaufszettel für die nächsten Tage, die ich am Nachmittag, nach dem eigenen Test, abarbeite. Beide wollten im Übrigen am kommenden Sonntag bei der Kommunalwahl im Wahllokal ihre Stimmen abgeben. Das geht nun nicht mehr. Für die Briefwahl wird es eng, aber sie beantragen elektronisch ihre Unterlagen. Meine Frau und ich haben bereits per Briefwahl gewählt.

Mein Test und der meiner Frau bei unserer Hausärztin gegen Mittag ist harmlos und dauert keine Minute. Mal sehen, wann die Ergebnisse kommen. Beide Töchter müssen in der Zwischenzeit versorgt werden. Erst also zum Supermarkt in Köln, die Einkäufe werden vor der Tür deponiert, dann das Gleiche in Neuss. Beide Töchter sind nach wie vor wohlauf und frei von Symptomen.

Durch das Gesundheitsamt und in der Schule meiner Tochter wird mit ihrer telefonischen Hilfe intensiv und akribisch an der Kontaktnachverfolgung gearbeitet, vor allem mit Blick auf ihr Kollegium, weil noch am Dienstag Nachmittag eine mehrstündige Fortbildungsveranstaltung in der Schule stattgefunden hat, an der meine Tochter federführend beteiligt war. 12 Kolleginnen und Kollegen müssen erst einmal in häusliche Quarantäne.

Die Corona-Warn-App meiner Frau ist zwischenzeitlich auch auf Rot gesprungen, weil sie, so der Text, vor drei Tagen Kontakt zu einer positiv getesteten Person gehabt habe. Gut, dass sie sich heute hat testen lassen. Symptome hat sie keine.

Dann, am späteren Nachmittag: Der Arzt hat im Labor nachgefragt, um Näheres über die Viruslast meiner Tochter zu erfahren, da sie keine Symptome zeigt. Das Labor kann auch auf erneute Nachfrage keine Antwort geben und deutet an, dass am Dienstag eventuell einige falsche Testergebnisse herausgegeben wurden. Der Arzt will am Ball bleiben.

Vorher hat sich noch das Gesundheitsamt Köln bei meiner jüngeren Tochter gemeldet, um sie unter häusliche Quarantäne zu stellen. Allerdings musste der Mitarbeiter bei der Abfrage der Adresse erkennen, dass sie nicht in Köln, sondern im Rheinkreis Neuss wohnt – anderes Gesundheitsamt, andere Zuständigkeit! Das Gesundheitsamt des Rheinkreises wird sich dann wohl morgen melden?

Am Abend, nach acht Uhr, die Nachricht: Der Test war falsch und das Ergebnis ist jetzt negativ! Das Labor hat einen Fehler gemacht. Die Überlastung des Gesundheitssystems, vor der z. B. Gesundheitsminister Jens Spahn seit Beginn der Krise gewarnt hat, ist an dieser Stelle anscheinend noch nicht beseitigt. Wie gut aber auch, dass der Arzt wissen wollte, wie hoch die (angebliche) Viruslast bei meiner Tochter gewesen sein soll.

Jetzt bleibt abzuwarten, wann und wie das Gesundheitsamt alles rückgängig macht. Auf jeden Fall kann ich ja nun die Lebensmittel wieder abholen, die ich meinen Töchtern (unentgeltlich) vor die Türen gestellt habe. 😂 Die Gesamtschule meiner Tochter und die Grundschule meiner Frau werden erleichtert sein. Ob sie für den Fehlalarm Verständnis haben, weiß ich nicht, aber sie können daraus bestimmt nützliche Lehren für einen echten Ernstfall ziehen.

Meine Corona-Warn-App aktualisiert sich alle 24 Stunden, nämlich täglich um 22:47 Uhr. Genau um diese Zeit springt sie, nachdem sie den ganzen Tag Grün angezeigt hat, auch bei mir auf Rot, weil ich „zuletzt vor 3 Tagen mindestens einer nachweislich Corona-positiv getesteten Person über einen längeren Zeitraum und mit einem geringen Abstand begegnet“ bin. Muss ich jetzt überlegen, wen ich vor drei Tagen alles getroffen habe? Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Nur gut, dass ich inzwischen getestet worden bin.

Donnerstag: Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn der Arzt nicht beim Labor nachgefragt hätte? Immerhin gab es eine offizielle Isolierung und drei häusliche Quarantänen in der engeren Familie und mehr als ein Dutzend Quarantänen darüber hinaus, von den Unterbrechungen des Betriebs an der Schule meiner Tochter ganz zu schweigen und dem Rattenschwanz an Folgen bei jedem einzelnen Glied in der Kette.

Gegen Mittag wird meine ältere Tochter durch ihr Gesundheitsamt offiziell informiert, dass sie aus der Isolierung entlassen werden kann. Morgen läuft an ihrer Schule dann hoffentlich alles wieder normal. Die Cousinen erhalten ebenfalls vom Kölner Gesundheitsamt Entwarnung, unsere jüngere Tochter in Neuss erfährt von dort auf Nachfrage, dass ein Fax (!) an das Gesundheitsamt im Rheinkreis Neuss geschickt wird. Vielleicht hat sich die Sache damit erledigt, denn gemeldet hat sich das Amt bei ihr noch nicht! Meine Hausärztin schickt ebenfalls am Mittag die Nachricht, dass mein Test negativ war. Ich gehe davon aus, dass dies auch bei meiner Frau und unserer jüngeren Tochter der Fall ist. Das Ganze ist insgesamt also erst einmal gut ausgegangen. Es hat mir gezeigt, was es heißt, selbst betroffen zu sein und wie schnell sich das auf wieviele Andere ausdehnen kann. Deshalb kann ich nur empfehlen, die Gefahr durch Corona und vor allem die Verhaltensregeln nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich werde jedenfalls noch mehr als bisher auf Abstand, Händewaschen und Atemmaske achten. An diesem Punkt war meine ältere Tochter schon vorher. Blöd, dass ausgerechnet sie das Opfer der Falschmeldung war.

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Jürgen Brautmeier

Der Historiker war bis 2016 Direktor der nordrhein-westfälischen Landesmedienanstalt und von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft aller deutschen Landesmedienanstalten. Heute lehrt er als Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Geschichte sowie Kommunikations-und Medienwissenschaft.


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