Io resto a casa - "Ich bleibe zu Hause"

Corona: Italien als Vorbild für Europa

Das hätte sich bei uns vor ein paar Wochen kaum jemand vorstellen können: Italien als Vorbild beim Corona-Krisenmanagement. Da geht Ministerpräsident Conte an die Öffentlichkeit und verordnet allen Italienern ein Dekret folgenden Inhalts: Io resto a casa. Und dieses „Ich bleibe zu Hause“ wird in diesem Land, das uns bisher als Vorbild diente mit seiner lockeren Art zu leben, bei Pasta e Vino bis in die Nacht zu feiern und es sich gut gehen zu lassen. All das ist seit Tagen gestoppt in Italien, man bleibt zu Hause, still ist es geworden auf dem Stiefel, das sonst laute und fröhliche Land in Watte gepackt. Man will Zeit gewinnen, damit sich das Virus nicht so schnell ausbreitet und die Kliniken und Ärzte nicht überfordert werden. Mögen wir uns am Anfang über Italien gewundert haben, jetzt sind wir exakt auf ihrer Spur, nur mit ein paar Tagen Verspätung. Schulen dicht, Unis dicht, Museen, Fußball ohne Fans. Arbeitgeber zeigen ihre Flexibilität und ermöglichen es ihren Beschäftigten, Home-office zu machen, wo es geht. Deutschland bleibt zu Hause? Ganz so ist es noch nicht, aber man liest und hört jeden Tag immer diese Meldung: Es fällt aus, wird verschoben, vertagt. Das soziale und kulturelle Leben im Lande wird sich verändern.

Die Kanzlerin hatte es angemahnt, als Bitte vor der Bundespressekonferenz geäußert: eben das soziale Leben zu verändern, vielleicht es auszusetzen, damit den wirklich Kranken geholfen werden könne, damit sich die Corona-Epidemie nicht so schnell, ja rasend ausbreitet. Um Solidarität hatte Angela Merkel ihre Landsleute gebeten, die Älteren mehr zu schützen, andernorts wurde um mehr Rücksicht gefragt, sich mehr umeinander zu kümmern, aufeinander aufzupassen und einander mehr zu achten. Und jetzt lese ich das mit dem Unterhaken, genau das wird gefordert für diese Gesellschaft, der man in der Vergangenheit vorwarf, sie sei zu egoistisch, sie kenne das Solidarische ihrer Väter und Vorväter nicht mehr. Jetzt zeigt sich, wie die Krise um Corona diese Gesellschaft verändert. Plötzlich reden wir wieder über das Miteinander, bieten Menschen ihren Nachbarn Hilfe an. Hätten die Kritiker der Bundeskanzlerin diese Rede an die Nation zugetraut? War Merkel nicht gerade in den letzten Jahren mehr und mehr vorgehalten worden, sie sorge sich nur noch um einen  guten Abgang, möglichst stressfrei bis zur nächsten Bundestagswahl im Herbst 2021? Jetzt kann man ihr anmerken, wie sie sich kümmert, sich sorgt um die Deutschen.

Merkels humane Flüchtlingsgeste

Ob sie es den Italienern abgeschaut hat? Ich glaube das nicht. Ihre Kritiker vergessen allzuleicht ihre wirklich große Rolle, die sie 2015 zu Beginn der Flüchtlingskrise gespielt hat, als sie Tausenden und Abertausenden von Menschen in Not grünes Licht gab, über die Grenze zu kommen, damit sie dort eine Erstversorgung bekamen, medizinische Hilfe, ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und zu trinken. Dass eine andere Partei diese wohltuende Menschlichkeit ausnutzte und auch deshalb in fast allen Parlamenten sitzt, ist leider so. Aber das ist nicht Merkels Schuld. Sie hat mit ihrer damaligen Handlungsweise den Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes in alle Welt getragen: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Italiens Ministerpräsident Conte hat die Größe der Nation beschworen, um den Italienern den Stolz zu geben, wie sie die Krise um Corona meistern, wie sie auf fast alles verzichten, was ihr Leben ausmacht. Man werde, so Conte, Italien künftig nicht mehr nur wegen seiner Schönheit bewundern, sondern auch als Modell sehen. „Heute müssen wir Distanz zueinander halten, doch schon morgen werden wir uns mit noch mehr Wärme umarmen und noch schneller laufen.“ Der Patriot Conte zeigte seinen Landsleuten, wer er ist und weshalb er das Land regiert und wie er es durch die Krise führen will: Mit ihnen gemeinsam. Fernsein und Umarmen, das passt zusammen. Zwar zählt das Land mehr Infektions- und Todesfälle  als andere Länder Europas, reagiert aber schneller und konsequenter und werde deshalb auch früher aus der Krise herausfinden, weil die anderen eben den Weg Italiens noch vor sich hätten. Ursula von der Leyen, die EU-Kommissionspräsidentin, machte es Conte nach und rief den Italienern in einer Video-Botschaft zu: „Siamo tutti Italieni“. Wir sind alle Italiener. Entsprechend der Solidarität finden sich, so in einem Korrespondenten-Bericht der SZ, Ermunterungen auf Balkonen und Hausmauern, als Graffiti oder auf Spruchbändern: Man dankt den Ärzten und Krankenpflegern für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit. Und den Besorgten wird zugerufen: Andrà tutto bene. Alles wird gut.

Der Petersdom ist geschlossen

In einem Artikel für die IPG(Internationale Politik und Gesellschaft), ein Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung,  beschreibt Tobias Mörschel das Leben in Italien, das sich anmute wie Science Fiction, auch Deutschland müsse zur Bekämpfung des Virus sofort zu radikalen Maßnahmen greifen, die die Italiener bereits in Kraft gesetzt hätten: das gesamte kulturelle Leben werde eingestellt, Museen, Theater, Oper, Kinos, alles dicht wie auch Schulen und Unis, keine Tagungen mehr, keine Kongresse,kein Fußball,  kein Leben in Clubs und Diskotheken, keine Hochzeiten, keine Beerdigungen, keine Gottesdienste mehr, kein Weihwasser, alle Geschäfte geschlossen mit Ausnahme von Lebensmittelläden und Apotheken. Es wird eine Ausgangssperre verhängt, heißt, die eigene Wohnung darf nur im Ausnahmefall- also wenn man zur Arbeit geht oder fährt- verlassen werden, draußen ist ein Abstand von 1,5 Metern einzuhalten, Menschenansammlungen aller Art sind verboten. Um das noch zu ergänzen: der Petersdom ist geschlossen. Es sind Maßnahmen in Kraft, die es „selbst zu schwersten Pestzeiten nicht gegeben“ habe, so Mörschel.

Der Autor empfielt , „ganz genau sollte Europa jetzt nach Italien schauen und von den Italienern lernen, wie das Land innehält, um eine Krise von bedrohlichem Ausmaß in vielleicht letzter Sekunde doch noch abwenden zu können.“ Zehn Tage, exakt zehn Tage trennten Deutschland von Italien, so Tobias Mörschel. „Vor zehn Tagen hatte Italien dieselben Fallzahlen von mit dem Corona-Virus infizierten Personen wie Deutschland sie heute hat. Und es besteht kein Grund zur Annahme, dass das Virus sich in Deutschland langsamer verbreiten wird.“ Der Autor erinnert daran, dass es nichts gegeben habe, an dem sich Italien hätte orientieren können. „Die übrigen europäischen Länder finden hier jedoch nun Blaupausen und können damit wertvolle Zeit gewinnen- sie müssen nur den Mut haben, den die italienische Regierung bewiesen hat, und die Menschen müssen den Gemeinsinn aufbringen, den die Italiener gezeigt haben.“ Gerade weil US-Präsident Trump wieder mal kein Vorbild ist, wieder mal Führungsqualität vermissen lässt und mit dem Finger Richtung Europa schaut, als wäre die EU die Schuldige.   Corona wäre ein Fall, an dem Europa gesunden könnte, indem es seinen Gemeinsinn beweist. Als ein Europa.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann(geralt), Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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